Miss Alexia Tarabotti, Halbitalienerin und mit mitte Zwanzig bereits eine alte Jungfer, sieht sich unversehens in dunkle, übernatürliche Geheimnisse des Londoner Untergrunds verstrickt. Jemand scheint hinter ihr her zu sein, doch wer würde eine alte Jungfer entführen? Und warum trifft sie ständig mit dem verhassten Lord Maccon zusammen, der zusehends interessanter zu werden scheint?
Obwohl ich zunächst zweifelte, hatte ich mich nach den vielen positiven Rezensionen und durch das recht ansprechende Cover hinreißen lassen, dieses Buch zu bestellen. Zu Beginn war ich wirklich positiv überrascht. Es geht gleich zur Sache: Miss Tarabotti befindet sich nichtsahnend auf einer langweiligen Feier, als sie in der Bibliothek von einem Vampir angegriffen wird. Dieses Verhalten findet sie äußerst dreist, hätte der Vampir doch zumindest vorher fragen können. So bleibt ihr kein anderer Ausweg, als den Vampir mit Hilfe ihrer Fähigkeit (Alexia ist ein Preternatural und kann die Fähigkeiten von übernatürlichen Wesen durch Berührung neutralisieren) und ihres getreuen "parasols" aus der Welt zuschaffen. Dieser Vorfall, ironisch-witzig und rasant erzählt, führt in die Geschichte ein. Soweit, sogut.
Allerdings ließ mich der weitere Verlauf der Handlung völlig kalt. Den meisten Raum nehmen hier die Pseudo-Streitereien zwischen Lord Maccon und Miss Tarabotti ein. Der Leser merkt recht schnell (anscheinend sogar schneller als die Charaktere selbst), in welche Richtung diese Streitereien gehen sollen. Von Subtilität ala Jane Austen ist hier rein gar nichts zu spüren. Diese zu offensichtliche Liebesgeschichte wird dann gelegentlich von ein paar wenigen und dazu noch sehr vorhersehbaren Geschehnissen untermalt.
Spannung wollte bei mir rein gar nicht aufkommen. Ich mag eigentlich recht gerne Liebesgeschichten in Büchern, aber wenn sie, wie hier beinahe den gesamten Raum des Buches einnehmen, dann sollten sie doch auch genug Stoff bieten, um die Seiten zu füllen. Diese Liebesgeschichte ist aber leider weder subtil, noch spannend, sondern nur langweilig. Was mich daran am meisten gestört hat, waren die ständigen Anzüglichkeiten der Protagonisten. Obwohl sie sich angeblich hassen, können sie doch ihre Finger nicht von einander lassen. Sogar in ernster Lebensgefahr können die beiden Hauptfiguren nur daran denken "wie wohl sein Penis aussieht" etc... Sehr unglaubwürdig!!! Wenigstens ist Carriger fast nicht aus dem Schema des 19. Jahrhunderts herausgefallen, und hat es nicht bis zum Letzten getrieben. Fast!
Zudem gab es mir neben der Liebesgeschichte zu wenig sonstige Handlung. Diese übrige Handlung ist grob auf "Miss Tarabotti wird angegriffen oder entführt und dann schließlich gerettet" zu reduzieren. Langweilig! Schade fand ich außerdem, dass die Welt, die hier von der Autorin erschaffen wird, so unzureichend erklärt wird. Ok, es gibt Preternaturals, die sogenannten Seelenlosen, und eben Supernaturals, wie Vampire, Geister und Werwölfe. Sie alle leben gemeinschaftlich im British Empire und stehen Queen Victoria mit Rat und Tat zur Seite. Gut, aber wie kam das? Und warum hat Alexia keine Seele? Das muss doch Auswirkungen haben? Und, und, und??? Ich fand einiges recht schlecht bis gar nicht erklärt. Und aus manchen Ansätzen hätte man wirklich etwas Spannendes machen können.
Außerdem haben mich Carrigers Charaktere gestört. Miss Tarabotti gefiel mir hier mit Abstand am besten. Sie ist zwar auch recht klischeehaft gestaltet, aber dennoch eine Heldin mit Format. Alle weiteren Charaktere fand ich gezwungen schillernd (z.B. der eindeutig homoerotisch angehauchte Lord Akeldama). So, als wollte sich die Autorin hier gezielt vom Mainstream abheben. Leider hat sie dadurch aber manche Charaktere zu Karrikaturen gemacht. Zudem sind ihre Figuren manchmal unglaubwürdig. Ein Beispiel: Miss Tarabotti ist einerseits als kluge, aufgeklärte Heldin angelegt, als aber Lord Maccon von Heirat spricht, verwandelt sie sich kurzzeitig in ein begriffsstutziges Dummchen, und das obwohl sie zuvor eindeutig körperlich mit ihm Zugange war. Hat mich nicht überzeugt.
Das ganze Werk kommt mir etwas unausgegoren vor. Einerseits hat die Autorin versucht ernsthafte Charaktere mit ernstahfter, ausgefeilter Sprache zu erschaffen, liegt aber mit dem Rest des Buches eindeutig eher im Parodistischen. Sicher, es ist mir bewusst, dass das Buch nicht nur ernstgenommen werden will, schon allein das Genre (steam-punk) lässt dies nicht uneingeschränkt zu, aber dafür hat mir, so scheint es, die Autorin ihr Buch selbst viel zu ernst genommen. Vielleicht hätte sie sich vor dem Schreiben für eine der beiden Seiten entscheiden sollen.
Zudem ist mir die Zielgruppe nicht ganz klar geworden. Die Handlung, das Cover und das Genre lassen eher auf ein jüngeres Publikum schließen, allerdings strotzt das Buch nur so vor erotisch angehauchten Szenen. Ich habe nichts gegen etwas Gefummel oder auch mal einen nackten Mann, deshalb würde ich dieses Buch keinem Teenager verbieten, was mich aber wirklich sehr gestört hat, war die letzte Szene des Buches. Diese ist nicht nur unnötig sondern dazu noch eindeutig unrealistisch wiedergegeben. Ich finde das zumindest bedenklich!
Ein paar gute Haare will ich aber dann doch noch an Carriger und Ihrer Miss Tarabotti lassen. Was mir gefallen hat, war die Sprache. Hier hat sich die Autorin wirklich Mühe gegeben. Ihre Schreibe ist geschliffen und passt zum Genre, dennoch lässt sich das Buch so lockerleicht lesen, dass die 300 Seiten wirklich so dahinfliegen - auch (oder gerade?) auf englisch!
Außerdem ist der Humor dieses Buches sehr erwähnenswert. Auch wenn er mein Spaßzentrum nicht immer getroffen hat und mir die eine oder andere ironische Bemerkung zu platt war, dennoch ist dieser Humor ein sehr amüsanter, feiner und unterhaltsamer!
Liebe Fans dieser Serie, bitte nehmt meine Rezension nicht persönlich. Sie ist rein subjektiv, so wie jede andere Rezension auch und gibt einzig meine ganz persönliche Meinung wieder!
Fazit: Dieses Buch kann ich, obwohl es witzig und gut geschrieben ist, nur eingeschränkt empfehlen. Schade! Aus dem Roman hätte man wirklich etwas machen können.