Die Alpha 55 ist meine dritte Sony nach der betagten APS-Kamera DSC-R1 und der Bridgekamera DSC-HX1. Weil die A55 einen festen Spiegel hat, erwartete ich wie bei den beiden anderen Apparaten ein flüsterleises Auslösen. Doch in der Kamera klackt es recht vernehmlich, bei Serien wie eine Nähmaschine. Für Konzert und Theater ist der Apparat also ungeeignet, in meinen Augen das einzige Manko.
Inzwischen 72 Lenze alt und kein bisschen weiser, griff ich dennoch ins Portemonnaie, um die technisch überholte, aber optisch vorzügliche R1 abzulösen. Ich erstand zur Kamera wieder ein Zeiss-Vario-Sonnar 16-80 (f 3,5-4,5). Sowohl das Sonnar als auch das Kit-Objektiv 18-55 (als erstes ausprobiert) liefern gute Bilder. Das teure Sonnar vignettiert bei offener Blende um 1 1/2 Stufen im Weitwinkelbereich (lt. www.photozone.de), ist aber lt. photozone die höher auflösende Optik. Was bei dem 18-55-er wirklich stört, ist die sich drehende Frontlinse. Sein Plus ist der niedrige Preis. Messdaten beider Objektive findet man bei photozone, einen Kameratest unter www.digital.kamera.de (auch den zur A33 ansehen!) und www.colorfoto.de/news/sony-a55-a33-a580-a560-996320.html).
Obwohl ich große Hände habe, kam ich mit dem kleinen Gehäuse sofort zurecht. Das Histogramm kann schon vor der Aufnahme betrachtet werden, was Fehlbelichtungen vermeiden hilft. Dasselbe gilt für den Weißabgleich. Das Objekt wird so angezeigt, wie es wirklich auf den Sensor kommt. Knipst man den Universalschalter nach oben, erscheinen die Daten, das Histogramm oder eine elektronische Waage für die Ausrichtung der Kamera. Das alles ist überzeugend ausgedacht und realisiert. Die sonstigen Einstellungen sieht man nur auf dem Monitorrand. Sie verschwinden, wenn die Waage oder das Histogramm eingestellt werden.
Der APS-Chip hat 16 Mio. Pixel, ein "Hammer". Als weiterer Vorzug ist die hohe Rauscharmut zu nennen. Es spricht nichts dagegen, immer die ISO-Automatik (100 bis 1600 ISO, ein fester Wert) zu verwenden. Die hohe Auflösung reicht auch für Drucke von A3+.
Sucher (groß!) und Monitor sind hochauflösend und hell. Brillenträger wie ich haben mit dem tiefliegenden Durchsichtssucherokular leichte Probleme. Der Monitor ist klapp- und drehbar. Weil mir das Beugen oder Hinlegen nicht mehr so gut gelingt, ist er für mich eine echte Hilfe. Ja, ich meine, es ist auf dem Display viel leichter, ein Bild zu gestalten. Man muss übrigens zwischen Sucher und Monitor nicht hin und her schalten, das besorgt ein Sensor am Okular. Die R1 hatte diesen Schalter auch, doch sprach er zu früh an. Die Motiverfassung beträgt lt. Sony 100%. Die Tiefenschärfe lässt sich auf Knopfdruck (unter dem Objektiv, ein wenig fummelig) beurteilen, ohne dass es im Sucher dunkler wird, eine innovative Lösung. Bei Dunkelheit wird das Bild automatisch aufgehellt.
Der durchlässige Spiegel soll 30 % Licht schlucken. Staub auf dem Tiefpassfilter lässt sich abrütteln; für manuelle Reinigungen wird der Spiegel hochgeklappt. Der automatische Weißabgleich liefert natürliche Farben.
Eine nützliche Einrichtung ist die die Multi-Frame Rauschunterdrückung ("Handgehalten bei Dämmerung"). Sechs Aufnahmen werden blitzschnell nacheinander geschossen und rauscharm zusammengerechnet. Das Ergebnis ist ein sauberes, knackscharfes JPEG-Bild. Ich habe solche Aufnahmen im Altenberger Dom aus der Hand gemacht und konnte später gar nicht glauben, in dunkleren Bereichen mit 1250 und 1600 ISO so rauschfrei fotografiert zu haben. Weder ein Blitz noch ein Stativ stört andere Besucher, nur das Klacken. Die Kamera richtet die Bilder an den Kanten aus (wie bei HDR, s.u.). Natürlich darf sich bei der Geschichte nichts schnell bewegen. Was weiter hilft, ist die heute übliche Vibrationsunterdrückung. Sie befindet sich in der Kamera und arbeitet nach meiner Erfahrung gut. Sony gibt einen Gewinn von 2,5 bis 5 Lichtwerten an. Nachmessen konnte ich das natürlich nicht. Es kommt immer auch auf die Bewegung des Motivs an.
Um hohe Helligkeitsunterschiede zu komprimieren, wendete ich schon bisher das HDR-Verfahren (High Dynamic-Reduction) an. Allerdings selten, denn dazu bedurfte es eines Stativs mit Fernauslöser. Die A55 macht das bei ausreichendem Licht aus der Hand (leider nicht im RAW-Format). Es werden blitzschnell drei Aufnahmen hintereinander geschossen, wobei die Differenz +/- eine bis sechs Belichtungsstufen beträgt. HDR aus der Hand ist wirklich eine feine Sache und bannt u. a. Überstrahlungen des Himmels. Sogar die aufgehende Sonne ordnete sich dieser Technik unter (eingestellt waren drei Stufen). Darauf möchte ich nicht mehr verzichten.
Sony wirbt mit der raschen Bildfolge und Schnelligkeit beim Fokussieren. Das geht auch im RAW-Format, und zwar mit 10 B/S. Vermutlich wird das für manchen ein Grund sein, die Kamera zu kaufen. Man denke an Kinder- oder Sportaufnahmen. Es geht auch langsamer mit sechs oder drei Bildern pro Sekunde. Ein kleiner Tipp: Serienaufnahme immer auf "low" stellen und den Auslöser entweder kurz für eine Aufnahme oder länger für eine Serie drücken - sei allzeit bereit!
Fast hätte ich sie vergessen, die Panoramafunktion. Sie funktioniert, ohne dass man hinterher in einem Programm nachbessern muss. Ein Pfeil und eine "Laufbahn" geben die Richtung vor; bei der Breite kann man zwischen zwei Formaten wählen. Ich erhielt horizontal Bilder mit 8.192 x 1.856 Px. (ca. 15 Mio. Px.) und 12416 x 1856 Px. (ca. 23 Mio. Px). Wenn ich für den üblichen Bilderprint eine Auflösung von 200 dpi annehme, ergibt letzteres Format ein Bild von 23 x 158 cm. Es gibt auch ein 3-D-Panorama (nicht erprobt). Die Geschwindigkeit beim gleichmäßigen Schwenken muss man ausprobieren. Als ich zu langsam schwenkte, schimpfte die Kamrera mit mir ...
Für die Fokusnachführung gibt es drei Einstellung: Statisch, immer nachführen oder nur bei Bewegung des Objekts nachführen.
Anders als bei meiner Nikon lassen sich die Buchstaben der Dateien nicht ändern. Sie lauten immer "DSC". Es kann zu doppelten Namen kommen, wenn weitere Kameras benutzt werden. Deshalb benenne ich die Bilder beim Import in Adobe Lightroom um und stelle die Kamerabezeichnung voran, z.B. "A55-0170".
Was die Kamera sonst noch alles kann (z.B. Aufnahmeautomatiken, Szeneneinstellung - u.a. für Sportaufnahmen, Filmen, GPS), kann man im Internet lesen oder - wie ich - sich vor dem Kauf die Bedienungsanleitung bei www.Sony.de herunterladen und studieren. Automatiken brauche ich außer der Multi-Frame-Geschichte nicht.
Aus meiner Sicht kann ich keine gravierenden Nachteile feststellen, außer vielleicht, dass ich mir HDR-, Panorama- und Multi-Frame-Aufnahmen im RAW-Format und ein leises Auslösegeräusch gewünscht hätte. Die Namen der Bilddateien sollten schon in der Kamera geändert können. Doch das ist Meckern auf hohem Niveau.
Für ambitionierte Fotografen liegen die Stärken der Kamera in der hohen Auflösung, außerdem im ständigen "Live View", dem Histogramm und der sichtbaren Weißabgleichfärbung vor der Aufnahme, der schnellen Serienbildfolge mit Schärfenachführung, der Multi-Frame Rauschunterdrückung, der HDR-Funktion, der leicht zu handhabenden Panoramaeinrichtung und, last not least, dem klapp- und drehbaren Display. Zu bedenken ist der Lichtverlust von einer halben Blende wegen des durchlässigen Spiegels. Allerdings erreicht die Eingangsdynamik mit knapp 9 Blendenstufen sehr gute Werte. Erst bei ISO 6.400 sinkt sie auf 8 Blendenstufen (www.digitalkamera.de). Wer Bilder für den professionellen Druck liefert, wird sich über die hohe Auflösung freuen. Unbeschnitten kommt man bei 300 dpi ohne zu mogeln auf 276 x 415 mm.
Mir fiel noch auf, dass der Zubehörschuh für Blitzgeräte etc. anders als üblich konstruiert ist.
Man sollte vor dem Kauf nachsehen, ob es die benötigten Wechselobjektive zur Alpha gibt und was diese taugen. Eine Testliste fand ich in dem Color-Foto Heft 12/2010. Ausführliche Tests sind auch bei photozone veröffentlicht. Im Sony-Forum wurde darüber geklagt, dass die Kamera bei Filmaufnahmen zu warm wird und pausieren muss. Dazu kann ich nichts sagen, denn ich filme nicht. Ich weiß aber eines: Die Alpha wird meine neue leichte Kamera für unterwegs. Damit aufgenommene Fotos sind selbst bei Ausschnitten auch für Druckerzeugnisse wie Bücher oder Kalender geeignet.