"Geschichte ist ungerecht", hat einmal ein ehem. Mitglied der "Weissen Rose" gesagt : Traute Lafrenz. Hat man dieses Buch gelesen, ist man nicht abgeneigt, ihr aus vollem Herzen zuzustimmen.
Zunächst einmal ist prinzipiell jede Publikation über Sophie Scholl und die "Weisse Rose" überhaupt zu begrüßen - von allem, was dienlich ist, diese außergewöhnlich ernsthafte, reflektierende, wache junge Frau und ihre ebenso faszinierenden Freunde im kollektiven Gedächtnis zu bewahren.
Genau hier liegt aber auch das Problem : Schon wieder ein Buch ausschließlich über Sophie Scholl!
Man mag die Hände über dem Kopf zusammenschlagen ob der historischen Ignoranz des Verlages - es hilft nichts. Dieses (vollkommen überteuerte!) Werk reiht sich in die Reihe der Bücher (und des Films) ein, die bereits über Sophie Scholl veröffentlicht worden sind : Briefe, Auszüge aus den Tagebüchern, Interviews mit Zeitzeugen, Monographien, Jugendbücher usw.
Hinzu kommt, daß auch diejenigen Werke, die sich mit der gesamten Geschichte der "Weissen Rose" beschäftigen, den Schwerpunkt immer schon hauptsächlich, z.T. fast ausschließlich auf die Scholl-Familie gelegt haben.
Wie sich die Angehörigen und Nachkommen der Familien Probst, Huber, Graf, Schmorell usw. hierbei fühlen - man mag es nur erahnen.
Wenn das Buch denn wenigstens weltbewegend Neues bieten würde!
GENAU DIESES TUT ES NICHT!
Als "umfassend recherchierte" oder als die "abschließende, alles sagende Biographie" über Sophie taugt dieses Werk nicht.
Gerade einmal drei relativ uninteressante Bildchen sind vorher noch nicht veröffentlicht worden (auf einem ist Sophie gerade einmal als Silhouette erkennbar) und ansonsten ist nichts wirklich Neues dabei, was meines Wissens nach nicht eh schon im Kanon der "Weissen Rose"-Literatur in irgendeiner Weise nachzulesen oder in den Dokumentarfilmen zu sehen ist. Das wenig Neue rechtfertig meines Erachtens nach nicht eine erneute, alleinige Biographie über Sophie.
Nachtrag zu den Bildern :
Wenn die Autorin besser recherchiert hätte! Der Film "DIE WIDERSTÄNDIGEN" macht überdeutlich, wieviel unveröffentlichtes Fotomaterial es über die "Weisse Rose" neben den gut bekannten, ja, berühmten Bildern gibt - nicht ein einziges davon fand Eingang in dieses Buch !!!
Hinzu kommt, daß Frau Beuys sehr viel schreibt und noch mehr behauptet, daß aber die QUELLENANGABEN äußerst wirr anmuten und unvollstänig wirken.
Außer mit der wunderbaren und couragierten Susanne Hirzel hat die Autorin mit KEINEM ZEITZEUGEN gesprochen!!!
Das ist für mich unvorstellbar und nicht nachzuvollziehen!
Wie es sich für eine ehem. Redakteurin beim "Stern" und bei der "Zeit" gehört, geht Frau Beuys äußerst penetrant-kritisch mit der Affinität der Geschwister Scholl zum Katholizismus um.
Frau Beuys insinuiert, daß die beiden sich nur deswegen von der katholischen Kirche angezogen gefühlt hätten, weil sie niemals mit protestantischen Vorbildern wie Bonhoeffer oder Barth bekannt geworden wären... Ach ja ??!
Man könnte hier kurz gegenfragen : Wo sind solche Menschen im großen, großen Umkreis der Scholls gewesen??? Gab es sie ?!?
Es ist überaus müßig, vielleicht auch gewagt, hier etwa auf die bloße Existenz der sog. protestantischen "Deutschen Christen" allein hinzuweisen ---
Allzu schnell wird deutlich, wohin solche Umschreibungen der Geschichte und schablonenhafte Überlegungen führen : Sie sind rein spekulativ und fragwürdig, sollen nur dazu dienen, den Lesern die Weltanschauung des Schreibers (der Schreiberin) deutlich zu machen, bzw. aufzudrücken. Und so geht es lehrerinnenhaft weiter :
Willi Graf wird kurz, schnell und pflichtgemäß als kritischer Katholik charakterisiert und als Beleg wird eine Briefstelle herangezogen (eine einzige von sovielen!), in der es ihm um das Christentum allgemein geht. Daß er regelmäßig, nahezu täglich die Hl. Messe besucht hat, wird klammheimlich unter den Tisch gefegt.
Und auch die dramatischen Geschehnisse kurz vor der Hinrichtung der beiden Geschwister wertet die Autorin in die Richtung, daß die Scholls angeblich nur konvertieren gewollt hätten, weil Christoph Probst sich kurz vor seinem grausamen Ende hatte kath. taufen lassen und sie mit ihm gemeinsam die Hl. Kommunion empfangen wollten. Die beiden hätten sich dann aber doch ganz bewußt für den Protestantismus entschieden - wie kann frau angesichts so einer Extremsituation zu solchen Schlußfolgerungen kommen? Den Tod vor Augen, die evangelische Mutter vor Augen, welche über einen Wechsel tief verletzt gewesen wäre und sich darüber sogar in Gegenwart der todgeweihten Geschwister befremdet gezeigt hat?
Zudem hätte die Autorin hier ein wenig psychologisches Fingerspitzengefühl beweisen können und die Ernsthaftigkeit und die geistige Reife und den bisherigen Weg der Geschwister berücksichtigen müssen, bevor sie zu solchen Sch(l)üssen kommt.
Es geht mir nicht darum, für die eine oder andere Kirche Partei zu nehmen (die Mitglieder der Weissen Rose haben vorbildlich ökumenisch gehandelt), sondern möchte ich deutlich machen, wie problematisch es ist, wenn jemand die Geschichte nur aus seiner eigenen, engen Sicht zu sehen vermag und dieses so, fröhlich auf dem Zeitgeist surfend, unter die Leute bringt.
Und eben WEIL die "Weisse Rose" so ökumenisch gehandelt hat, finde ich es verwerflich, nachträglich mit solch fragwürdigen Unterstellungen einen weltanschaulichen Keil hineinzutreiben - wie Frau Beuys es tut.
Alles in allem lohnt der Kauf dieses teuren Buches also nicht.
Interessierte mögen sich an das gut recherchierte (und günstigere!) Taschenbuch von Barbara Leisner halten, an "Das kurze Leben der Sophie Scholl" von Hermann Vinke (dies besonders für Jugendliche), oder an die Briefwechsel der Widerstandskämpferin - herausgegeben von Inge Jens.
Zu empfehlen für die Gesamtgeschichte der "Weissen Rose" sind die Bücher von Richard Hanser ("Deutschland zuliebe" - alt, aber nach wie vor sehr umfassend recherchiert) und die rororo-Monographie von Harald Steffen - und dann auch wieder die oft nur SELBSTVERLEGTEN Bücher über Probst (zu beziehen über das Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching), Graf und Huber.
Über Hans Scholl ist noch überhaupt kein Einzelwerk auf Deutsch erschienen! Ebenso wenig über Alexander Schmorell - in der russisch-orthodoxen Kirche wird er wie ein Heiliger verehrt.
!!! Die beiden letzteren sind außerdem die Initiatoren der Weissen Rose gewesen !!!
Dazu muß man nicht mehr sagen -
Peinlich für den Hanser-Verlag.