DAB+, das „Radio der Zukunft“ hat noch viele Kinderkrankheiten – was die Versorgung und das Senderangebot betrifft, aber auch was die Empfänger betrifft. Und ich fürchte, daß manche dieser Kinderkrankheiten sich auch durch technische Weiterentwicklung nicht auswachsen, sondern eigentlich Systemkrankheiten sind. Digitalradio ist nach allen Erfahrungen, die ich damit bisher gemacht habe, kein Ersatz für die Ultrakurzwelle, sondern vielmehr eine Ergänzung: In manchen Punkten besser, in anderen schlechter, also einfach anders.
Unter diesem Aspekt nutze ich inzwischen einen großen
Dual DAB 12 für zu Hause und einen kleinen
Sangean DPR-34 für unterwegs. (Testberichte zu beiden Geräten habe ich jeweils dort eingestellt.) Immerhin können der störungsfreie Empfang und die Programminformationen auf dem Display selbst Technikmuffel überzeugen. Einem von ihnen will ich nun ein Digitalradio schenken. Auf der Suche nach einem Gerät, das die größten Schwächen meiner bisherigen Geräte möglichst umgeht, und das halbwegs einfach zu bedienen ist, stieß ich auf Sony-Gerät mit dem sperrigen Namen XDR-S56DBP, das ich erst mal selber ausgiebig testete.
Schon der äußere Schein überzeugt. Der Sony ist das einzige Digitalradio, das sich – so scheint es mir – selbst ernst nimmt. Das unaufgeregte und elegante Design und die Art und Anordnung der Bedienelemente erinnern noch am ehesten an ein Radio, wie man es kennt. Das Gehäuse ist bis in Details hinein solide konstruiert. Sony weiß offenbar noch, wie man Radios baut, und was ein Radio bedienerfreundlich macht. Auch wenn das Radio digital ist, ist doch der Mensch immer noch ein analoges Wesen. Dem kommt Sony mit einem analogen Lautstärkeregler an der Seite entgegen. Ebenfalls an der Seite der klassische Senderknopf. Aber halt – nicht ganz klassisch. Er ist nicht zum Drehen, sondern eher eine Art Schaltwippe. Schade, ein richtiger Drehknopf hätte dem Sony richtig gut getan. Auf der Oberseite neben einer Tastenreihe drei Senderspeichertasten.
Nur drei? Wären fünf oder zehn nicht angemessener? Erst war ich enttäuscht. Doch dann entdeckte ich ein kluges Konzept (das man aber erst mal verstehen muß). Das Radio hat schon zehn Senderspeicher, aber nur die ersten drei sind direkt anwählbar. Die anderen sieben erreicht man über die Sender-Schaltwippe. Und die „restliche“ Senderliste? Um an sie heranzukommen, muß man die Taste „Tune Mode“ drücken. Ein zweiter Druck auf „Tune Mode“ (oder das Drücken einer der drei Senderspeichertasten) schaltet wieder zurück zu den Senderspeichern. Es gibt also zwei Ebenen, zwischen denen man wechseln kann: Alle Sender oder die zehn Lieblingssender. Mir gefällt die Lösung, allerdings ist sie nicht einfach intuitiv erfaßbar. Und die schwer verständliche Bedienungsanleitung hilft leider nicht besonders, das Konzept zu verstehen.
Auch mit der Firmware hat Sony mehr Aufwand getrieben als bei anderen Herstellern üblich zu sein scheint. So vermeidet Sony verschachtelte Menüs. Die nötigsten Funktionen sind über die fünf Bedientasten auf der Oberseite oder die Display-Taste auf der Vorderseite schnell zugänglich. Weitere, bei anderen Digitalradios vorhandene Funktionen oder Einstellmöglichkeiten fehlen aber. Die meisten vermisse ich nicht, wohl aber eine Funktion zum Löschen von nicht mehr empfangbaren Sendern aus der Senderliste (nützlich nach der Rückkehr aus dem Urlaub, wenn ein Suchlauf dort lokale Sender in die Liste aufgenommen hat). Das – bei Bedarf angenehm gelb beleuchtete – Display ist gut lesbar, die Schrift sogar vergrößerbar. Die Darstellung von Senderinformationen ist durchdachter (aber auch sparsamer) als bei anderen Geräten. Das Speichern von Sendern und das Abrufen gespeicherter Sender ist angenehm einfach. Insgesamt kann der Sony als einziger meiner drei Digitalempfänger auch von sehbehinderten oder blinden Menschen halbwegs bedient (wenn auch nicht programmiert) werden.
Der Sony hat einen ungewöhnlich klaren und sauberen Klang. Sony versucht nicht, wie viele andere Hersteller, aus einem Minilautsprecher das Letzte herauszuholen. Im Gegenteil: Ein erstaunlich großer Lautsprecher wird mit nur wenig Leistung betrieben. Das bringt zwar keine große Lautstärke, und schon keine satten Bässe, aber einen angenehm unaufdringlichen Klang. Mit seiner einfach zu bedienenden Schlummerfunktion kann man das Radio beim Einschlafen noch leise spielen lassen. Eine Weckfunktion hat es allerdings nicht.
Positiv überrascht hat mich auch, daß der Sony nur 4 AA-Batterien (oder Akkus) braucht, und damit sogar 12 Stunden lang spielt. Das ist zwar nicht vergleichbar mit einem klassischen Analogradio, das mit einem Satz Batterien wochenlang spielt, aber es ist um Längen besser als das, was andere DAB-Radios schaffen. Am Ende der Batterielaufzeit wird das Radio nicht leiser, sondern geht einfach aus. (Übrigens, im UKW-Betrieb verlängert sich die Batterielaufzeit nicht wesentlich. Auch analoge Signale werden offenbar digital verarbeitet, der stromhungrige Computerchip ist also auch im UKW-Betrieb aktiv.)
Leider gibt es kein Licht ohne Schatten. Lautstärkeregler und Sender-Schaltwippe sind ungünstig geformt und liegen nicht gut in den Fingern. Die Schaltwippe erschwert und verlangsamt zudem die Senderwahl unnötig, ein Drehknopf hätte das Gerät sehr aufgewertet. Gespeicherte Sender gehen verloren, wenn der Strom wegbleibt – beispielsweise wenn das Netzteil des Radios an einer Schaltsteckdose hängt. Wenn ein Sender wegen einer vorübergehenden Störung ein paar Sekunden lang nicht zu empfangen ist, gibt der Sony sofort auf: Er versucht nicht, wie andere Radios, den Sender wieder reinzukriegen, sondern quittiert einfach mit einer „Kein Empfang“-Meldung. Die einfache Bedienung über schnelle Tastendrücke macht die übliche langsame Reaktion von Digitalradios unangenehm deutlich – es dauert immer einige Sekunden, bis wieder etwas zu hören ist. Das Display zeigt unnötige und irritierende Botschaften an, etwa daß die Uhr gestellt ist. Warum erscheint nicht einfach die Uhrzeit selbst? Eine Signalstärke- und eine Batterieanzeige fehlen. Der UKW-Teil ist ebenso schwach, wie der der anderen von mir getesteten DAB-Radios, und obendrein hat er kein RDS, zeigt also keine Sendernamen an. Auch läßt er sich nicht manuell auf Mono schalten, wenn es für rauschfreien Stereoempfang nicht reicht.
Schade. Mit wenig Aufwand hätte Sony deutliche Verbesserungen erzielen und ein richtig attraktives DAB-Radio bauen können. So ist der Sony in meinen Augen zwar der bisher am ehesten überzeugende DAB-Empfänger, aber eine sehr gute Bewertung und eine uneingeschränkte Empfehlung kann ich ihm nicht geben. Der Blick auf den Markt weckt den Eindruck daß die Radiohersteller allesamt nur halbherzig auf der DAB-Welle mitschwimmen. Sehen sie ein Scheitern von DAB voraus? Oder liegt es „nur“ daran, daß die Alten, die noch echte Prototypen gebaut und praxiserprobt haben, von den Jungen verdrängt wurden, die alles nur noch am Computer entwickeln?