Wurde Mozart vergiftet? Und warum ließ der römische Kaiser Tiberius einen harmlosen Glasmacher umlegen? Das sind Fragen, deren Antwort man eher in einem Geschichtsbuch oder einem Band über Gerichtsmedizin erwarten würde, aber wohl kaum in einem Chemiebuch. Die Zweifel sind berechtigt. Aber eigentlich ist
Sonne, Sex und Schokolade gar kein richtiges Chemiebuch, obwohl es den Untertitel
Chemie im Alltag trägt. Das Buch ist vielmehr ein buntes Sammelsurium von Fakten, Anekdoten und Geschichten rund um Moleküle und Elemente, das so breit angelegt ist, daß man fast den Eindruck bekommt, es hätte nur zufällig mit Chemie zu tun.
John Emsley, Autor dieses Buches und ehemaliger Chemiker, hat bereits unter Beweis gestellt, daß er die bittere Pille Chemie in einen netten Zuckerguß einpacken kann: Er hat dieses Fach 25 Jahre gelehrt und mit Parfum, Portwein, PVC... bereits ein ähnliches Buch auf den Markt gebracht. Dieses hier ist aber noch einen Tick besser: Im Gegensatz zum Erstling beschränkt sich Emsley weniger auf feste Themen wie etwa Alkohol, PVC oder Nitrate im Alltag, sondern beleuchtet in kurzen, gut verständlichen Abschnitten die Licht- und Schattenseiten diverser Chemikalien, die uns im Alltag -- oft mehr oder weniger versteckt -- begegnen.
Die meisten Beiträge haben die typische "mal-eben-lesen"-Länge von drei Seiten, aber was man dort erfährt, wirkt nach. Beispiel Teflon: Hätten Sie geahnt, daß nicht nur die oft zitierten Bratpfannen, sondern auch Goretex und künstliche Adern aus diesem Material bestehen -- so daß manche älteren Herren im Regen diesen Kunststoff gewissermaßen innen und außen tragen? Oder daß man mit der Energie des Urans, das jeder von uns in winzigsten Mengen im Körper hat, ein Auto etliche Kilometer antreiben könnte?
Kevlar in bombensicheren Flugzeugen, Polyurethan in Kondomen, Polystyrol in Filmkulissen: Kaum ein Kunststoff kommt ohne ein eigenes Kapitel weg; Penicillin, Ecstasy und Arachidonsäure (ist in der Muttermilch, damit das Baby richtig wächst!) werden von Emsley beleuchtet, aber auch Misteln, Kaffee und Billiardkugeln sind nicht vor seiner Neugier geschützt. Nicht einmal das Coca-Cola-Rezept -- dem Vernehmen nach geheimer als der Operationsplan US-amerikanischer Atom-U-Boote während des Kalten Kriegs -- bleibt verschont. Wer sich für Chemie interessiert, der sollte sich dieses Buch daher einmal ansehen. Wer sich bisher nicht für Chemie interessiert, könnte durch Emsley schnell zum Reagenzglasfan werden.
Wer den leider recht hohen Preis für dieses Buch trotz allem nicht aufbringen möchte, dem seien hier zumindest die eingangs erwähnten Fragen beantwortet: Ja, kann schon sein, daß Mozart vergiftet wurde, vermutlich aber unabsichtlich -- der Komponist bekam das Element Antimon gegen seine Depressionen. Es galt zu seiner Zeit als Medikament. Zweite Frage: Tiberius fürchtete schlicht und einfach um den Wert seiner kostbaren Glas-Sammlung, falls ein neues Superglas auf den Markt käme. Darum ließ er den einzigen, der das unzerbrechliche Glas herstellen konnte, aus dem Weg räumen. Das Rezept dafür wurde -- wenn es denn dasselbe ist -- erst in diesem Jahrhundert neu entdeckt. --Stefan Albus
Chemie im Alltag
Schon mit seinen regelmässigen Kolumnen, die er für die britische Zeitung «The Independent» schrieb, versuchte John Emsley, die Leser auf die chemischen Grundlagen vieler Substanzen und Gegenstände aus dem Alltag aufmerksam zu machen und gleichzeitig seine Begeisterung für die Chemie auf sie zu übertragen. Als Lehrer am King's College in London und seit 1990 als Science Writer in Residence in Cambridge verstand der Chemiker seinen Beruf als Berufung: Er betrachtet die Chemie als die wichtigste Wissenschaft, und hinter seinem sachlich ironischen Ton verbirgt sich die Überzeugung, dass kein anderer Wissenschaftszweig so viel zur Verbesserung des Lebens beigetragen hat. Dies führt er mit seinen Artikeln vor, in denen er hinter Anekdoten und Geschichtchen über Forschung und Forscher vielfältige Informationen versteckt. Von dem Geheimnis des Coca-Cola-Geschmacks und von der Wirkung des Koffeins, von der Bedeutung des Kunststoffs Polyurethan für die Familienplanung, von der schlechten und der guten Rolle des Ozons, von der Funktion von Aluminiumsulfat in den Kläranlagen der Wasserindustrie und dem Effekt des Aluminiums auf die Gesundheit und von vielem mehr erzählt Emsley in seinem Buch, das ebenso aufklärerisch wie unterhaltsam ist.
Stefana Sabin