Buch der 1000 Bücher
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Sonette
OT Sonnets EZ 159296 EA 1609 DE 1820Form Gedichtfolge von 154 SonettenEpoche Renaissance
Shakespeare beschreibt in seinen Sonetten (Stichwort R S. 993) die verschiedensten Ausprägungen der Liebe von sexueller Hörigkeit bis zu philosophischer Abstraktion. Einerseits stellt er die Bedeutung der Freundschaft heraus, die zugleich Symbol für Dauer und Bestand ist, andererseits beschreibt er echte Liebe und reine Sinnenlust, die er sowohl dem Freund als auch einer unbekannten »dark lady« anträgt.
Der Dichter stellt nicht mehr nur die Perfektion des oder der Angebeteten dar, sondern konzentriert sich ebenso auf die Intensität der eigenen Liebe. Dadurch befreit er die Gattung von den stereotypen Motiven der mittelalterlich-höfischen Sonett-Tradition, die sich auf die unterwürfige Anbetung einer entrückten Schönheit beschränkt.
Inhalt: Die Sonettsammlung umfasst keine Handlung; in der überlieferten Reihenfolge sind aber andeutungsweise inhaltliche Verbindungen oder Ordnungen zwischen einzelnen Sonetten zu erkennen. Das lyrische Ich beschreibt vage einige Personen, mit denen es in vielgestaltigen seelischen Beziehungen steht: ein Freund des Dichters, der Dichter selbst und eine »dark lady«. Inwieweit die Sonette autobiografisch zu deuten sind, ist umstritten, jedoch gibt es Verbindungen zu Shakespeares Leben, etwa aus der Widmung an einen »Mr. W. H.«, der sich mit zwei adeligen Gönnern Shakespeares in Verbindung bringen lässt.
Die Sammlung beginnt mit einleitenden Sonetten, welche die treue Liebe und Ehe als bedeutenden Wert preisen. Die Sonette an den schönen jungen Freund beschreiben die Phasen der Liebe des lyrischen Ichs zu ihm. Der Themenkreis (Sonette 3086) umfasst den Verrat des Freundes durch die Liebe zur Geliebten des lyrischen Ichs, die Eifersucht, sowie die Wiederherstellung der Liebe auf einer geistigen Ebene. Der Gefühlsbogen der Sonette reicht von Sympathie über Bewunderung, Eifersucht, Trauer bis hin zur aufrichtigen Liebe.
Die Sonette an die »dark Lady« weisen keinen dementsprechenden erzählerischen Faden auf. Die Liebe ist hier Freude und Bitterkeit zugleich, denn die Lady ist sowohl ihrem Gatten, als auch ihrem Geliebten, dem lyrischen Ich, untreu (Sonette 127152). Während das lyrische Ich dem Freund reinen Herzens und in körperlicher Liebe zugetan ist, quält es zur »dunklen Dame« ein nur sexuelles Verlangen. Die Attraktivität der »dark Lady«, die das lyrische Ich entgegen der herrschenden petrarkistischen Konvention als eher hässlich beschreibt, findet auf geistiger Ebene keine Entsprechung und wird deshalb als falsch und sündig dargestellt. Dennoch verfällt das lyrische Ich dieser sündigen Lust.
Aufbau: Die Ordnung der Sonette stammt wahrscheinlich nicht von Shakespeare selbst, sondern wurde postum vorgenommen. Die originale Ordnung lässt sich nicht mehr feststellen, die inhaltlichen Bezüge ziehen sich zum Teil quer durch das Werk oder bilden kleine Blöcke (wie die Einleitungssonette 117) oder Paare (Sonette 12 und 60 spielen mit Zahlensymbolismen).
Der Aufbau orientiert sich am englischen Sonettschema, das mit der Aufteilung in drei Gruppen á vier Zeilen und einem abschließenden Zweizeiler flexibler ist als das Sonettschema nach Francesco R Petrarca, das aus zwei Vierzeilern und einem Sechszeiler besteht.
Wirkung: Wortwahl und Metaphorik der Gedichtsammlung wirken modern und zeitlos; Shakespeare zieht auch Alltagsgegenstände zur Beschreibung der Liebe heran, befreit die Sonette so aus einer starren Konvention und macht sie zu Vexierbildern. An diesem Schema orientierten sich nachfolgende Generationen von Literaten wie John Keats (17951821), William Wordsworth (17701850) bis hin zu Rainer Maria R Rilke. A. Fe.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Kein lyrisches Werk der Weltliteratur hat den Spürsinn von Dichtern, Literaturwissenschaftlern und Übersetzern so angeregt wie Shakespeares Sonett-Zyklus, und nirgendwo ist die Rätselhaftigkeit Shakespeares so zu erfahren wie in diesen 154 Gedichten. Vierhundert Jahre nach der ersten Erwähnung von Sonetten Shakespeares durch Francis Meres, nach zweihundert Jahren heftiger und oft genug indezenter Liebesmühe einer weltweiten Armada von Forschern und Enthusiasten erstrahlt das Werk mehr denn je in ästhetischer Schadenfreude: Es hat nichts preisgegeben, was die gemeine Neugier befriedigt.
Shakespeares Sonette stellen die Frage nach Wahrheit, sie stellen sie dar, richten sie auf, richten sich als sie auf: Doch Wahrheit und Schönschein, Obsession und Treue, Sinn und Widersinn, Lieb und Liebe, Tag und Nacht - in paradoxalen Konfigurationen werden sie der Magie des großen "Durcheinanderwerfers" ausgeliefert, und es erscheint nicht sogleich ausgemacht, wer als wessen Schatten zu gelten habe.