Es mag daran liegen, daß 2011 mit dem Erscheinen von Band 5 (in der deutschen Auflage dann Band 9 und 10), der deutschen Neuübersetzung, sowie der Ausstrahlung der erste Staffel der zugehörigen Fernsehserie, einfach das stärkere "Jahr von Eis und Feuer" gewesen sein könnte. Jedenfalls bleibt der Kalender für 2012 ein Stück hinter dem des Vorjahres zurück, und noch ein weiteres Stück hinter dem ersten Kalender zum Thema.
John Picacio macht seine Sache dabei durchaus gut. Die Bilder haben eine hohe Detailtiefe und malerische Handwerksqualität, und er fängt die dargestellten zwölf Handlungsträger stimmungsvoll ein. Eine eigene Interpretation, die etablierte Vorstellungen von den Figuren einbindet, dennoch aber völlig unberührt von der TV-Adaption bleibt. Der Stil ist typisch für Fantasy-Charakterdarstellungen. Auch der Kalender des Vorjahres, mit Bildern von Ted Naismith, griff tief in die Fantasy-Farbenpalette und entwarf überlebensgroße Burgen der Superlative in (für Betrachter, die weniger an Fantasy-Malerei oder Cover-Malerei gewöhnt sind) kräftig-monochromer, leicht kischiger Farbenwucht; was man mögen konnte, oder auch nicht. Ähnlich wird auch hier durch düstere, kräftige Farben Charakter um Charakter in Szene gesetzt.
Überrschungen oder Aha-Momente erwarten den Betrachter leider nicht. Keines der Bilder ragt aus der Fantasy-Masse oder dem bisher publizierten Fundus an Eis-und-Feuer-Illustrationen heraus, auch wenn sie sich qualitativ sicher im oberen Bereich bewegen und kein einziger "Durchhänger" dabei ist.
Wer einen hübschen Fantasy-Kalender möchte und einfach zufrieden damit ist, irgendwas "Westeröses" an der Wand zu wissen, kann unbedenklich zugreifen.
Wer den ersten Kalender noch besitzt, der wird enttäuscht sein, denn an die Ausdruckskraft der damaligen Kalenderblätter, etwa die damaligen Porträts Tywin und Jaime Lannisters, oder das furiose Duell des Hundes mit dem Blitzlord, kommt dieser Kalender einfach nicht heran. Zu beliebig und emotionsarm ist die Charakterzeichnung.
Anders gesagt, und zusammenfassend: Preisleistung ist völlig in Ordnung, der Kalender ist dekorativ und hübsch. Dankenswerterweise bleiben uns auch momentan noch gräßliche "Film-Kalender" erspart. Aber ich setze vorsichtige Hoffnung darauf, daß im kommenden Jahr vielleicht wieder ein echter Augenöffner dabei ist.