Mike Terrana, (mit) der beste Drummer der Welt, der weißrussische Gitarrengott Victor Smolski und die Seele von Rage an Bass und Vocals: Peavy Wagner. Das deutsch-russisch-amerikanische Trio ist im Metalbereich einfach spätestens seit einem Jahr das Maß aller Dinge. Mit dem Vorgänger "Unity" hat man ein absolutes Meisterwerk abgelegt. Ein Jahr später nun ein Konzeptalbum. Die Ltd. Edition weist ein Pappcover auf, auf dessen Front drei der Biomechanoiden abgebildet sind, Markenzeichen von RAGE. Und genau um deren Geschichte soll es auf diesem Album gehen. Die gesamte Optik ist sehr ansprechend. Düstere Atmosphäre überall blitzt es und auf der CD selbst die Köpfe der 3 wie auf einem hochwertigem Filmplakat über den Trümmern dieser Welt.
Das 16-seitige Booklet hätte etwas ausführlicher ausfallen können, ist aber optisch sehr ansprechend gestaltet und erklärt uns die Geschichte dieses Konzeptalbums. Lange Zeit vor Einsetzen dessen was wir Evolution nennen kam eine Spezies aus dem All auf die Erde. Sie erschufen erste Lebensformen. Doch es entwickelten sich Fleischfresser die immer gefährlicher wurden. Also erschufen die "Great Old Ones" eine biomechanoide Kreatur - den Soundchaser. Und es gelang ihn damit ihren Tod durch die Evolution zu verhindern. Die Soundchaser lebten noch als sie den Planeten Erde wieder verließen in riesigen Höhlensystemen unter dem antarktischen Eis. Später fand man sie und eine Gruppe Archeologen und Musikhistoriker erweckten den Soundchaser mit menschlichem Material wieder zum Leben. Nun wird er durch Musik aktiviert. "Soundchaser" erzählt die Geschichte eines der letzten verbliebenen Biomechanoiden.
Bei den Klängen von Blitz und Donner setzt Terranas Doublebassdrum ein und der Hörer wird mit Klangsphären herabgerissen in das düstere Reich der Soundchaser.
Ein Song in typischer Rage-Manier steht am Anfang. Die Zerstörung der Welt wird thematisiert. Straighte Staccato-Riffs gepaart mit eingängigen Melodien. Hier spielt das Trio seine Stärken voll aus. Zum Ende brennen auch noch Smolski und Terrana in gewohnter Kongenialität ihr nukleares Feuer herunter.
Creation and reincarnation
Weiter geht es mit der Geschichte der Erde, die eben zerstört wird, da das Leben auf die Great Old Ones zugeschnitten war. Im wunderschön-melodischem Refrain kommt die Melancholie der Erinnerung gut rüber. Auch die Entstehung der Soundchaser wird noch einmal beleuchtet. Mit Smolskis eingängigem Riff geht es in den Titelsong über. Unter die Erde gehen die Protagonisten in der Geschichte, wo die Hölle darüber friert. Und dahin geht auch der Song. Langsame Passagen und das gewohnte Double-Bass-Gewitter wechseln sich ab. Am Ende gibt's noch als Bonus einen netten Soloteil. Der 5. Song ist eindeutig der straighteste des Albums. Mit einem absolut kompromislosen Arrangement geht der Song auf die 12.
A Breathe Of Ages
RAGE und die Soundchaser haben einiges gemeinsam. Und beide sind sie mächtig wie nie zuvor. Doch auch mit diesem eindeutig bestem RAGE-Line-Up aller Zeiten, vergisst man die alten Zeiten nicht. "Secrets In A Weird World" wie das sehr gute Album von 1989 heißt er deswegen - der beste Song des Albums. Hier finden sich wirklich alle Elemente die RAGE auszeichnen. Zeitweise geht es sogar richtig progressiv zu. Beim Refrain mit ungewöhnlichem Rhythmus und Harmonik, bei dem das Piano noch im Hintergrund kontrapunktisch unterstüzt, kommt eine absolute Gänsehautatmosphäre auf. Da kann man Smolski nur absolut für dieses unglaubliche Gefühl für Harmonie beglückwünschen. "Flesh And Blood" schließt sich dann atmosphärisch an und arbeitet auch mit Gegensätzen, break- und hymnenhafte Passagen, genau wie atmosphärische, ruhigere und oben drauf noch ein paar Fingerübungen für die Nachwunchsgitarristen.
Himmel oder Hölle
"Human Metal" hätte sich auf Unity aber recht gut gemacht. Aber auch hier passt's. Eingängiger, hauptsächlich aus einem Hook bestehender Refrain, mysteriöser Vers und treibende Bridge geben sich die Klinke in die Hand. Zum Schluss lässt der Weißrusse an der Klampfe noch einmal ohne Rücksicht auf Tonkonventionen gewaltig krachen. "See you in Heaven of Hell" dann ist der schwächste Song des Albums. Er ist nun bei Leibe nicht wirklich schwach. Der Refrain aber ist einfach zu klischeehaft, zwar melodiös aber viel zu nah an üblichen Kadenzen. Dafür reißt der Mittelteil noch einmal einiges raus mit großartiger Instrumentalarbeit und auch die Vocals bekommen nochmal einen guten Teil.
Far Beyond All Images (Falling From Grace I & II)
Gegen Ende zeigt auch Peavy noch, dass nicht nur sein Gitarrist es versteht langsame und schnelle Parts zu mischen und Atmosphäre zu schaffen. "Wake The Nightmares" (Gastsänger: Andi Deris!), der erste Teil schafft nämlich genau dies und ist der zusammen mit dem zweiten Teil abwechslungsreichste Song der Platte. Und genau in den mündet er gleich: "Death is on it's way". Der Beginn erinnert vom Stil her ein wenig an den Scorpions-Klassiker "Still Loving You", dann schlägt er aber noch ein Bogen und kommt wenn dann in der "Animal Magnetism"-Zeit der Scorps an. Peavy schafft es hier die Motive einer Powerballade anzuwenden ohne dabei in Pathos und Klischee derer abzurutschen. Gegen Ende darf dann auch Mike Terrana noch einmal richtig reinhauen, ehe es ins den großen Schlussakkord übergeht, der noch einmal in einen langsamen Ausklang mit Sitar endet.
Lingua Mortis 2?
Oft wurde Johann Sebastian Bach in der Rockmusik adaptiert (am erfolgreichsten sein Air aus dem Violinkonzert G-Dur von Procol Harem als "A Whiter Shade Of Pale") - aber wirklich selten wurde er so gut adaptiert. Victor Smolski hat eine optimale Mischung für diesen Bonustrack gefunden. Das Original ist noch zu erkennen und dennoch ist so viel eigener Stil da, dass man wenn man es nicht besser wüsste zunächst davon ausgehen könnte, dass es sich nicht um eine Barockadaption handelt.
Fazit:
Die Erwartungen haben sie erfüllt und schwächer als Unity ist Soundchaser nicht. Einen richtigen Top-Zwölfer im Stile von "All I Want" kann Soundchaser zwar nicht bieten, aber dafür sind Momente dabei, wo wirklich Gänsehaut entsteht, die bei Unity noch ausblieb. Von daher will ich mich da auf ein Ranking zwischen den beiden gar nicht groß einlassen. Fakt ist, dass es RAGE geschafft haben ihren unglaublich hohen Standard zu halten ohne sich dabei zu wiederholen; sich zu entwickeln ohne sich dabei von sich selbst zu lösen. Und so kann ich nur bedingungslos zum Kauf von Unity UND Soundchaser raten.