Unglaublich, aber wahr: Eigentlich nahm Leonard Cohen sein erstes Album eher verlegenheitshalber auf, denn seine Lyrik und sein Roman "Beautiful Losers" wurden zwar gelobt, aber leben muss man schließlich auch von irgendwas.
Das Ergebnis dieser "Verlegenheitslösung" war eine seiner besten Platten überhaupt -- und das will schon was heißen bei Cohen. "Songs of Leonard Cohen" hält, was der Titel verspricht: Ursprünglich zehn, jetzt sogar zwölf Songs, spartanisch instrumentiert. Mehr nicht. Cohen und seine Gitarre, dazu seine damalige Band Kaleidoscope, die sich seinem zurückhaltenden Stil kongenial anpasst. Nicht, dass Cohen ein Gitarren-Zampano wäre, und sichere Intonation ist seine Sache auch nie gewesen. Aber w i e er singt, w i e treffsicher sein Gitarrenspiel rüberkommt, w i e er seine Melodien entfaltet -- das ist einfach genial. Der Mann kann nicht nur dichten, nein, er hat diesen Instinkt, was wie klingen muss. Diesen Instinkt hat man, oder man hat ihn nicht. Cohen hat ihn.
Die ursprünglichen zehn Songs sind sowieso Klassiker über alle Zeiten und Moden hinweg, kein einziger Durchhänger ist darunter. Und "Store Room" und "Blessed Is the Memory", die beiden Zugaben am Ende, passen hinein wie vom Schneider: Vor allem beim etwas widerborstigen "Store Room" würde man schier nicht glauben, dass das damals auf der LP noch nicht an Bord war, wären da nicht die Percussions untergemischt. Ob die wirklich nötig gewesen wären, darüber könnte man streiten. Man kann es aber auch bleiben lassen, denn die beiden "neuen" Songs klingen nicht auf Teufel-komm-raus aufgebrezelt, sondern erinnern stark an "Lady Midnight" oder "Bird on the Wire" (aus "Songs from a Room", 1969).
Ja, und dann natürlich "Suzanne", "Master Song", "Sisters of Mercy", "Stories of the Street", "Winter Lady"... wer kennt sie nicht. Der Bass ist 1968 noch nicht so abgrundtief wie später, die Cohen-typischen Background-Sängerinnen machen sich nur selten bemerkbar, aber Cohens Stil ist dennoch fertig. Die eindringliche Stimme drückt haargenau das aus, was auch seine Songtexte atmen: Sie handeln von Schmerz und Verlust, Liebe, Einsamkeit und Furcht -- und zwar ohne alles Selbstmitleid. Stattdessen blitzt die für Cohen so typische Selbstironie immer wieder durch. "I told you when I came I was a stranger"... Und natürlich seine Sprache, diese schwindelfreien Metaphern, die die Alltagsszenen, die er besingt, immer wieder in unbekannte Welten mitnehmen.
Diese Musik ist viel zu schade als Hintergrundmusik. Wie ein gutes Bild braucht sie eine (akustische) weiße Wand, um die ganze Wirkung zu entfalten.