Mag sein, dass Neige, der Multi-Instrumentalist hinter Alcest, früher mal dem Blackmetal zugetan war. Davon zeugt auf "Souvenirs..." aber nur der erstaunlichweise vollkommen un-aggressive Double-Bass in zwei der sechs Songs (Printemps emeraude und les iris) lasst den Gedanken daran überhaupt aufkommen.
In meinen Augen hat Neige mit seiner Musik das geschafft, woran (das mittlerweile auch zum ein-Mann-Projekt geschrumpfte) Dornenreich gescheitert sind/ist: Aus den Wurzeln des Blackmetal etwas erwachsen zu lassen, das lediglich die Stimmung, nicht aber die Aggression in sich trägt. Während Dornenreichs Eviga dafür auf minimalistische Weise einen Ritt durch einen nächtlichen Forst heraufbeschwört, lässt Neige (also Alcest) die Blumen blühen. Während Dornenreichs Lieder düster klingen und sich eher für weingetränkte Abende mit geschlossenen Augen anbieten, sind die Songs auf "Souvenirs..." genau die perfekte Klangkulisse für die eigenen stillen Gedanken, während um einen herum ganz viel los ist. Die Wände aus Stromgitarren sorgen dafür, dass Geräusche von außen auch draußen bleiben, während die Stimme und die Melodieinstrumente die pure Harmonie erzeugen.
Das soll also ein klares "ja" auf die Frage sein, ob man Alcest auch zu mehr gebrauchen kann als nur als Hintergrundgeräusch zu anderen Tätigkeiten. Denn anders als bei vielen anderen verträumenten oder experimentellen Bands braucht es hier keine volle Aufmerksamkeit, um der Musik etwas abgewinnen zu können; aber sie bietet auch bei intensivem Hinhören sehr viel. Neige hat Lieder geschrieben, die allesamt eine Länge von 6 Minuten nicht unterschreiten; und dennoch werden sie nie langweilig. Die Lieder sind komplex und dadurch vielschichtig, aber nicht kompliziert.
Neben der Qualität der Lieder steht die Produktion auf dem gleichen hohen Niveau: Der Klang ist klar (besonders sollte man sich mal das Vergnügen machen, das Gehör auf das Schlagzeug und die Becken zu konzentrieren. Neige hat da ein paar sehr schöne Rhythmen und Figuren eingespielt, die zwar einfach aber wesentlich effektvoller und vielfältiger sind als bei Dornenreich). Außerdem hat die CD einen gut gewählten Lautstärkepegel. Kurz: Die CD ist wunderbar aufgenommen und enthält wunderschönes Liedgut.
--Fazit--
Alcest kann man nicht auf einer Alternative- oder Metal-Party spielen (das heißt, in der Chill-out-lounge oder wie immer das heutzutage heißt, wahrscheinlich sogar ganz ideal ...). Doch ist die Musik lange nicht so experimentell wie Sigur Rós, oder so düster wie Dornenreich.
Für alle Menschen, die Musik zum Träumen brauchen; Musik, die mal im Hintergrund klingen kann und auch bei voller Konzentration noch viel hergibt.
Für alle Menschen, die mal wieder vor Freude weinen wollen: Diese CD ist der Soundtrack dafür (besonders das letzte Lied "tir nan og" strahlt so unglaublich viel Freude aus ... auch wenn - da ich des Französischen nicht mächtig bin - Neige da womöglich ganz was anderes singen mag).
In meinen Reviews bin ich üblicherweise sehr kritisch; aber "Souvenirs..." gehört zu den wenigen CDs, die Amazon bei der Einschränkung auf 5 Sterne nicht vorausgesehen hatte.
Volle Punktzahl, egal wie viele Sterne zur Verfügung stehen!