Was machen Schulsozialarbeiter/-innen genau? Vermitteln sie Jugendliche in Ausbildung? Schlichten sie Streitereien? Verhelfen sie Mädchen und Jungen zu einer anderen Geschlechtsrollenidentifikation? Betreuen sie Schüler/-innen nachmittags mit AG's, Sport- und Freizeitangeboten? Sind sie Krisenmanager in akuten Fällen? Betreiben sie entspannende Schülercafés? Führen sie besondere Sozialtrainings durch? Vermitteln sie an das Jugendamt und Beratungsstellen?
Ja und Nein! mag und muss man antworten. Denn Sozialarbeiter/-innen an Schulen arbeiten so facettenreich und unterschiedlich, wie auch Lehrer/-innen an Schulen sehr verschiedenartig sind.
Sozialarbeit an Schulen ist geprägt von vielseitigen Anstellungsverhältnissen, unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen und verschiedenen Konzeptionen.
So ist es auch schlüssig, dass das Autorenduo Konstanze Wetzel und Karl-Heinz Braun sich nicht so sehr an der Darstellung einzelner Formen Sozialer Arbeit an Schulen aufhalten, sondern vielmehr übergeordnete Aspekte in den Mittelpunkt stellen. So müsste der Titel des Buches eigentlich lauten: Soziale Arbeit in der Schule in den Gesellschaften Deutschlands und Österreichs. Denn die beiden lehrenden Professoren an der Hochschule Magdeburg- Stendal bzw. Feldkirchen/Österreich stellen die Soziale Arbeit im Gesamtzusammenhang dar.
Ihnen geht es um die Einbindung sozial-, arbeitsmarkt- und bildungspolitischer Aspekte in die direkte Gestaltung des Schullebens. Hierzu gehen sie sehr oft in die Metaebene und beziehen in ihre Erläuterungen vielfältige Wissenschaftsergebnisse ein. Der Sprachstil ist hierdurch zum Teil äußerst stark an das Wissenschaftliche angelehnt und wirkt so vielfach praxisfern. Dennoch sind die Bilanzierungen von Wetzel und Braun hilfreich für die praktische Arbeit und die Gestaltung sinnvoller Arbeitsverhältnisse an den einzelnen Schulen. Der Transfer ist somit plausibel und ermöglicht eine gute Reflexion, in welchem Maße mit welchen Modellen Soziale Arbeit an den Schulen zum Wohle nicht nur der Schüler- und Lehrerschaft, sondern auch der Eltern und der Gesamtgesellschaft dienen kann. Die Soziale Arbeit wird nicht in Konkurrenz zum Unterricht gestellt, sondern als wirksamer Kooperationspartner präsentiert.
So ist es nachvollziehbar, dass das Buch im ersten Viertel die Krisenzonen des Schulsystems und pädagogische und bildungspolitische Reformoptionen unter die Lupe nimmt und insbesondere die diversen Entgrenzungsprozesse für die heutige Zeit erörtert. Dabei wird verdeutlicht, dass die Ganztagesbildung zwar hilfreich, letztendlich aber nicht allein seligmachend für gelingende Bildungs- und gesellschaftliche Integrationsprozesse sein kann. Es bedarf vielmehr sorgfältig arrangierter Umgestaltungen, die dann im zweiten Hauptteil des Buches dargestellt werden. Körpererfahrung und Schularchitektur kommen hier ebenso zur Sprache wie die Bedeutung von Medien oder der Umgang mit Gewaltphänomenen. Die Untertitel in diesem Buchteil tragen dann auch die zu erwartenden Überschriften Erlebnispädagogik, Soziales Lernen, Sozialpädagogische Beratung, Geschlechterdemokratische Bildung und Erziehung sowie Berufsbezogene Jugendbildung. Diese Bereiche sind theoretisch sehr fundiert aufbereitet. Wetzel und Braun scheuen sich daher auch nicht, bislang ausgeübte Formen von Schulsozialarbeit sowie alltagsbezogene Grundannahmen kritisch zu hinterfragen. Dabei werden sie freilich auch Widersprüche und Einwende der Praktiker/-innen hervorrufen und so die Entwicklung zu einer angemessen praktikablen und theoretisch fundierten schulischen Sozialarbeit weiter voranbringen. Leider bleibt der Aspekt zunehmender Fluktuation in der Schüler- und Lehrerschaft nicht angesprochen. So wäre es hier wichtig gewesen, den Schullaufbahnentwicklungsprozess nicht nur eines Schülers oder einer Schülerin zu sehen, sondern in den Mittelpunkt zu stellen, dass die Klassenzusammensetzungen sich oftmals innerhalb eines Schuljahres erheblich verändern. Zudem wandeln sich Kollegien auch von Schuljahr zu Schuljahr in nicht unerheblichen Maße. Des weiteren hätte der Befristung und damit unsicheren Absicherung von Schulsozialarbeitsstellen mehr Raum geschenkt werden sollen. Leider sind die durchaus beeindruckenden Ergebnisse einer Schüler/-innen- und Lehrer/-innen- Befragung nur tabellarisch wiedergegeben worden. Hier wie auch bei anderen statistischen Erläuterungen - wären Graphiken und Abbildungen eine große Hilfe zur Verdeutlichung.
Das gut zwölf Seiten umfassende Verzeichnis verwendeter und weiterführender Literatur besticht durch eine weite Bandbreite und äußerst aktueller Titel. Als praktizierender Sozialarbeiter an einer Schule hätte man sich mehr konkrete Praxisbeispiele gelungener Schulsozialarbeit gewünscht und dass die direkte Einzelfallberatung und der Jugendhilfebezug einen weiteren Raum eingenommen hätte.
Im gesamten ist dieses Buch eine fundierte Grundlage zur kritischen Reflexion der Sozialen Arbeit an Schulen. Es sollte allen bildungs- und jugendhilfepolitischen Verantwortungs- und Entscheidungsträgern/-innen eine Hilfe sein, dass Projekte vor Ort nicht zu politischen Eintagesfliegen werden, sondern als Dauerinstitution gewinnbringend sind für die jungen Menschen, die Unterrichtenden und schließlich dem gesamten Gemeinwohl.