Grund legend
Man sollte sich beeilen und schnell zugreifen. »Soziale Psychiatrie«, der im Kohlhammer-Verlag neu erschienene Titel von Ilse Eichenbrenner und Jens Clausen, dürfte sich a) wegen seiner Qualität zu einem Klassiker entwickeln und ist b) in der ersten Auflage ohne (das von den Autoren beabsichtigte) Vorwort erschienen. Sobald diese Auflage also vergriffen ist, wird sich das Buch als Fehldruck, genau wie die blaue Mauritius, bestimmt zum begehrten Sammlerstück entwickeln.
Das Buch ist glänzend geschrieben - präzise, elegant und flüssig - und behandelt sämtliche Bereiche der Sozialpsychiatrie: Geschichte, Leitgedanken, Rechtsgrundlagen, Zielgruppen, Handlungsfelder, Störungen, Behandlung, Rehabilitation. Es ist grundlegend, interessant, aktuell, sehr lesefreundlich, übersichtlich und klar gegliedert; schreitet fort vom Allgemeinen zum Konkreten und verknüpft die Inhalte der Kapitel miteinander. Man kann aber auch jedes Kapitel für sich selbst lesen oder mit Hilfe des Registers einzelne Stichwörter nachschlagen. Am Ende jedes Kapitels findet man Literaturtipps zum Weiterlesen, am Ende des Werks ein Literaturverzeichnis, das die Quellen und Ideen des Buches abbildet und was in diesem Buch über die Soziale Psychiatrie nicht drinsteht, gibt es nicht, fertig. Das Kompendium ist vor allem für Einsteiger gedacht und für diese eine großartige Orientierungshilfe, es ist aber auch für alte Hasen sinnvoll, die bestimmte Begriffe anschaulich zusammengefasst nachlesen möchten. Die berühmte »Sozialraumorientierung« zum Beispiel ist sehr einleuchtend erklärt, aber auch im Hinblick auf andere Termini, wie Integrierte Versorgung und Inklusion bringt der Text Licht in das Dunkel der Fachbegriffe. Oder etwa die verschiedenen finanziellen Hilfen und Finanzierungsmodelle, überhaupt die Grundlagen der sozialen Sicherung: All diese komplexe Materie ist anschaulich und lebendig zugleich dargestellt und macht stellenweise regelrecht Lesefreude, zum Beispiel wenn die Autoren im Zusammenhang mit der Abstinenzproblematik bei Alkoholikern nonchalant vom »Betreuten Saufen« sprechen.
Inhaltlich eine Anmerkung: Man gewinnt beim Lesen den Eindruck, es gäbe in der Welt der Psychiatrie eine Fülle passgenauer, maßgeschneiderter Hilfen, ein unglaublich weit entwickeltes und ausdifferenziertes System. Alles scheint bis ins Kleinste geregelt, zweckmäßig und sinnvoll, z.B. die abgestuften Formen des Wohnens, die relativ neue Idee der virtuellen Werkstatt, spezielle Programme zur Stressbewältigung oder die Methodik zur Krisenintervention: Im Grunde genommen, meint man, müssten doch eigentlich alle Klienten unverzüglich genesen. Das tun sie aber nicht, im Gegenteil: Manche von ihnen chronifizieren, genau wie früher in den Langzeitanstalten, und vielfach findet eine Reinstitutionalisierung in die Forensik statt. Das ist enttäuschend. Wo liegen die Gründe?
Eine Erklärung könnte sein, dass das Augenmerk der (Sozial-) Psychiatrie naturgemäß sehr auf den »Chronikern« liegt, wie auch die Autoren schreiben: »Besonders Menschen mit einem chronisch-rezidivierenden Krankheitsverlauf gilt das Engagement der Sozialen Psychiatrie«. Diejenigen, die nur selten bis gelegentlich stationär behandelt werden oder ein gemeindepsychiatrisches Angebot in Anspruch nehmen verliert man womöglich aus dem Blickwinkel?
Seit der Psychiatrieenquete hat sich die Psychiatrielandschaft sehr verändert; Konzepte und Überlegungen der Sozialpsychiatrie sind in die Gesetzgebung eingegangen. Aus den Veränderungen, aber auch durch dramatische wirtschaftliche und gesellschaftliche Umwälzungen haben sich neue Probleme ergeben; man spricht über Ghettoisierung, Drehtürpsychiatrie und Polypharmazie. Die Fragen der Zukunft werden am Ende des Buchs angerissen: Wie wird man angesichts leerer Kassen, mit der Zunahme psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen umgehen? Wird trotz der beunruhigenden demographischen Entwicklung ein weitgehend selbstbestimmtes Leben für alle alten Menschen möglich sein? Wie wird es mit der Entwicklung in der Forensik weiter gehen?
Doch wie die Autoren schreiben: »Offene Fragen und Probleme sind Herausforderungen«. Kein Grund zur Resignation also, wird doch in »diesem Arbeitsfeld (...)zukunftsorientiert gearbeitet, manchmal (...)auch experimentiert.«
Das vorliegende Buch liefert für diesen Tätigkeitsbereich ein solides Fundament.
Margit Weichold, Köln