Ich kann mich nicht erinnern, jemals so lange Zeit auf eine Scheibe gewartet zu haben. Seitdem ich mir 2006 Cornells "Unplugged in Sweden" in mäßiger Tonqualität im Internet anhören durfte, fragte ich mich immer wieder: "Warum zur Hölle veröffentlicht der Mann diese genialen Aufnahmen nicht?!"
Freilich war ich schon zuvor ein großer Cornell-Fan gewesen, hatte seine sämtlichen Platten im Schrank stehen, doch es waren erst diese Unplugged-Aufnahmen, die mich zu dem Schluss brachten, der Mann sei ein Stimmgott. Erstmals hörte man ihn ungeschliffen, rau, emotional. Es fiel diese Wand aus Studiomischungen und -abrundungen. Es war Cornell pur. Und es war großartig.
Nun endlich bringt er also mit "Songbook" dieses so lang erwartete Unplugged-Album heraus. Wir hören eine Stimme, die problemlos die größten Pirouetten dreht, die sich so unglaublich verbiegt und verrenkt wie ein Schlangenmensch. Dieser Cornell kann einfach alles singen, weil er sich jeden Song aneignet, an seine Art anpasst und ihm Seele gibt, ihm neue Dimensionen eröffnet.
Die Setlist überrascht Cornell-Kenner nicht. Eine solide Zusammenstellung aus den Stücken, die unplugged eine besondere, eine neue Wirkung entfalten, dazu zwei neue Songs ("Cleaning My Gun" und "The Keeper") sowie zwei bereits bekannte Cover ("Thank You" von Led Zeppelin und John Lennons "Imagine"). Wie immer bei solchen Zusammenstellungen vermisst man, je nach Geschmack, den ein oder anderen Song, könnte hingegen auf diesen oder jenen verzichten. Doch insgesamt bin ich sehr zufrieden mit der Auswahl, obwohl ich mir vor allem Cornells mitreißende Version von Springsteens "State Trooper" gewünscht hätte.
Zu den einzelnen Songs:
"As Hope And Promise Fade": neuer Titel des Scream-Bonussongs "Two Drink Minimum", für mich ohnehin der einzig hörbare Track auf "Scream" und dazu gleich noch ein ganz starker melancholischer Blues
"Scar on the Sky": nette Version eines eher unscheinbaren Songs auf "Carry On", dem man in dieser Version neue, interessantere Facetten abgewinnen kann
"Call Me A Dog": stimmgewaltige Hammer-Version des Temple of the Dog-Klassikers, noch besser als in Schweden
"Ground Zero": für mich die einzige Enttäuschung des Albums, da eine bärenstarke akustische Version des Songs bei YouTube kursiert und ich mich sehr gefreut hatte, ihn auf Scheibe zu bekommen - leider klingt die Gitarre fürchterlich blechern und wertet dadurch das Hörerlebnis deutlich ab, an dieser Stelle hätte man mMn eine andere Aufnahme von "Ground Zero" wählen sollen
"Can't Change Me": gewaltige Version eines ursprünglich für mich "nur" guten Songs
"I Am The Highway": perfekt
"Thank You": tolle Interpretation des Led Zeppelin-Klassikers, lediglich das langanhaltende "Huh" am Ende stört mich ein wenig
"Cleaning My Gun": neu, mitreißend, bewegend; ich rege mal die Vermutung an, der Song ist wie "The Keeper" ursprünglich zum Thema "Machine Gun Preacher" geschrieben worden...
"Wide Awake": deutlich schneller als 2006 unterstreicht dieser Song vll am aller besten die Stimmgewalt Cornells
"Fell On Black Days": die verdammt noch mal beste Version, die ich jemals von diesem verdammt genialen Song gehört habe
"All Night Thing": solide, gehört nicht zu meinen persönlichen Favourites
"Doesn't Remind Me": neue, zunächst gewöhnungsbedürftige Version - nach dem dritten Mal Hören habe ich sie lieben gelernt
"Like A Stone": kommt akustisch so gut wie kaum ein anderer Song, habe allerdings schon bessere Versionen gehört
"Imagine": zweifelsohne gibt's da keinen Fehl und Tadel, berührt mich aber nicht so sehr wie manch andere Cover, die Cornell schon geliefert hat
"The Keeper": bekannte Studioversion des "Machine Gun Preacher"-Titeltracks