Sonja sehe ich als einen Versuch , eine verloren gegangene Beziehung mit beinharter Ehrlichkeit und Offenheit zu rekapitulieren.Es ist das Tagebuch einer Häutung ,eines Wachstums und der Leser taucht in eine sehr intime Welt ein. Man erkennt ,daß eine lesbische Beziehung an eben den selben Mißverständnissen und Lügen leidet und auch scheitert ,wie die typische heterosexuelle Konstellation , daß die Gemeinsamkeiten ,die ob der Gleichgeschlechtlichkeit zu vermuten sind keineswegs Garant für ein harmonisches Zusammenleben sind. Obgleich Sonja und "Judith" ,die Protagonistinnen mit einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten zu kämpfen haben ,mit denen sich der Durchschnitt wohl nicht belastet sieht ,wie z.B.: Sonja's Behinderung ,die sie im Alltag als gegeben hinnehmen ,ohne ständig daran zweifeln zu müssen. Das Buch ist ein Spiegel dieser eiskalten Gesellschaft ,die Andersheiten nicht akzeptiert sondern ausgrenzt ,ächtet und somit vernichtet.Beide Frauen zerbrechen an der Belastung ,die das ständige Vertuschen und Verbergen ihrer Homosexualität nach sich zieht.Es wird ihnen durch den Druck ihrer eigenen Prägungen ,wie auch dem Druck der Gesellschaft ,der geforderten "Normalität" unmöglich ihre Beziehung auszuleben , ihre Liebe auszukosten ohne Angst davor haben zu müssen entdeckt zu werden. Diese Angst ist wie ein eisener Panzer ,der sich um ihr Brust legt und erstickt. Sonjas Exzesse sind Ausbrüche der Verzweiflung und der Bitterkeit - sie ist gespalten ob der Tatsache ,daß sie ihr Schicksal einerseits selbst besiegelt hat ,es andererseits doch nicht annehmen kann.Sonja steckt voller Gier nach Liebe und Zuneigung ,doch wird sie ihr entgegengebracht ,ängstigt sie sich vor der Abhängigkeit ,die dadurch entsteht.
Ich habe das Buch verschlungen ,war gefesselt und fasziniert von Sonja's ambivalenter Persönlichkeit und bin dankbar einen solch persönlichen Einblick in eine lesbische Beziehung geschenkt bekommen zu haben.Was mir jedoch weniger gefiel ,waren die langen Litaneien über "Judith's" Gegenwart.Natürlich war ich auch daran interessiert zu erfahren ,wie sie den Schmerz über Sonjas Sebstmord verarbeitet ,doch floßen mit der Zeit immer mehr Geschehnisse Judiths Alltags ein und verdrängten so weitere Informationen über Sonja. Trotzdem , ein sehr kraftvolles ,trauriges Buch ,auch wenn ich der Meinung bin ,daß es trotz aller Melancholie Mut macht ,nach dem Selbstmord eines geliebten Menschen wieder zu leben zu beginnen und seinen Weg weiterzugehen.