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Der Verlag über das Buch
Klappentext
Observer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Auszug aus Sonnenfinsternis. von John Banville, Christa Schuenke. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich drehte mich um und sah zurück und erblickte am Fenster des Zimmers, das früher das Zimmer meiner Mutter gewesen war, eine Gestalt - offenbar meine Frau. Die Gestalt stand reglos da und schaute unverwandt in meine Richtung, aber nicht zu mir. Was sah sie? Wonach hielt sie Ausschau? Eine Sekunde lang fühlte ich mich herabgesetzt - nur eine Nebensächlichkeit in diesem Blick, ein Blick wie ein Schlag ins Gesicht oder ein höhnisch hingehauchter Kuss. Der Tag spiegelte sich in der Glasscheibe und brachte die Erscheinung dort im Fenster zum Glänzen und ins Gleiten; war sie es wirklich, oder war es nur ein Schatten in Form einer Frau? Ich entfernte mich auf dem holprigen Boden, denselben Weg zurück, den ich gekommen war, und dieser andere, der mich gekapert hatte, der Eindringling, ging unverdrossen mit, wie ein Ritter in seiner Rüstung. Ein Gang auf trügerischem Grund. Das Gras griff nach meinen Knöcheln, und im Lehm, unter dem Gras, gab es Löcher von den Hufen der Kühe aus grauer Vorzeit, als diese Stadtrandsiedlung hier noch unbebautes Land gewesen war; bloß nicht stolpern, sonst breche ich mir am Ende noch einen der zahllosen zarten Knochen, die man im Fuß angeblich hat. Angst schwappte in mir hoch wie Gallensaft. Wie, fragte ich mich, wie soll ich es hier aushalten? Wie bin ich nur darauf gekommen, dass ich es hier aushalten könnte, ganz alleine? Doch jetzt war es zu spät; jetzt musste ich die Sache zu Ende bringen. Jetzt musst du die Sache zu Ende bringen, sagte ich mir, brabbelte ich laut vor mich hin. Da nahm ich den salzigen Gestank des Meeres wahr und schauderte.
Ich bat Lydia, mir zu erzählen, wonach sie Ausschau gehalten hatte.
»Was?«, sagte sie. »Wann?«
»Da oben. Vom Fenster aus«, ich zeigte hoch. »Du hast mir nachgeschaut.«
Sie betrachtete mich mit diesem tumben Ausdruck, den sie neuerdings öfter hatte - sie ließ den Unterkiefer schlaff herunterhängen, machte ein Doppelkinn und sah aus, als wollte sie irgendwas verschlucken. Sie sei überhaupt nicht oben im Haus gewesen, sagte sie. Dann blieben wir noch einen Augenblick lang stehen und schwiegen uns an.
»Sag, frierst du nicht?«, sprach ich. »Ich friere.«
»Wann frierst du denn mal nicht?«
»Heut Nacht im Traum war ich ein Kind und wieder hier.«
»Gewiss, in Wahrheit warst du niemals fort.« Ein Ohr für Jamben hat sie, meine Lydia.
Es war das Haus an sich, das mich in seinen Bann zog, das heimlich seine Herolde ausgeschickt hatte, um mich zu rufen ... nach Hause, hätte ich fast gesagt. Einmal, auf der Straße, im winterlichen Dämmerlicht, tauchte vor meinem Wagen plötzlich ein Tier auf, geduckt, aber scheinbar furchtlos, die scharfen Zähne entblößt und mit Augen, die im grellen Licht der Scheinwerfer funkelten. Ich hatte instinktiv gebremst, noch ehe ich es richtig wahrgenommen hatte, das Ding, und saß da wie vom Donner gerührt, roch den höllischen Gestank der qualmenden Reifen und hörte in meinen Ohren das Blut stampfen. Das Tier machte eine Bewegung, als wollte es flüchten, verharrte aber gleich wieder. Und wie feindselig es mich anstarrte mit seinen elektrisierten, unwirklich neonroten Augen. Was war das überhaupt? Ein Wiesel? Ein Frettchen? Dafür war es zu groß und für einen Fuchs oder einen Hund nicht groß genug. Irgendein unbekanntes wildes Ding. Und dann huschte es davon, mit schlängelnden Bewegungen, als ob es keine Beine hätte, und war verschwunden. Und mir klopfte das Herz immer noch bis zum Hals. Die Bäume beiderseits der Straße neigten sich mir entgegen, schmutzig schwarz im letzten schwachen Schein des ersterbenden Tages. Kilometer um Kilometer war ich gefahren, wie im Schlaf, und glaubte nun, ich hätte mich verirrt. Ich wollte wenden und denselben Weg wieder zurückfahren, doch irgendetwas war da, das ließ mich nicht weg. Irgendetwas. Ich schaltete die Scheinwerfer aus, kroch aus dem Wagen und stand benommen auf der Straße, im klammen Halbdunkel, das mich umschloss und in sich aufnahm. Unterhalb der kleinen Anhöhe versank die dämmrige Landschaft in Dunst und Schatten. Über mir im Geäst krächzte warnend ein unsichtbarer Vogel, und am feuchten Straßenrand barst unter meinem Absatz gläsern knackend ein dünnes Plättchen Eis. Ich seufzte und sah ein paar Sekunden lang eine an den Rändern zerlaufende Ektoplasmawolke aus Atemluft vor mir stehen wie ein zweites Gesicht. Ich ging weiter bis zum Abhang und erblickte die Stadt mit ihren spärlichen, schimmernden Lichtern und dahinter das Meer, das gleichfalls schimmerte, nur schwächer, und da wusste ich, wohin ich mehr oder minder unbewusst gekommen war. Ich kehrte um und setzte mich wieder hinters Lenkrad, fuhr bis zum Gipfel hinauf, stellte, oben angekommen, den Motor ab, ließ den Wagen lautlos holpernd und verträumt den langen Hang hinunterrollen und hielt dann auf dem Platz, direkt vorm Haus, das dastand in seiner Finsternis, verlassen, alle Fenster dunkel. Alle, alle dunkel.
Nun, da wir zusammen an einem dieser Fenster standen, versuchte ich meiner Frau den Traum zu erzählen. Ich hatte sie gebeten, mit mir zusammen herzukommen und sich das alte Haus anzuschauen, zu schauen, ja, so hatte ich mich ausgedrückt, wobei ich mir meines einschmeichelnden Tones voll und ganz bewusst war, zu schauen, ob man es wieder bewohnbar machen könnte, ob ein Mensch darin wohnen könnte, allein. Sie hatte gelacht. »Ach, du meinst wohl, damit kannst du alles wieder in Ordnung bringen, was mit dir angeblich nicht stimmt«, sagte sie, »damit, dass du dich hier verkriechst wie ein Kind, das es mit der Angst zu tun kriegt und wieder zu seiner Mama will?« Wenn meine Mutter das wüsste, sagte Lydia, die würde sich noch im Grab den Bauch vor Lachen halten. Was ich allerdings bezweifeln möchte. Frohsinn war nämlich nie Mutters Stärke gewesen, nicht mal zu Lebzeiten. Es lacht so mancher, der noch weinen soll, hat sie immer gesagt. Lydia, fröstelnd in der modrigen Kälte des Hauses, die Arme um den Oberkörper geschlungen, die Nasenflügel weiß von einem unterdrückten Gähnen, hörte ungeduldig zu, während ich meinen Traum erzählte, und beobachtete dabei den aufgebrachten Aprilhimmel über den Feldern. Im Traum war es Ostermorgen, und ich, ein kleiner Junge, stand in der Tür und schaute hinaus auf den im Sonnenschein flirrenden Platz, auf den eben noch der Regen geprasselt war. Vögel schossen pfeifend durch die Luft, eine frische Brise kam angefegt, und die schon in Blüte stehenden Kirschbäume schauderten in Erwartung des Frühlings. Ich spürte die Morgenkühle im Gesicht, und von drinnen, aus dem Haus, stiegen mir die frühen Feiertagsgerüche in die Nase: dumpfige Betttücher, Teedunst, die verkohlten Scheite vom Feuer gestern Abend und irgendetwas, das nach meiner Mutter duftete, ein Parfum vielleicht oder eine Seife mit holziger Note. All das im Traum und überdeutlich. Und während ich in der Tür stand, gab es hinter mir in den Tiefen des Hauses auch Ostergeschenke - mit Händen zu greifen, ein leuchtendes Glück: Eier, die meine Traum-Mutter ausgeblasen und irgendwie mit Schokolade gefüllt hatte - das war einer der Gerüche, der leicht ranzige Geruch von geschmolzener Schokolade -, und ein gelbes Plastikhuhn.
»Ein was?«, fragte Lydia und lachte höhnisch auf. »Ein Huhn?«
Ja, sagte ich trotzig, ein Plastikhuhn auf staksigen Beinen, und wenn man hinten auf den Sterz gedrückt hat, legte es ein Plastikei. Ich hab's genau gesehen im Traum, hab die künstlichen Kehllappen gesehen, den stumpfen Schnabel, hab das Klicken gehört, wenn innen in dem Vogel die Feder schnappte und das gelbe Ei durch die Röhre auf den Tisch getrudelt kam. Und die Flügel haben jedes Mal geflattert und geknattert, wenn das Ei rauskam. Das Ei bestand aus zwei hohlen Hälften, die ein ganz klein wenig schief zusammengeklebt waren, sodass meine Fingerspitzen im Traum an beiden Seiten die zwei scharfen Kanten spürten. Lydia musterte mich mit ironischem Lächeln, spöttisch, aber durchaus liebevoll.
»Und wie kriegt man es wieder rein?«, fragte sie.
»Was?« Es fiel mir neuerdings oft schwer, die einfachsten Sachen zu begreifen, die man mir sagte, als redeten die anderen mit mir in einer Sprache, die ich nicht verstand; ich kannte alle Wörter und war trotzdem nicht imstande, sie in Gedanken zu sortieren, sodass sie einen Sinn ergaben.
»Wie man das Ei zurück ins Huhn kriegt?«, sagte Lydia, »damit es wieder rauskommen kann? Im Traum.«
»Keine Ahnung. Ich nehme an, man steckt . man steckt es einfach wieder rein.«
Und nun lachte sie tatsächlich, laut und schrill.
»Ha! Freud hätte seine helle Freude.«
Ich seufzte ärgerlich. »Nicht alles ist .« Erneutes Seufzen. »Nicht alles ...« Ich gab es auf. Sie fixierte mich weiter mit liebevoll-verächtlichem Blick.
»Ach ja«, sagte sie. »Manchmal ist ein Huhn ja wirklich nichts weiter als ein Huhn - außer, es ist eine Henne.«
Jetzt waren wir beide ärgerlich. Sie konnte nicht verstehen, warum ich hierher zurückwollte. Sie fand das morbide. Sie fand, ich hätte das Anwesen schon vor Jahren verkaufen sollen, gleich nach dem Tod meiner Mutter. Ich schwieg verstockt, verteidigte mich nicht. Es gab nichts zu verteidigen. Wie hätte ich ihr den Ruf erklären können, den ich an jenem Winterabend draußen auf der Straße empfangen hatte, wenn ich ihn mir nicht mal selbst erklären konnte? Sie wartete, musterte mich einen Moment, zuckte dann die Achseln und drehte sich wieder zum Fenster um. Sie ist eine gut aussehende Frau mit breiten Schultern. Durch ihr dickes schwarzes Haar zieht sich von der linken Schläfe abwärts ein breiter silberner Streif, eine bestürzende Flamme aus Silber. Lydia liebt Schals und Tücher, Ringe, Armreifen, Glitzerkram, klimperndes Zeug; ich stelle sie mir als Wüstenprinzessin vor, wie sie durch ein Meer von Sand schreitet. Sie ist genauso groß wie ich, obgleich ich mich zu erinnern meine, dass ich sie früher um gut eine Handbreit überragt habe.
Vielleicht bin ich geschrumpft; es würde mich nicht wundern. Unglück macht klein, so viel steht fest.
»Irgendwie hängt das alles mit der Zukunft zusammen«, sagte ich. »Der Traum.« Ach, wenn ich es ihr doch nur vermitteln könnte, dieses quicklebendige, hellwache Gefühl, hier zu sein, die angespannte Allgegenwärtigkeit des Traums, und wie messerscharf vertraut alles darin war, und wie ich ich war und zugleich auch wieder nicht. Ich legte die Stirn in Falten und nickte wie ein dummer Hund. »Ja«, sagte ich, »ich stehe in der Tür, im Sonnenschein, an einem Ostersonntagmorgen, und irgendwie ist es die Zukunft.«
»In welcher Tür?«
»Wie bitte?« Ich zog die Schultern hoch und ließ nur eine wieder sinken. »In der hier natürlich«, sagte ich nickend, staunend, überzeugt. »Ja, hier unten in der Haustür.«
Sie sah mich an und hob die Brauen, warf den grobknochigen Schädel leicht zurück und vergrub die Hände tief in den Taschen ihres weiten Mantels.
»Für mich hört sich das eher nach Vergangenheit an«, sagte sie, und damit war ihr ohnehin geringes Interesse vollends erloschen.
Vergangenheit oder Zukunft, ja, hätte ich sagen können - bloß wessen?
Mein Name ist Cleave - Alexander Cleave, genannt Alex. Ja, richtig, der Alex Cleave. Vielleicht erinnern Sie sich ja an mein Gesicht, an die berühmten Augen, deren feuriger Blick bis in die letzte Parkettreihe drang. Ich muss sagen, für meine fünfzig Jahre sehe ich immer noch ganz gut aus, wenn auch etwas abgewrackt und fleckig. Stellen Sie sich den idealen Hamlet vor, dann haben Sie mich vor sich: das glatte blonde Haar - inzwischen leicht ergraut -, die durchscheinenden, blassblauen Augen, die nordischen Wangenknochen und dieses vorgereckte
Kinn, sensibel, und doch ahnt man die in den Tiefen schlummernde, geläuterte Brutalität. Ich erwähne das nur, weil ich mich selber frage, inwieweit mein histrionenhaftes Äußeres eine Erklärung sein könnte für die Nachsicht, die Zärtlichkeit, die nie versiegende und weitgehend unverdiente liebevolle Freundlichkeit, die mir von vielen - nein, nicht von vielen, dass es viele gewesen wären, würde wohl selbst der treuste Leporello nicht behaupten - Frauen entgegengebracht wurde, Frauen, die über die Jahre hinweg meinen Lebensweg gekreuzt haben. Sie haben mich geliebt, mir Halt gegeben; wie unbesonnen ich mich manchmal auch verhalten mag, sie sind stets da und bremsen meinen Absturz. Was sehen sie in mir? Was kann man in mir sehen? Vielleicht nichts weiter als die Oberfläche. In jungen Jahren hat man mich oft verächtlich den Schwarm aller Zuschauerinnen genannt. Was ungerecht war. Sicher, wenn es sein musste, konnte ich durchaus den strohblonden Helden mimen, wie ich immer sage, aber am besten war ich, wenn ich die düsteren, in sich gekehrten Typen spielen durfte, solche, die scheinbar gar nicht richtig mit dazugehören, sondern so aussehen, als ob man sie von der Straße geholt hat, damit die Handlung glaubwürdiger wird. Ganz besonders lag mir das Bedrohliche, darin war ich wirklich gut. Wenn ein Giftmörder gebraucht wurde oder ein Rächer im golddurchwirkten Gewand, war ich der rechte Mann. Selbst die heitersten Rollen, den alten Esel mit der Kreissäge auf dem Kopf oder den cocktailschlürfenden Klugschwätzer, stattete ich mit einer so unheimlichen, so bedrohlichen Aura aus, dass sogar die alten Tanten in der ersten Reihe mit ihren komischen Hüten den Mund hielten und sich noch ein bisschen fester an ihre Bonbontüten klammerten. Und groß aufspielen konnte ich mich auch; wenn die Leute mich am Bühneneingang kurz zu Gesicht bekamen, staunten sie immer, dass ich im wahren Leben, wie man so schön sagt, gar nicht das schlaffe schwabblige Schwergewicht war, das sie erwartet hatten, sondern ein ranker, schlanker Mensch mit geschmeidigen Bewegungen und dem wohl überlegten Gang eines Tänzers. Ich hatte mir das einfach abgeguckt, wissen Sie, ich habe genau beobachtet, wie sich dicke Männer verhalten, und dabei habe ich erkannt, dass das Entscheidende bei ihnen nicht die Muskelkraft ist oder die Kraft oder die Stärke überhaupt, sondern eine elementare Verletzbarkeit. Die kleinen Dünnen sind immer die Forschheit und die Selbstbeherrschung in Person, die großen Dicken hingegen, sofern sie überhaupt einigermaßen vorzeigbar sind, strahlen etwas anrührend Konfuses aus, als ob sie nicht recht weiterwüssten, fast sogar etwas Gequältes. Sie sind eher die Geschlagenen als die Schläger. Niemand bewegt sich so behutsam wie ein Riese, und doch ist immer er es, der krachend mit der Bohnenstange in die Tiefe stürzt oder dem mit glühendem Pfahl ein Auge ausgestochen wird. Das alles lernte ich und lernte es zu spielen. Eins der Geheimnisse meines Erfolges auf der Bühne und auch sonst lag darin, dass ich die Gabe habe, mich größer zu machen, als ich bin. Und ruhig zu bleiben, selbst mitten im Aufruhr noch absolut ruhig zu bleiben, war auch so ein Trick von mir. Das sind die Sachen, über die sich die Kritiker an mich herangetastet haben, wenn sie von meinem unheimlichen Jago sprachen oder von meinem schlangenhaften Richard mit dem Buckel. Die lauernde Bestie ist eben allemal verlockender als die, die springt.
Mir ist nicht entgangen, dass ich die oben stehende Passage durchweg in der Vergangenheit geschrieben habe.
Ach ja, die Bühne, die Bühne; sie wird mir fehlen, ich weiß. Die ganzen alten Sprüche über die Theaterleute und ihre Kumpanei, ich sage Ihnen, das ist alles wahr. Kinder der Nacht, stehen wir einander bei gegen das vordringende Dunkel und spielen Erwachsene. Nicht, dass ich meinen Partner besonders liebenswert finde, aber ich muss mich nun einmal ins Ensemble einfügen. Wir Schauspieler jammern gern über die schlechten
Zeiten, das beschränkte Repertoire in der Provinz, die wackligen Wanderbühnen, die verregneten Tourneen durch alle möglichen Seebäder, nur das, was ich an dieser Welt des Plunders insgeheim so liebte, das war ja gerade ihre Schäbigkeit. Blicke ich zurück auf meine nunmehr offenbar beendete Karriere, dann denk ich an die Rumpelkammergemütlichkeit eines schmuddligen Saals irgendwo draußen in der Pampa, die ausgesperrte lehmige Dunkelheit eines Herbstabends, den Geruch nach Zigarettenrauch und nassen Übermänteln, und wir, die Schauspieler, in unserem hell erleuchteten Guckkasten, wir schreiten auf und ab und deklamieren, lachen und weinen, derweil dort unten im pelzigen Zwielicht die vieläugige Masse jedem unserer hinausgebrüllten Worte nachlauscht und staunend jeder unserer übertriebenen Gesten folgt. Wenn bei uns auf dem Schulhof einer angegeben hat, haben wir Kinder hier aus der Gegend immer gesagt, der spielt sich ja bloß auf; ich habe es mir, glaube ich, nie abgewöhnen können, mich aufzuspielen; zu meinem Lebensunterhalt hab ich's gemacht, mehr noch, zu meinem Leben. Ich weiß schon, dass das nicht die Wirklichkeit ist, aber für mich war es das Nächstliegende, das Beste - manchmal das Einzige - und wirklicher als jede Wirklichkeit. Als ich vor der Welt der Menschen flüchtete, da hatte ich nur mich, niemanden sonst, der mich davor bewahren konnte, ins Unglück zu geraten. Und ins Unglück bin ich geraten.
Es war unvermeidbar zu schauspielern. Für mich war das Leben von frühster Jugend an ein permanenter Zustand des Beobachtetseins. Selbst wenn ich ganz alleine war, achtete ich unauffällig darauf, wie ich mich bewegte, nahm Posen ein, gab Vorstellungen. Das ist eben die Hybris des Mimen, dieser Glaube, die Augen der Welt seien zwanghaft, gierig, ausschließlich und unentwegt nur auf ihn gerichtet.
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