Bei dem insgesamt doch recht schmalen Rollenspielangebot für die PS3 stolpert man über kurz oder lang sicher auch über den Titel "Folklore" - so erging es mir jedenfalls. Da die Rezensionen hier doch relativ durchwachsen ausfallen, wollte ich meine Meinung zu dem Spiel auch noch einmal zum besten geben.
Die Grafik des Spiels ist mindestens so durchwachsen wie die Rezensionen. Die Settings finde ich insgesamt sehr schön und fantasiereich dargestellt, die Unterweltregionen sind abwechslungsreich gestaltet und sehen wirklich toll aus, auch das Dorf Doolin wurde ansprechend in Szene gesetzt. Äußerst schade ist nur, dass das Spiel über kaum animierte Cutscenes verfügt und sich stattdessen weitestgehend am Comic-Stil bedient, bei dem verschiedene Standbilder in einer Art Slide-Show gezeigt werden und die Dialoge in Sprechblasen angezeigt werden. Ob dies nun als kreatives Stilelement zu verstehen ist oder mangels Budget so umgesetzt wurde, bleibt hierbei fraglich. Denn es wirkt eigenartig deplatziert und unpassend und entpuppt sich auch ein ums andere Mal als echter Spannungskiller hinsichtlich der wirklich großartigen Story und das ist für die Atmosphäre des Spiels doch äußerst ärgerlich.
Die Story ist wie erwähnt sehr gut und hebt sich sicherlich von vielen Konkurrenztiteln ab, da die Geschichte sich wie ein Agatha-Christie-Krimi nach und nach entfaltet und wirklich wahnsinnig interessant und spannend ist.
Die Charaktere Ellen und Keats sind gut gelungen und stellen aufgrund ihrer verschiedenen Sichtweisen einen interessanten Kontrast zueinander dar. Generell würde ich das Charakterdesign hier jedoch als solide beschreiben wollen.
Die Musik des Spiels empfand ich als sehr passend und angenehm, teilweise ist sie jedoch etwas "speziell" und könnte dem ein oder anderen vielleicht doch negativ auffallen. "Folklore" verfügt über eine deutsche Sprachausgabe, die sich leider nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die Dialoge sind extrem steif und leblos gesprochen und klingen eher nach reinem Ablesen. Ich habe alternativ auch die englische Sprachausgabe getestet (dafür PS3-System auf englisch umstellen, über das Spielmenü selbst läßt sich die Sprache nicht ändern) und muss leider sagen, dass diese kein bißchen besser ist. Hierfür ein dicker Minuspunkt.
Das Gameplay bietet erfrischende Möglichkeiten, denn hier müssen die sogenannten Folks besiegt und anschließend mithilfe der SIXAXIS-Funktion absorbiert werden. Absorbierte Folks wandern ins Inventar und können als Angriffswaffe ausgerüstet werden. Insgesamt gibt es um die 100 Folks im Spiel, die allesamt durch das Sammeln bestimmter Gegenstände aufgelevelt werden können - über ein zu geringes "Waffenarsenal" wird sich hier also sicherlich niemand beschweren können.
Darüber hinaus kann Ellen mit verschiedenen Kostümen, die sich nach und nach im Spiel finden lassen, ausgerüstet werden, die unterschiedliche Barrierefunktionen haben und zudem wirklich großartig aussehen!
Keats hingegen verfügt über eine Art Berserker-Modus, der sich bei besiegen und/oder absorbieren von Folks langsam auffüllt und bei vollem Füllstand manuell aktivierbar ist. In diesem zeitlich begrenzten Zustand nimmt er selbst weniger Schaden und richtet bei Gegnern größeren Schaden an.
Wie schon kurz angerissen bindet die Steuerung die Bewegungssensoren des SIXAXIS-Controllers ein und verlangt einem teilweise recht viel Fingerspitzengefühl bzw. Reaktionsvermögen ab. Der Schwierigkeitsgrad dieser Funktion steigt im Laufe des Spiels an, ist aber durchaus machbar. Die Tastenbelegung der vier Aktionstasten (X, O etc.) muss vom Spieler selbst konfiguriert werden, da diese mit bereits absorbierten Folks aus dem Inventar belegt werden können. Somit ist die Steuerung insgesamt als einfach zu beurteilen, lediglich die SIXAXIS-Funktion kann mitunter eine Herausforderung werden.
Neben dem Hauptspiel gibt auch noch einige Nebenquests zu lösen, die teilweise in punkto Schwierigkeitsgrad äußerst anspruchsvoll sind.
Nun komme ich allerdings auch zu meinem entscheidenden Hauptkritikpunkt: das Spiel muss mit beiden Charakteren einmal durchgespielt werden, um abgeschlossen werden zu können. Dies an sich fände ich nicht einmal schlimm, wenn die Charaktere nicht exakt die gleichen Level durchlaufen müssten und nicht weitestgehend über die gleichen Folks verfügen würden (hier gibt es lediglich leichte Variationen) und nicht exakt die gleichen Endbosse hätten (hier unterscheiden sich nur die Angriffspunkte, es bleibt aber optisch der gleiche Boss).
Das nenne ich mal einen gehörigen Motivationskiller.
Ich habe das Spiel mit Ellen begonnen und war bereits ziemlich weit fortgeschritten, als Ellen plötzlich im Storyverlauf in die Bredouille geriet und Keats ihr zur Hilfe eilen musste. Dumm nur, dass Keats ungefähr 10 Spielstunden weit hinter ihr lag und somit noch einmal alles durchlaufen musste, was ich bereits mit Ellen hinter mich gebracht hatte. Besonders lästig fand ich hierbei, dass man als Keats oftmals die gleichen Folks bekommt, wie auch Ellen sie hat und diese nichts desto trotz wieder im "Urzustand" erhält und sie erneut aufleveln muss. Ich hatte bereits mit Ellen etliche Stunden in das Einsammeln von Gegenständen gebuttert, um ihre Folks aufzuleveln und dann finde ich es äußerst frustrierend, mit Keats die gleichen Folks zu erhalten und diese lästige Odyssee von vorn beginnen zu müssen. Da hätte ich mir doch wenigstens andere Folks gewünscht, denn auf diese Weise wiederholt sich wirklich das ganze Spiel noch einmal und läßt jeden mit der Hoffnung auf innovative Änderungen gegenüber dem ersten Durchlauf gnadenlos im Regen stehen.
Zwar erleben die Charaktere den Handlungsverlauf aus unterschiedlichen Perspektiven und erhalten somit auch jeweils etwas unterschiedliche Cutscenes, aber diese motivieren auch nicht gerade zum erneuten Durchspielen, da sie nur wenige Unterschiede zum ersten Durchlauf aufweisen.
Fazit: "Folklore" bringt ein tolles Gameplay mit innovativen Features mit sich und bringt durchaus Spaß, würde der Spieler nicht gezwungen werden, den Titel zwei Mal durchzuspielen, wobei der zweite Durchlauf jeder Innovation entbehrt und an Monotonie kaum zu überbieten ist. Wirklich schade, denn das Spiel ist abgesehen von der Sprachausgabe und den Comic-Cutscenes großartig, aber der erzwungene zweite Durchlauf versetzt diesem Titel meiner Ansicht nach den Todesstoß. Echt schade, denn sonst hätte ich ohne Frage mindestens 4 Sterne vergeben.