...müssen Raumfahrt und Astronomie reichlich spröde Wissenschaften sein.
Im Vorfeld der Veröffentlichung habe ich über SOTU in der Musikpresse einigen intellektuellen Firlefanz gelesen. Nachdem bereits der erste Hördurchgang eine trübe Ernüchterung in mir auslöste, wollte diese Grundtendenz auch in der Folge nicht weichen. Warum? Weil das Album nicht ansatzweise so viel Tiefgang und Potenzial besitzt wie ihm teilweise nachgesagt wird. SOTU verbreitet bis auf wenige (allerdings glorreiche) Ausnahmen eine stumpfe und fade Grundstimmung. Man wird von einer Überdosis dröhnender und schleppender Midtempo-Nummern quasi betäubt. SOTU ist eine Symbiose aus eintönig verzerrten Gitarren und gewieften Soundspielereien. Doch wo sind nur die hymnischen Gesangsparts geblieben, die DM seinerzeit ausmachten? Wo die Hooks und Melodien, die diese Band im Schmelztiegel zwischen Pop, Indie und Elektronik von der Masse unterschied? Sorry, aber im Gegensatz zu vielen anderen Rezensenten bleiben mir diese magischen Momente bei etwa zwei Dritteln der Songs verborgen, obwohl ich schier verzweifelt nach Zugang zu diesem Album ringe. Ich würde mich nur allzu gerne zu den Erleuchteten" zählen, doch es mag mir einfach nicht gelingen. Auch ich kann der Scheibe anspruchsvolle Texte und eine hochkarätige Produktion bescheinigen. Und die Songs? Meist grundsolide. Einen Totalausfall kann ich nicht ausmachen. Doch mein Gefühlszentrum erreichen nur die wenigsten Stücke. Wo sind die Emotionen, die großen Gefühle? Fehlanzeige. Stattdessen ein einziges mattes Wehklagen in Moll. Exemplarisch hierfür steht bereits der Opener In Chains". Das elektronische Intro erweckt in mir knisternde Spannung. Auch Gahan`s einsetzender Gesang ist viel versprechend, doch der Song kann nicht nachlegen, er verliert sich im Mittelmaß und beginnt nach etwa 4 Minuten zu langweilen. Gleiches gilt für Hole To Feed", Little Soul", In Sympathy" und, und, und.
Klar, die Produktion verdient größten Respekt. Ich wehre mich jedoch gegen den Anspruch, die wahren Qualitäten eines Albums erst mit Hilfe eines SACD-Players und irgendwelcher Hightech-Kopfhörer erkennen zu können. Offensichtlich verstehen DM dies aber unter Sounds Of The Universe". Mein HiFi-Sound-Universum hingegen ist eher von mittelprächtiger Qualität. Vielleicht kommen die Songs in meinen Ohren deshalb eher in irdischem Gewand daher. Exzellentes Songmaterial sollte über solche technischen Spirenzien eigentlich erhaben sein. Einem wirklich starken Song sollte sogar der schäbigste Abwrack-Ghettoblaster nichts anhaben können. Hierin liegt auch das Hauptproblem des Albums. Es scheint, als sei DM (den einst viel verschmähten Synthie-Poppern) der plötzlich in den letzten Jahren von der Musikpresse entgegengebrachte Respekt zu Kopfe gestiegen. Die Band verliert sich auf SOTU derart in einer pseudo-künstlerischen und gezwungenen Suche nach einer neuen Soundkreation (retro-futuristisch"), dass man es versäumte, gute Songs zu schreiben. Sehr, sehr schade.
Doch nicht alles ist langweiliger Durchschnitt, wahrlich nicht. Natürlich lassen DM auch auf SOTU ihr brillantes Können hin und wieder aufblitzen. Inmitten der schwermütigen Dröhnung wartet das Album urplötzlich mit großartigen Perlen auf. Allen voran das flehende und so herrlich futuristische Peace". Zumindest in diesem Song halten DM ihr Versprechen vom Universum. Mehr noch - sie übertreffen alle Erwartungen. Die Stimmen der Herren Gahan und Gore schaukeln den Hörer (begleitet von spaciger Elektronik) in einen Zustand tranceartiger Euphorie. Besser geht`s nicht. Diesem Song gebührt schon nach kürzester Hörprobe das Prädikat Alltime-Klassiker". Peace" verdient es tatsächlich, dass man ihm das bisher unentdeckte Genre des Elektro-Gospel" widmet. Auch Fragile Tension" überzeugt mich vollauf. Hier wird deutlich, dass DM nach wie vor auch die poppige Spielart beherrschen - ohnehin immer eine Hauptkompetenz der Band. In diesem Song setzt die Band den mit Playing The Angel (PTA) eingeschlagenen Weg fort, was (aus meiner Sicht) kein Fehler ist. Über Wrong" muss man wohl kaum Worte verlieren. Welch mutige Singleauskopplung! Dieser Song schlägt mit seinen Oldschool-Synthies so herrlich rotzig, dreckig und fett in die Gehörgänge ein. Ein echter Energie geladener Geniestreich, der sich wohltuend abhebt. Come Back" ist Gahan`s spannendster Beitrag als Songwriter. Immerhin ein Song, der nach mehrmaligem Hören deutlich wächst. Ein so bewegender Moment wie Nothing`s Impossible" auf PTA bleibt Gahan diesmal jedoch vergönnt. Das unspektakuläre Spacewalker" ist ein nettes, entspanntes Instrumentalstück, welches in mir tatsächlich Assoziationen mit dem Universum weckt. Die Atmosphäre wandelt irgendwo zwischen Spacetrip und Kettenkarusell.
Gore`s Solo-Gesangspart überrascht mich dieses Mal sogar positiv. Auf PTA und auch Exciter waren seine Gesangsbeiträge noch höchst enttäuschend. Auf der Ballade Jezebel" verschmilzt Gore`s Stimme mit warmen Gitarreklängen und den ansonsten so raren melodischen Synthies.
Das abschließende Corrupt" erinnert in Songstruktur und Gesang tatsächlich etwas an Clean" von Violator - von dessen fesselnder Abgründigkeit bleibt es jedoch meilenweit entfernt.
Letztendlich handelt es sich bei SOTU aus meiner Sicht um ein ziemlich sperriges und schwer zugängliches Ungetüm. An den Vorgänger PTA reicht es nicht heran. Alleine die wenigen (aber umso stärkeren) Höhepunkte bewegen mich zu einer Bewertung von 3 Sternen. Die Auswahl der Anspieltipps fällt mir deshalb leicht wie selten - bitte schön: 3, 4 und 7.