Im letzten Jahrzehnt haben die Herren Stanley und Simmons größtenteils ihre eigene Legende zelebriert. Daran ist an und für sich nichts verwerflich, da es wohl keinen Menschen geben würde, der jemals enttäuscht ein KISS Konzert verlassen hat. Seit 2008 scheinen die Beiden aber noch mal Nägel mit Köpfen machen zu wollen. Nicht nur dass sie sich endlich mal wieder in Europa haben blicken lassen - mit einer überraschend originellen Setlist - sondern haben auch mit ihren beiden Mitmusikern Eric Singer (Drums) und Tommy Thayer (Lead Guitar) noch mal ein Album rausgehauen, dass ihnen wohl keiner zugetraut hätte.
Kiss haben natürlich dasselbe Dilemma wie jeder altgediente Band. Auf der einen Seite werden sie permanent an ihren vergangenen Großtaten gemessen und daher soll neues Material nicht nur die Blockbuster schlechthin werden, sondern natürlich auch entsprechend so klingen. Aber bloß nicht sich zu selbst kopieren - denn das wollen die Fans ja auch nicht. Ähnlich sieht es mit den beiden "Neuen" Tommy Thayer und Eric Singer sein. Sie sollen den Spaceman und den Catman geben, aber bloß nicht kopieren.
Wie also haben KISS dieses Problem gelöst? Sehr gut sogar. Klar, kaum rotiert "Sonic Boom" im Player kommen diverse Deja vu Erlebnisse, aber die Platte klingt von Anfang bis Ende rund, knackfrisch und steckt voller Hits, die bisweilen sogar an die alten Klassiker erinnern.
Die Platte beginnt - meiner Meinung nach - dabei zunächst etwas durchschnittlich mit "Modern Day Delilah" (Stanley), doch schon das treibende "Russian Roulette" (Simmons) macht Laune. Mit "Never enough" (Stanley) zaubern die vier dann einen lupenreinen Stadionkracher.
"Yes I know (Nobodys perfect)" (Simmons) ist eine relaxte Rock n Roll Nummern in denen der dämonische Bassist sogar etwas selbstironisch wird.
"Stand" ist eine Midtempo Nummer und weiß durch einen griffigen Refrain und ein gutes Gitarrensolo zu überzeugen
Bei der Uptempo Nummer "All for the glory" darf dann Eric Singer - der Peter Criss als Drummer eindeutig überlegen ist, heute mehr denn je - ans Mikro und offenbart, dass er mit seiner leicht rauchigen Stimme durchaus das Zeug zum Leadsinger einer Band gehabt hätte.
Gut, "Hot 'n' cold" sowie "I'am an Animal" sind die typischen Sex-Simmons-Songs die niemand braucht, auch "Danger us" überzeugt nicht so ganz, aber zum Schluss knallt es noch mal richtig gewaltig.
"When Lightning strikes" ist eine treibende Rock Nummer, die Tommy Thayer mit kraftvoller Stimme in den Mittelpunkt rückt und die ich mir für die nächste Tour wünsche. Apropos Thayer: Ich finde, der gute Tommy kommt in den meisten Rezensionen schlechter weg, als er verdient hat. Ace Frehley - und da werden die meisten zustimmen müssen - war zuletzt in den Achtzigern genial. Mit Thayer haben Kiss einen Gitarristen, der es hinbekommt, geniale Riffs und Soli's im Stile von (dem frühen) Ace zu erschaffen. DASS muss man erst mal hinbekommen.
"Say yeah" zeigt dann Captain Paul Stanley noch mal von seiner besten Seite: Ein astreiner Stadionkracher, der locker mit "Lick it up", "Love Gun" oder "Detroit Rock City" mithalten kann.
Fazit: Das letzte Album "Psycho Circus" erschien vor 11 Jahren und konnte eigentlich nur mit seinem Titelsong wirklich punkten. "Sonic Boom" dagegen enthält einige wirkliche Kracher, viel guter Durchschnitt und erfreulicherweise wenig Stinker. Wer hätte gedacht, dass die Schminkebuben noch mal so ein gutes Werk herausbringen. Davon darf es gerne mehr geben - allerdings nicht erst wieder in 11 Jahren. Sonst muss man wohl den guten Simmons mit dämonischen Rollstuhl auf die Bühne karren.
Noch ein paar Worte zur Bonus-Edition:
"KISS KLASSICS" enthält 15 Neuaufnahmen von KISS Hits quer durch alle Bandperioden. Diese klingen gut und orginalgetreu. Sehr originalgetreu: Gleicher Sound, gleiche Phrasierung, gleiche Solos, gleiches Tempo - im Endeffekt also überflüssig für alle, die die Originalaufnahmen haben. Lediglich das leicht auf härter getrimmte "I was made for lovin' you" und das von Eric Singer interpretierte "Black Diamond" (im Orginal Peter Criss) sind ein Ohr wert.
"KISS Live in Buenos Aires" zeigt einen halbstündigen, 6 Tracks umfassenden Live-Ausschnitt. Sicher, KISS as usual, aber immerhin ist der Auftritt brandfrisch (April '09) und ist eine gute Visitenkarte, dass die Band auch heutzutage noch gut beisammen ist.