Aus der Amazon.de-Redaktion
Der historische Roman ist unersetzlich -- schließlich erlaubt er denen, die ihn zu handhaben verstehen, prinzipiell eine Auseinandersetzung mit politischen, sozialen und privaten Themen der Vergangenheit wie der Gegenwart, bei der die Laster herkömmlicher Historiographie, wie langweiliges Dozieren und dogmatisches Herumreiten auf fixen Ideen, außen vor bleiben können. Die Realität historischer und historisierender Romane sieht freilich leider meist anders aus: Schwulstige Schmachtfetzen über das Liebesleben der Kleopatra, fade Intrigen am Hof Karls des Großen und Stalins Putzfrau verstopfen die Regale.
Da trifft es sich gut, dass mit dem Genre der "Alternate History", d.h. der mal rückblickenden, mal futurologischen Darstellung von Geschichte, wie sie sein könnte oder hätte sein können, eine echte Alternative zu all dem öden "Telekolleg-Geschichte" und "So liebten die alten Griechen"-Mumpitz existiert.
Einer der allerbesten spekulativen Romanzyklen dieses Schlags ist John Shirleys "Eclipse"-Trilogie über ein Europa der nahen Zukunft, in dem eine faschistische Neuordnung der kontinentalen Großraum- und Innenpolitik die feuchten Träume aller Tudjmans, Haiders und Schönhubers der letzten 15 Jahre überbietet. In den drei Romanen des Zyklus schafft es Shirley, futuristische (Weltraumstationen, Gentech-Kriegsführung, virtuelle Kommunikationsräume), subkulturelle (Rock- und Popmusik, Lebensstile, Minderheiten) und politische (wacklige Allianzen zwischen Verfolgtengruppen, transatlantische Zusammenhänge) Topoi in einer spannenden, komplexen und nicht selten ergreifenden Geschichte zu verklammern, die den Veteranen des Cyberpunk auf der bislang unerreichten Höhe seiner Kunst zeigt.
Der erste Band der Eclipse-Trilogie, die bei Kennern des Feldes seit langem einen ausgezeichneten Ruf genießt, auf Deutsch aber seit Jahren vergriffen war, ist jetzt im Rahmen der Social Fantasy-Reihe des Argument-Verlags wieder aufgelegt worden -- in einer neu durchgesehenen, um Mikrofehler und Ungereimtheiten, welche die nichtsdestotrotz verdienstvolle erste deutsche Taschenbuchausgabe plagten, bereinigten Fassung. Wer etwas über die dunkelste Seite der Moderne lesen will, sich aber nicht schade genug ist für Hitlers Frauen und ähnliche Titel, auf den wartet mit Sonnenfinsternis ein Buch, das man so schnell nicht wieder vergisst. --Dietmar Dath
Kurzbeschreibung
Europa nach dem Dritten Weltkrieg: Zerstörte Städte, chaotische Zustände unter den Überlebenden. US-amerikanische Fundamentalisten haben ihre Chance erkannt und ihr Siegerkapital eingesetzt: Rechtsradikale Instanzen wie die Front National oder die Neonazis wurden protegiert und haben via Medienübernahme die politische Dominanz an sich gerissen. Eine international gebilligte Schutztruppe namens Second Alliance - SA - führt ein Law & Order-Regime, auf dessen Abschussliste alles steht, was anders denkt. Im Untergrund bildet sich die Neue Resistance, eine Widerstandsbewegung aus Musikern, Schriftstellern und anderen Künstlern, Linken, Anarchisten und sonstigen versprengten Relikten der vergangenen Kultur. Ein Mann, der sich Smoke nennt, will mit einem Resistance-Anführer namens Steinfeld Kontakt aufnehmen, deshalb drückt er sich unter Lebensgefahr im halb überfluteten, unbewohnbaren Amsterdam herum - allein mit einer dressierten Krähe, die ihm bald mehr ans Herz wächst, als er zugeben will. Doch als Smoke diesen Steinfeld endlich findet, ist das nur der Anfang eines drastischen, verzweifelten Spiels um Kopf und Kragen, in dem auch der abgehalfterte Rockgitarrist Rickenharp eine Rolle bekommen soll... Dies ist das erste Buch der Eclipse-Trilogie, John Shirleys berühmtestem Romanwerk. Die Übersetzung wird für diese Neuausgabe vollständig überarbeitet."'Diese Stadt ist tot.' Er sagte es laut zu der Krähe. Die Krähe hockte auf der Betonbrüstung, die weitgehend intakt um die mit Schutt übersäte Terasse herumlief. Sie befanden sich dreißig Stockwerke über der überschwemmten Straße, wo die Abenddämmerung das Flutwasser indigoblau färbte.
Die Krähe lauschte und starrte ihn mit geneigtem Kopf an. 'Die Stadt ist tot, und ich bin jemand', fuhr Smoke fort. 'Ich bin immer noch jemand. Es hat mir nichts gebracht, hier zu sein.' Er sprach mit der Krähe und der feuchtkalten, ätzenden Brise - sie roch wie eine kaputte Autobatterie. 'Ich bin immer noch Smoke, Jack Brendan Smoke, oder Brendan Jack Smoke oder Smoke Jack Brendan. Man kann es drehen und wenden, wie man will, es ist immer noch da. Ich dachte, es würde sich hier auslaugen, Krähe. Wie wenn... Er hielt inne, weil er nicht sicher war, ob er das jetzt laut ausgesprochen oder nur gedacht hatte, und sich fragte, was zutraf. Achselzuckend fuhr er fort: 'Wie wenn du eine Schale mit Wasser hast, sonst nichts, bloß spiegelglattes, ruhiges Wasser, und du gießt - sagen wir mal - ein wenig Tinte hinein, und die Tinte breitet sich aus, löst sich völlig auf, und nach ein paar Tagen kannst du sie nicht mehr sehen. Aber es hat nicht funktioniert. Die Tinte ist immer noch da. Ich bin immer noch Smoke... Ich könnte aus Amsterdam weggehen, Krähe. Vielleicht wäre ich an einem Ort, wo es genügend Menschen gibt, nicht mehr Jack Smoke - würde mich in der Masse verlieren. Ich könnte nach Paris gehen. In Paris gibt's immer noch viele Menschen.'
Die Krallen der Krähe machten ein kratzendes Geräusch, als sie sich bewegte. Sie rückte ein Stück näher an ihn heran.
Smoke legte seine Hände auf die Brüstung und fühlte, wie die Kälte des Betons in seine Handflächen biss."