Um sich auf dem Markt für digitale Spiegelreflexkameras zu positionieren verfolgt Sony offenbar eine andere Strategie als die etablierten Hersteller. Nach dem kurzen Intermezzo der Alpha 100 und deren Ablösung durch die nahezu identische A 200 ist die 300er Serie wohl dazu gedacht, dem abitionierten Einsteiger nun auch mit längerer Typentreue praktikables Handwerkszeug zur Verfügung zu stellen. Zu wünschen wäre ein längeres Marktleben der gelugenen Reihe, besonders der Alpha 350.
Was unterscheidet die Alpha 350 von den Platzhirschen von Canon und Nikon?
Zunächst bietet die Alpha haptisch einen weniger ansprechenden Eindruck. Mit Ausnahme des gummierten Griffüberzugs ist sie komplett aus glattem Kunststoff gefertigt und insbesondere die Abdeckung des Speicherkartenfaches und des Objektivgehäuses wirken wenig wertig - berührt man etwa die Objektivhausung mit den Fingernägeln der rechten Hand (und das geschieht unvermeidlich beim Fotografieren), klingt es hohl und billig. Anzunehmen natürlich, dass sie nicht aus dünnem Plastikprofil gefertigt wurde, es macht aber den Anschein - wie bei japanischen Autos der 1980er Jahre. Gleichzeitig liegt die Alpha gut ausbalanciert in der Hand und der gummierte Bereich lässt sich auch mit feuchten Händen sicher festhalten. Fazit: Anwendung einwandfrei - affektiver Eindruck etwas dürftig.
Mehr wirkliche Nachteile kann man ernstlich nicht anführen.
Dass der Live-View-Modus mehr Strom kostet und der Akku daher nicht solange hält wie bei älteren DSRL-Kameras, ist kein Nachteil. Den Modus kann man deaktivieren und in den meisten Fällen wird man das auch tun - trotzdem gut, ihn zu haben.
Ein dickes Plus ist der Autostart, wenn man sich mit dem Auge dem Sucher nähert. So kann man die Kamera immer anlassen: Sie schaltet sich nach zu definierender Zeit selbstständig ab - sie springt von selbst wieder an. Prima!
Der Verwacklungsschutz (SuperSteadyShot) arbeitet tadellos und ist im Gehäuse integriert. Letztlich sind die meisten Objektive ohne Stabilisator auch nicht billiger, aber gerade im unteren Preissegment bringt das noch einige Vorteile.
Das Klappdisplay braucht man wohl auch eher selten, die Qualität und Brillanz der Bildwiedergabe sind jedoch zum Betrachten einwandfrei. Und wenn einmal geklappt werden muss, dann geht das eben auch.
Etwas schade ist, dass Sony nach dem Übergang nun hauseigene Objektive montiert. Ob hier Zeiss-Linsen ohne Logo angebracht werden, nur damit Sony diese als Zubehör im Topsegment positioniert, ist fraglich. Als Standard taugt das Objektiv gut, zumal sein Bereich größer ist als bei Konkurrenzprodukten. Wer die Preise für ein Zeiss Vario Tessar und ein Sigma/Tamron vergleicht, versteht, dass es aus Marketinggründen nicht geht, ein Kamerakit zu verkaufen, bei dem Gehäuse und Objektiv wenigstens gleichpreisig sind. Wer das wirklich gute Kitobjektiv aber nicht mag, kann ja das bloße Gehäuse kaufen.
Die öfters geschmähte Langsamkeit der Alpha 350 ist zu vernachlässigen. Hobbyfotograf: Wann schießen Sie jemals ellenlange Serienbildreihen, besonders im RAW-Format, bei der dann statt 3 "nur" 2,x Bilder Ihnen die Leistungsfähigkeit der Kamera verderben? Das ist Unfug. Wer zur Presse will, braucht eine andere Ausstattung. Zumal man auch Einiges wettmacht, wenn man eine neue IV-Compact Flash Karte nimmt: Also auch hier lieber 2GB schnell, statt 4GB langsam. Auf Memory Stick Pro Duo sollte man aus diesem Grund ganz verzichten, der ist für Handys etc.
Resümee: Eine wirklich gelungene Kamera, die eigentlich in vielen Bereichen (semi)professionelle Leistung mit "Point-and-shoot"-Ansprüchen vereint. Ein AMG-Mercedes taugt doch auch gut für den Wocheneinkauf und bei Bedarf hat er Reserven - ein Verhalten, das der Ferrari nicht bietet und der Astra Caravan aus anderen Gründen eben auch nicht.
Einziges Manko: Ein Magnesiumgehäuse - und dann €50,- mehr verlangen...