„Jede Minute verhungert ein Mensch; Jede Minute zerstören wir 30 Hektar Regenwald; Jede Stunde stirbt eine Tierart aus; Jeden Tag sterben 40 Pflanzenarten aus; Jede Woche blasen wir Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft; Jeden Monat dehnen wir die Wüsten um eine halbe Million Hektar aus; Jedes Jahr wird die Ozonschicht um 2% dünner. Wie lange kann dies noch gut gehen?" FRANZ ALT
Konsequente Querdenker scheinen im heutigen Deutschland rar. Die moderate Anpassung an den Strom des Zeitgeistes erweist sich als salonfähiger. Franz Alt wendet sich mit seinem Buch „Die Sonne schickt uns keine Rechnung" energisch gegen den Status quo. Seine negative Prognose: Wenn wir weiter täglich 100 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft pulvern wird dieser Weltkrieg gegen die Natur mehr Todesopfer fordern als die ersten beiden zusammen. Noch aber kann eine Flucht aus dem Treibhaus gelingen, meint Alt. Dies erläutert er unter anderem an Zeitsprüngen in die Jahre 2005 und 2020. Die Energiewirtschaft soll vollständig auf dezentralen Solarstrom, Energie aus Schilfgras und Wind- und Wasserenergie umgestellt werden. Die Stromgiganten, die Anfang der 90-er Jahre jährlich 150 Millionen Mark zur Werbung gegen die Solarenergie ausgaben, müssen in die Schranken gewiesen werden. Zum Jahr 2020 hin soll sämtliche Mobilität neben Fahrrädern über öffentliche Verkehrs- und Transportmittel geleitet werden, wie Niederflurstraßenbahnen, Solarschiffe usw. Privater Autoverkehr existiert dann nicht mehr. Solche Visionen erscheinen manchem als überzogen. Da man von den fatalen Folgen unseres Weiter-so noch nicht betroffen ist oder aus Altersgründen nie betroffen sein wird, läßt sich die Problematik so erfolgreich verdrängen, wie viele SED-Funktionäre die DDR-Realität nicht mehr zur Kenntnis nahmen. Doch riskieren wir einen Blick hinter die schillernden Kulissen, die uns Franz Alt präsentiert. Z.B. die Stromerzeugung mittels schnellwachsender Schilfgraspflanzen stellt mit Sicherheit eine Kohlendioxidsenke dar, nur entstehen bei der Verbrennung des weißen Pflanzenpulvers außer CO2 sicher auch andere Reaktionsprodukte, die etwa die Waldschadensberichte nicht überflüssig machen. Zudem ist die Landfläche zum Anbau von Lebensmitteln und solaren Rohstoffe begrenzt - global gesehen - und man muß sehr genau prüfen, wie man sie nutzt. Wir sollten nicht aus den Augen verlieren, große Teile der Weltbevölkerung können sich nicht ausreichend ernähren. Nicht wenige Flächen in „Dritte-Welt"-Ländern dienen über die Schuldenfalle vermittelt, den Bedürfnissen der reichen Industriestaaten. Generell blüht uns folgendes Dilemma: Die komplexen Systemzusammenhänge, auf denen die Naturgleichgewichte der Erde beruhen sind bisher nur sehr lückenhaft erforscht. Zwar kristallisierten sich bestimmte Grundtendenzen heraus, für die Franz Alt in jedem Falle nachdenkenswerte Perspektiven entwirft, jedoch besteht die Gefahr, daß die menschlichen Wirkungen auf die Biosphäre zu oberflächlich wahrgenommen werden, zu viele Aspekte außer Acht bleiben. Sehr gewagt scheint mir auch Alts These, die Autoindustrie könne sich innerhalb der nächsten fünfundzwanzig Jahre dann auf den Bau von Straßenbahnen, Solarbussen etc. umstellen. Jeder siebte Arbeitsplatz hängt von der Autoproduktion ab, und von diesem Grundstock wird sehr wenig übrigbleiben können. Der noch verbleibende Fahrzeugpark sollte eine viel längere Betriebsdauer haben als heute. Aus dieser konkreten Überlegung stellt sich die Frage: Wer darf was wie weiterproduzieren? Welches Werk von welcher Unternehmensgruppe muß dann zuerst dicht machen? Ergibt das nicht ein höllisches Marktgemetzel, weil die Möglichkeiten, sich auf dem Markt zu halten, für viele Firmen immer aussichtsloser werden? Da sich diese Fragekonstellation nicht auf die Autoindustrie und deren Zulieferer beschränkt, ist das eine sehr zentrale Stelle, an der sich sehen läßt, zumindest die konventionelle Marktwirtschaft würde hier ihr unweigerliches Ende finden. Franz Alt will sein Buch auch als programmatischen Wink für die Politik verstehen. So kann man nur hoffen, es wird dafür Sorge getragen, daß die Forschungsmilliarden von den fossilen Energien und der riskanten Kernkraft in die solaren Alternativen umgelenkt werden. Überdies muß die Massenproduktion von Solartechnik angeschoben werden, damit die Kosten gesenkt werden können, der Einsatz rentabel wird.
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HINWEIS auf eine Neuerscheinung: FRANZ ALT, RUDOLF BAHRO, MARKO FERST; Wege zur ökologischen Zeitenwende (2001)