Vom Cover blickt einem ein gewitzter älterer Herr entgegen, dem man gleich ansieht, dass er's faustdick hinter den Ohren hat -- und faustdick hinter den Ohren hat's auch seine Musik. Ohne den Kraudn Sepp keine Biermösl Blosn, kein Otto Grünmandl, keine Wiesiealleheißen. Gerhard Polt nennt ihn eines seiner wichtigsten Vorbilder.
Manchmal erzählt er ganz einfach saukomische Geschichten (z.B. "Über Kiem Pauli" oder im "Pfarrerwitz"), aber vor allem singt er Gstanzln und Balladen und alles, was ihm halt gefällt, und er begleitet sich virtuos auf der Zither. Noten hat er nie gelernt, aber wozu auch? Sein Gehör reicht locker. Seine Lieder handeln vom einfachen Leben, aber einfach gestrickt sind sie nicht. Es geht um das nicht immer idyllische Landleben, um Leiden und Freuden ländlicher Hausierer, es geht auch um Kriegserlebnisse im Ersten Weltkrieg ("Schützengraben") -- aber auch um die Klassen-nivellierenden Eigenschaften von Lederhosen, um die Tücken der Brautschau, und um vieles mehr. Manchmal geht's um sehr viel, das man unmöglich zusammenfassen kann, z.B. bei der "Lenggrieser Hausaussuchung".
Die Lieder sind witzig, hinterfotzig, zu Herzen gehend, und auch wenn man nicht auf Anhieb jedes Wort versteht, ist man hingerissen: Zwar dürfte nicht nur der "Murnauer Markt" nördlich des Mains völlig unverständlich sein (arme Preußen! Denen entgeht was!), aber die Musik ist faszinierend, und wie der Kraudn Sepp hier einfach den Klang der Sprache vor jeder Bedeutung einsetzt, das soll ihm erstmal einer nachmachen.
Bieder sind sie also weiß Gott nicht, diese Lieder. Die Musik hat's in sich, und die Texte erstrecht: In den 60er Jahren war Josef Bauer, wie er standesamtlich hieß, zwar schon bekannt genug, um Radiosendungen zu bestreiten, aber dem Bayerischen Rundfunk behagten seine Liedtexte überhaupt nicht: Sie waren dem zuständigen Redakteur zu unanständig. Schließlich ist der Kraudn Sepp alles mögliche, aber gewiss nicht gefällig; seine Volksmusik tümelt nicht. Und nicht nur der "Pfannaflicka" war dem Bayerischen Rundfunk zu unanständig, um öffentlich aufgeführt werden zu können...
Daher ist es schade, dass die Texte nirgends abgedruckt sind, denn die dürften so manchen Zuhörer nördlich des Mains (und auch schon südlich davon) öfters in die Bredouille bringen. Nicht, dass die Musik nicht auch allein schon gut wäre und allein schon das Zuhören lohnt. Aber die Texte sind nicht nur klug und/oder witzig, manche schwarzhumorig bis zur Schmerzgrenze, sondern sie würden auch heute noch jedes "Hitparade der Volksmusik"-Format dorthin runterspülen, wohin es gehört. Man lasse sich ja nicht von Titeln wie "Die Lederhosn" oder "Weiss-Blau" in die Irre führen.
Die Doppel-CD "Sonntag" enthält in bemerkenswert gut restauriertem Klang eine repräsentative Auswahl: Auf CD 1 hört man den Kraudn Sepp solo, auf CD2 in Begleitung, vor allem mit Toni Klee und Marie Reiser. Natürlich nur echt mit "Franzl & Kathl" -- einem Paradepferd des gesungenen Ehekrachs incl. herziger Versöhnung!
Ebenso erwähnenswert ist das aufwendige Booklet: Eine lange, reich mit Fotos bestückte Kraudn-Sepp-Hommage von Franz Dobler -- genau, der engagierte und kenntnisreiche Johnny-Cash-Nachrufer würdigt einen weiteren Großen der Zunft. So verwunderlich finde zumindest ich das nicht, dass sich einer bei Johnny Cash u-n-d beim Kraudn Sepp auskennt: Irgendwann mal habe ich schließlich selber den Kraudn Sepp spontan mit Leadbelly verglichen -- jetzt nicht in puncto Repertoire oder Stil, sondern vom Prinzip her: Geerdeter geht's nimmer.