Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Mit der Tsunami-Flutwelle wurde eine ganze Region in Südostasien traumatisiert. Und auch Katastrophen wie die Anschläge vom 11. September haben nicht nur Individuen, sondern ganze Gemeinschaften, ja ganze Nationen erschüttert. Ein soziales Trauma ist die Folge. Anngwyn St. Just, eine der renommiertesten Trauma-Therapeutinnen, zeigt, wie sie traumatisierte Menschen (etwa missbrauchte Frauen, Kriegsveteranen, Flüchtlinge) aus der inneren Fixierung herausholt und sie wieder in die Balance zurückbringt. Dabei spielen die Arbeit in der Natur sowie nonverbale und kinästhetische Erfahrungen eine zentrale Rolle. Ihre kreativen Behandlungskonzepte zeigen: Auch nach einem kollektiven Verlust des Gleichgewichts können traumatische Erschütterungen integriert werden.
Über den Autor
Auszug aus Soziales Trauma von Anngwyn Saint Just, Anngwyn Saint Just, Anngwyn St. Just. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wenn man Schriftsteller ist, verpflichtet einen das Aneignen wichtiger Erfahrungen geradezu, darüber zu berichten.
Beim Schreiben erforscht man, was sie für einen
selbst bedeuten, wie man in ihren Besitz gelangt und sie
letzten Endes wieder freigibt.
Michael Crichton, Travels
Ich bin Somatische Traumatologin und habe mich auf ein relativ neues Gebiet spezialisiert, soziales Trauma. Trauma wird von der American Psychiatric Association als Reaktion auf ein überwältigendes Geschehen im Leben bezeichnet - so wenigstens lautet die Definition im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder, IV. Trauma ist ein Adaptionsprozess, der seine Zeit braucht. Gemäß dieser Auffassung ist PTSD (Post-Traumatic Stress Disorder; posttraumatische Belastungsstörung) das Resultat komplexer Wechselbeziehungen zwischen psychologischen, biologischen und sozialen Faktoren. Das Schlüsselwort dabei ist »Reaktion«: Beim individuellen Trauma rührt die Reaktion vom Nervensystem her und ist nicht im Ereignis selbst begründet.
Meiner Meinung nach trifft diese Definition auch gut für die Somatische Traumatologie zu - ein aufstrebendes Forschungsgebiet, welches sich darauf richtet, innovative Ansätze zu entwickeln, um mit Hilfe psychophysischer Methoden die bewussten und unbewussten körperlichen Reaktionen auf ein überwältigendes Ereignis zu erfassen und wieder ins Lot zu bringen. Im Bereich des sozialen Traumas müssen wir diese Definition erweitern, damit sie nicht nur die Auswirkung von ungelöstem Trauma auf den Einzelnen umfasst, sondern auch auf jene Menschen, die in Beziehung zu den Traumatisierten stehen, und ebenso auf das noch weitere Umfeld wie Gemeinde, Kultur, Nation, globale Gemeinschaft und die Erde selbst. Es ist dabei wichtig zu verstehen, dass ein nicht bearbeitetes Trauma dazu beiträgt, ungelöste soziale Probleme über Generationen hinweg fortbestehen zu lassen. Dieser Dynamik sind sich die Betroffenen meist überhaupt nicht bewusst. Da ich auch Kulturhistorikerin bin, halte ich solche Generationsdynamiken für sehr bedeutsam.
Dieses Buch begleitet mich auf die eine oder andere Weise seit mehr als zehn Jahren. Während es langsam Form annahm, musste ich zwei wichtige Entscheidungen treffen. Die erste war, ob ich ein Fachbuch über soziales Trauma für Mitarbeiter im klinischen Bereich schreiben sollte oder ein Sachbuch, das auch interessierte »Laien« anspricht. Als Zweites musste ich zwischen einem persönlichen und einem distanzierten, sachlichen Stil wählen.
Ich habe mich entschlossen, mich an eine breitere Leserschaft zu wenden und aus meiner eigenen, höchst persönlichen Sichtweise heraus zu schreiben.
Das Bedürfnis, über mein wachsendes Verständnis von kollektiver Überwältigung zu schreiben, ist der zunehmenden Einsicht entsprungen, dass Trauma und seine Nachwirkungen auf der ganzen Welt sowohl endemisch (d.h. örtlich begrenzt) als auch epidemisch auftreten. Die psychosozialen und ökonomischen Auswirkungen von Trauma sind sehr kostspielig. Jüngste Untersuchungen haben gezeigt, dass Trauma-Opfer unsere sozialen, medizinischen, staatlichen und gerichtlichen Institutionen unverhältnismäßig oft beanspruchen. Als Folge der tragischen Ereignisse vom elften September hat nicht nur unser Bewusstsein über das wahre Ausmaß dieser Thematik zugenommen, sondern wir müssen leider auch feststellen, wie begrenzt unsere Ressourcen für die Behandlung posttraumatischer Stressreaktionen sind, welche uns die bestehenden Paradigmen liefern. Angesichts der wachsenden Anzahl von Trauma-Überlebenden und unter dem Druck ständig steigender Kosten im Gesundheitswesen wird offensichtlich, dass wir auf eine Krise zusteuern. Ein altes chinesisches Sprichwort rät: »Wenn wir nicht die Richtung ändern, werden wir wohl genau dort enden, wo wir hingehen.«
Wenn wir die Herausforderungen, die auf uns zukommen, meistern wollen, müssen wir unser Verständnis von Trauma erweitern, so dass es jene Arten von Überwältigtsein mit einschließt, die über das traumatisierte Individuum hinausreichen. Das Konzept des sozialen Traumas - jener Formen von Trauma also, die über den Einzelnen hinaus in die Gemeinschaft, auf Kulturen, Nationen und auf die ganze Erde übergreifen - ist noch sehr neu. In Anbetracht der zunehmenden natürlichen und vom Menschen verursachten Katastrophen, von ansteckenden Krankheiten, Kriegen, Revolutionen, ethnischen Säuberungen, Terrorismus und weiteren Formen von Gewalt auf dem gesamten Erdball ist es für die betroffenen Regionen oft eine Frage des physischen, sozialen, kulturellen oder politischen Überlebens, welche Hilfsmaßnahmen jeweils getroffen werden.
Es ist heute unbedingt erforderlich, Trauma als globales Problem zu verstehen und anzuerkennen, dass ein dringendes Bedürfnis besteht, internationale, kulturübergreifende und kosteneffektive Programme für den Umgang mit Trauma und seine Heilung zu entwickeln, die sich auf leicht zu übermittelnde Konzepte stützen. Immer wieder hat sich in vielen Teilen der Welt gezeigt, dass Menschen in Katastrophensituationen Unterstützung in Form von sofortiger medizinischer Betreuung, Nahrung, Wasser und Notunterkünften benötigen. Trauma-Beratungsprogramme, die nach dem Motto arbeiten »Eine Methode gilt für alle«, werden nie wirklich greifen, denn Menschen reagieren höchst individuell und kulturspezifisch auf überwältigende Ereignisse in ihrem Leben. Die meisten Trauma-Spezialisten mit Erfahrung stimmen darin überein, dass die Reaktionen auf Katastrophen je nach Art des Ereignisses stark variieren. Zudem gilt es, individuelle Unterschiede in Bezug auf das Alter, den Gesundheitszustand, die!
Problembewältigungsstrategien, die Grundannahmen über das Leben und die vorhergehende emotionale Problematik zu berücksichtigen und zu respektieren.
Mit der Zeit hat sich immer klarer erwiesen, dass das Verständnis von Trauma uns allen, die wir die Bedingungen des menschlichen Daseins besser verstehen möchten, wertvolle Hilfe leistet. Genau darum muss sich dieses Forschungsgebiet weit über die bereits sorgfältig abgesteckten Felder der Psychiatrie, Psychologie, Soziologie und sogar der so genannten Psychohistorik hinaus erstrecken. Meine mehr als dreißigjährige Erfahrung im Studieren, Unterrichten und Behandeln von Trauma sowie akademische Studien in Geisteswissenschaften, Geschichte und Kunst haben mich zu einer Sichtweise geführt, in deren Rahmen ich Trauma als integralen Bestandteil der menschlichen Erfahrung verstehe und akzeptiere. Als Historikerin weiß ich, dass das griechische Verb historien »Fragen stellen« bedeutet, und dies war auch für mich stets ein motivierender Faktor, wenn ich mich mit Trauma befasste.
Humanistische Studien und ein aufmerksames Auge für die Geschichte wie auch für das gegenwärtige Geschehen offenbaren uns, dass alle Formen von Überwältigung, denen wir im individuellen, kommunalen, nationalen und internationalen Leben begegnen, uns auf die eine oder andere Weise seit jeher begleitet haben. Für den Homo sapiens ist Trauma sozusagen »im Vertrag enthalten« - eine oft unvermeidliche Komponente in der Evolution unseres Verständnisses unserer selbst, der Welt und der Macht jener großen und geheimnisvollen Kräfte, die unser kollektives Schicksal gestalten. Meinen Fokus als Trauma-Spezialistin über das individuelle Trauma hinaus auf den Bereich des sozialen Traumas auszuweiten, war ein höchst persönlicher Prozess - für mich als Individuum, als Frau und auch als Kind des Kriegs.
Meine Leser sind eingeladen, mich bei diesen Nachforschungen zu begleiten. Sie gruppieren sich um drei größere Projekte, welche in die Zeit fielen, als ich Graduate Student am Western Institute for Social Research in Berkeley, Kalifornien, war. Die Kapitel drei bis sechs handeln von Erfahrungen in hoher Bergwildnis, die mich zunehmend Einsicht in die Macht der Natur als Kraftquelle zum Heilen von Kriegswunden gewinnen ließen. Die Arbeit mit Kriegstrauma in den High Sierra Mountains führte auch zu einem tieferen Verständnis dafür, wie sich jeder Krieg auf Beziehung und Familie auswirkt und häufig auch noch die nachfolgenden Generationen belastet und beunruhigt. Hierbei wurde mir bewusst, dass ich mir die Thematik von Krieg und Geschlecht genauer ansehen müsste. Das führte schließlich zu meinem Beitrag »Männer, Frauen und der Krieg - und der Krieg zwischen Männern und Frauen«.
Die Kapitel sieben bis neun handeln von meinem nächsten Projekt mit traumatisierten Frauen im Moon Rock State Park und an anderen Schauplätzen entlang der nordkalifornischen Küste. Diese Kapitel übertragen einige meiner Fragen zum Thema Geschlechter in ein anderes Forschungsgebiet und beziehen das Heilungspotenzial der Arbeit mit Frauen in der Natur mit ein. Die Erfahrungen von Moon Rock am Rand des Pazifischen Ozeans dienten auch dazu, mein Verständnis des kulturübergreifenden Potenzials von »Metaphern der Natur« zu vertiefen. Was ich dort durch die Zusammenarbeit mit einer brasilianischen Schamanin lernte, erwies sich von unschätzbarem Wert in der Vorbereitung für die interkulturelle Arbeit mit Kriegstrauma in Russland. Das Wertvollste, was wir von der Natur für unsere kulturübergreifende Arbeit lernen können, ist die Erkenntnis, dass die Natur eine wichtige Ressource für alle in Privatpraxen, Kliniken und anderen Einrichtungen Tätigen ist.
Die Kapitel zehn bis dreizehn handeln von meinen Besuchen in Russlands einziger Trauma-Klinik und von der Zusammenarbeit mit einem traditionellen Schamanen in einem großen Waldgebiet. Diese Kapitel erkunden unsere gemeinsamen Projekte sowie einige der interkulturellen und geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der ehemaligen Sowjetunion. Mein Aufenthalt in Russland lieferte mir viele Einsichten in die über Generationen fortdauernden Nachwirkungen von Krieg, Revolution und von Menschen gemachten Katastrophen. Aus dem, was ich bei allen drei Projekten gelernt hatte, zeigte sich mit der Zeit immer deutlicher, dass jedes soziale Trauma nach kreativen Lösungen ruft, die sowohl individuelles und kollektives Überwältigtsein ansprechen als auch das Bedürfnis nach Heilung von zerbrochenen Beziehungen beinhalten. Darüber hinaus zeigten mir die drei Projekte mit aller Deutlichkeit, wie wichtig die Konzepte von »relativem Gleichgewicht« und Widerstandsfähigkeit auf allen Ebenen der Trauma-Arbeit sind.
Wenn ich hier einige meiner Erfahrungen mitteile, hoffe ich, dass meine Leserinnen und Leser sich zunehmend für Möglichkeiten von Trauma-Arbeit interessieren, die über die Begrenzungen medizinischer Modelle, staatlicher Einrichtungen und individueller Privatpraxen hinausreichen. Dieses Buch lädt ein, unser Denken über Trauma auszuweiten und die Natur, schamanische Weisheit sowie interkulturelle, nonverbale und kinaesthetische Methoden mit einzuschließen; zugleich ist es eine Würdigung des Heilungspotenzials der menschlichen Gemeinschaft.
Ich habe mich entschieden, sehr persönlich zu schreiben und verzichte daher weitgehend auf medizinische, psychologische oder andere wissenschaftliche Erklärungen von Trauma. Leser und Leserinnen, die nach einem Handbuch oder Leitfaden suchen, kommen hier also nicht auf ihre Rechnung. Wer solche Informationen sucht, findet ausgezeichnete Hinweise in den umfassenden Publikationen von Bessel Van der Kolk und seinen Mitarbeitern, beispielsweise in Psychological Trauma bzw. jüngeren Datums in Traumatic Stress: Grundlagen und Behandlungsansätze. Zusätzliche Angaben über den somatischen Ansatz, wie man Trauma verstehen und behandeln kann, finden sich in Peter Levines Buch Das Erwachen des Tigers sowie in The Body Bears the Burden: Trauma Dissociation and Disease von Robert Scaer. Wer nach Selbsthilfe Ausschau hält, sei auf Benjamin Colodzins How to Survive Trauma verwiesen. Beyond the Trauma Vortex: The Medias Role in Healing Fear, Terror and Violence von Gina Ross überträgt Peter !
Levines Feststellung, »Trauma ist die Wurzel von Gewalt«, in den Bereich des sozialen Aktivismus.
In Anbetracht der eher kontemplativen Natur meines methodischen Ansatzes als Trauma-Spezialistin und Kulturhistorikerin sehe ich meinen Beitrag zu diesem sich entfaltenden Mosaik in erster Linie darin, Zusammenhänge aufzuzeigen und an dem fortlaufenden Prozess mitzuwirken, Verbindungen zwischen unserem persönlichen und familiären Schicksal und den höheren Mächten, welche die menschliche Erfahrung prägen, zu erforschen.
Ausblick
»In dunkler Zeit beginnt das Auge
erst zu sehen ...«
Theodore Raethke
Im Laufe meiner Erfahrungen mit Trauma zeigte es sich immer deutlicher, dass die Natur für Menschen in heilenden und helfenden Berufen eine wertvolle Hilfsquelle darstellt. Sie steht kulturübergreifend zur Verfügung und lehrt uns, Trauma zu verstehen und zu heilen. Allen Sparten von Heilern und ihren Klienten bietet sie mannigfache Lektionen in Zerstörung und Erneuerung.
Erst kürzlich stellte uns das Seebeben - der Tsunami vom 26. Dezember 2004 - vor die globale Herausforderung, mit einer Naturkatastrophe fertig zu werden, die in ihrer Stärke die Landkarte Asiens veränderte, die Erdumdrehung dauerhaft beschleunigte, an der Umlaufbahn des Planeten rüttelte und die bereits instabile Erdachse noch weiter zum Kippen brachte. Dieser Tsunami stellt ein bedeutendes soziales und globales Trauma dar, dessen Wirkungen weit über das Individuum hinausreichen, Familien betreffen, Gemeinden, ganze Nationen und die Biosphäre selbst.
Jenseits aller Verwüstung bietet die Welt der Natur einen gewaltigen Reichtum an heilenden Ressourcen. Zum Beispiel lässt sich die Lebensgeschichte eines Baumes am Muster seiner Ringe ablesen; in Austernschalen finden wir eine Karte, die vom Leben der jeweiligen Auster erzählt und von ihrer Beziehung zum Meer. Ich bin zu der Ansicht gelangt, dass wir Menschen ein wenig wie Baumringe und Schalenmuster sind, da ja alles, was uns zustößt, eine dauerhafte Aufzeichnung hinterlässt. Wenn wir in Begriffen von Integration und Auflösung denken und nicht von Eliminierung des Traumas, dann zeigt sich die Möglichkeit, einen vieldimensionalen menschlichen Organismus zu einer Erfahrung zu führen, wo er wieder relatives Gleichgewicht und Belastbarkeit erlebt.
Für Spezialisten, die bereit sind, sich über den konventionellen Rahmen einer offiziellen Institution oder Privatpraxis hinauszuwagen, bietet das Feld der Traumaheilkunde viele Gelegenheiten und Herausforderungen, ihr Verständnis »der Bedingungen des Menschseins« zu erweitern.
Der Prozess der Übertragung meiner Arbeit mit »relativem Gleichgewicht in der Natur« auf Methoden für Tuning Board und Physiobälle war ein wichtiger Übergang hin zum Gebiet kulturübergreifender, kinästhetischer und nonverbaler Methoden der Trauma-Arbeit. Ich glaube, dass dies eine notwendige Richtung ist für Menschen, die bereit sind, sich den Nöten einer überwältigten Bevölkerungsschicht zuzuwenden, für die individuelle Psychotherapie weder zugänglich noch geeignet ist.
In welchem Rahmen sie auch arbeiten, jene tapferen Seelen, die willens sind, sich der ungeheuren und fortlaufenden Herausforderung von individuellem und sozialem Trauma zu stellen, täten gut daran, auf den Rat meines chinesischen Arztes Lam Kong zu hören. Dr. Kong ist auch ein großer taoistischer Meister, äußerst versiert auf dem Gebiet der alten Weisheit und des relativen Gleichgewichts (der weiblichen und männlichen Prinzipien) von Yin & Yang. »Das Wichtigste«, so warnt er, »ist nicht noch mehr von dem zu tun, was ohnehin nichts bringt.« Klar und einfach ausgedrückt ist die Botschaft, dass Trauma-Genesungsprogramme im Stil von »Eines passt für alle« nicht die Antwort sind. Die Menschen haben kulturspezifische wie auch individuelle Reaktionen auf überwältigende Lebensereignisse. Folglich ist es wichtig, dass sich wohl meinende »Professionelle« daran erinnern, was man bei individueller und sozialer Trauma-Arbeit unbedingt verstehen muss: dass nämlich »weniger mehr ist« - eine Qualität, welche die Chinesen als Yin definieren. Diese Qualität zeigt sich in meiner bereits erzählten Geschichte vom Regenmacher, der nur genügend Empfänglichkeit brauchte, um zu ermöglichen, dass der heißersehnte Regen fallen konnte.
Bei jeglichem Zugang zu Trauma müssen wir daran denken, dass wir auf keinen Fall etwas tun dürfen, was ein überwältigtes Individuum, eine Familie, Gemeinde oder ein anderes soziales System von Neuem überwältigen könnte. Es ist unsere primäre Aufgabe, bereits bestehende und potenzielle Ressourcen festzustellen und dann Wege zu finden, ein gewisses relatives Gleichgewicht wiederherzustellen. Im Laufe der Zeit habe ich begriffen, dass es kontraproduktiv ist, überwältigte Menschen dazu anzuregen oder gar darauf zu bestehen, dass sie ihre Erfahrungen wieder durchleben und über ihre Gefühle sprechen. Ein solcher Ansatz trägt oft zum destruktiven Zyklus einer Retraumatisierung bei.
Das Gebiet der Traumaheilkunde wurde von Anfang an von einem Reichtum an guten Ideen bestürmt, die »einfach nicht funktionieren«. Aus diesem Grund ist es wichtig, therapeutische Interventionen nicht mit einer Betonung auf Formeln oder Techniken durchzuführen. Ein wesentliches Ziel der Trauma-Arbeit ist es daher, allmählich den Weg neu zu finden zu einer sinnvollen Integration dessen, was uns zugestoßen ist. In diesem Prozess geht es nicht darum, Leute zu »reparieren«. Leidende Menschen sind keine Maschinen. Wir können nicht erwarten, dass unsere Klienten über das Trauma »hinwegkommen«. Mit der Zeit können überwältigende Erfahrungen ein positiver Bestandteil dessen werden, was sie sind und werden wollen.
Kliniker müssen weiterhin Wege finden, ihre Sichtweise zu erweitern und traumatische Erfahrungen miteinzuschließen, aus denen sich Stärke und Lebenssinn gewinnen lassen. Menschen in helfenden und heilenden Berufen und deren Klienten haben die Gelegenheit, eine besondere Art von Weisheit zu erwerben, die ich »schreckliches Wissen« nenne.
Der einzige Weg, sich schreckliches Wissen anzueignen, ist schrecklich und nicht etwas, das wir bewusst wählen würden. Dennoch können Trauma-Überlebende und ihre Betreuer, die diese Art Weisheit besitzen, wertvolle Lehrer für Lebenslektionen werden. Wir leben auf einem schwierigen Planeten, in Zeiten, die uns stark fordern, und es ist einfach nicht möglich, Menschen zu impfen oder »traumasicher« zu machen gegen alle Arten von Überwältigung, die zu Trauma führen könnten.
Für Menschen, die sich mit einer Form von Traumatherapie befassen wollen, ist es wichtig zu verstehen, dass die Qualität des Kontakts das Feld für die weitere Arbeit vorbereitet. Wer Traumatisierten Beistand leisten will, findet eine einfache Leitlinie in der Weisheit von Mira Rothenberg, Autorin von Children with Emerald Eyes. Vor Jahren bot Mira ein Seminar an mit Schwerpunkt auf der Arbeit mit traumatisierten Kindern. Ein verärgerter Teilnehmer beschwerte sich: »Aber Mira, du hast uns keine Regeln gegeben.« »Es geht nicht um Regeln«, antwortete sie: »Man kommt hin, hält den Mund und begreift, was da los ist. Und es ist am besten, gar nichts zu tun, bis man zumindest eine Ahnung hat von dem, was sich als sehr komplizierte Situation erweisen könnte.« Einfach, aber nicht leicht für die, die sich primär an Handlung und Problemlösung orientieren. Gerade hier hat die Stimme des Weiblichen mit ihrer Betonung auf Sich-Einschwingen, Rezeptivität und der Fähigkeit, sich den Erfordernissen des Augenblicks zu beugen, viel anzubieten.
Wenn wir als »Experten von außen« hinzugezogen werden, verlangt dies eine große Sensibilität für die Gemeinschaft und Kultur, in die wir eingeladen werden. Meine Erfahrungen in Russland und anderen Ländern waren eine fortlaufende Lektion in punkto Notwendigkeit, sich »mit der Kultur zu verbinden« und sich auf die bestehenden Ressourcen auszurichten. Man muss aufpassen, nicht die entmächtigende Botschaft zu senden, dass die Gastgemeinde keine geeigneten Hilfsmittel besäße, mit ihrer Überwältigung fertigzuwerden oder dass man selbst besser wüsste, was für sie am besten ist. Das wäre nicht nur eine respektlose und potenziell schwächende Haltung, es wäre dem Ziel abträglich, Ressourcen aufzubauen und Widerstandsfähigkeit zu fördern.
In meiner Arbeit mit Trauma habe ich akzeptieren gelernt, dass menschliches Missgeschick und extreme Erfahrungen mit zu unserer Lebensrealität gehören. Mein Gefühl ist, dass diese Erfahrungen allzuoft zur Diagnose von posttraumatischer Belastungsstörung führen. Wohl meinende Individuen, die mit Trauma arbeiten, müssen verstehen, dass überwältigende Erfahrungen an sich keine Krankheit sind. Es stimmt, dass solche Ereignisse tiefe und womöglich dauerhafte Narben hinterlassen - aber es ist genau so wahr, dass Menschen sich erholen und ihr Gleichgewicht wiederfinden können. Unsere Fähigkeit »zurückzuschnellen« und traumatische Erfahrungen umzuwandeln, ist angeboren. Wie wir solchen Herausforderungen begegnen, kann eine Gelegenheit darstellen für persönliche und gesellschaftliche Transformation.