Als einer der besten Geiger des vergangenen und des vorvergangenen Jahrhunderts war der Belgier Eugène Ysaÿe (1858-1931) auch als Komponist tätig, was die wenigsten wissen. Er beschränkte sich bei dieser Tätigkeit fast ausschließlich auf sein eigenes Instrument. Frühe Violinkonzerte vernichtete er in seiner Reifezeit und tat sie als Kindereien ab. Die einzige Schöpfung, die sich bis heute einen mehr oder weniger festen Platz im Konzertrepertoire erhalten kann, sind seine sechs Sonaten für Violine solo op. 27. Auch wenn die Vorbilder - Johann Sebastian Bach mit seinen sechs Sonaten und Partiten sowie Niccoló Paganini mit seinen 24 Capricen - deutlich auszumachen sind, so findet Ysaÿe hier doch seinen ganz eigenen, individuellen Stil. In der geistigen Welt der Ästhetik sind schließlich Abstände von hundert Jahren keine wirklichen Barrieren. Jede der sechs Sonaten ist einem zeitgenössischen Künstlerkollegen gewidmet. Es ist nicht verwegen, zu behaupten, dass der Belgier mit diesem Werkcorpus geradezu ein Testament seiner Nachwelt hinterlassen hat.
Die erste Sonate in g-moll erscheint auf den Blick als die konventionellste. Die träge Einleitung macht aber sogleich klar, dass Ysaÿe nach einer Verschmelzung von Virtuosität und Ausdruck trachtet, welche er auch im folgenden Fugato verwirklicht. Nach einem flinken, scherzoähnlichen Allegretto folgt das knappe, konzentrierte Finale, das voller Leidenschaft steckt.
Die Sonate Nr. 2 a-moll eröffnet mit einem mit "Obsession" überschriebenen Satz, der an einigen Stellen folglich nahezu halluzinogen wirkt. Nach der berührenden "Malinconia" folgt der "Tanz der Schatten". Den Abschluss bilden die "Furies". In seiner Gesamtheit handelt es sich hier um ein geniales Werk, das zwar immer noch gen Bach und Paganini blickt, aber dennoch auf einmalige Art und Weise dem Impressionismus verpflichtet ist.
Die dritte Sonate d-moll mit dem programmatischen Beinamen "Ballade" ist nur einsätzig. Zwei schwere, konzentrierte Teile umrahmen die eigentliche Ballade, die in ihrer Anlage in gewisser Weise herbstlich wirkt.
In e-moll steht die vierte, Fritz Kreisler gewidmete Sonate. Bevor das rauschende Finale hereinbricht, stilisiert Ysaÿe eine Allemande und eine Sarabande. Eindrucksvoll stellt der belgische Tonsetzer damit sein ästhetisches Verständnis zur Schau.
Die G-Dur-Sonate besteht nur aus zwei Teilen, einer vielseitigen Imagination des Sonnenaufgangs und einem derben Danse rustique". Besonders im ersten Satz geleitet Ysaÿe den Hörer auf eine phantastische Reise durch die Welt der Klänge. Nicht religiöse Verinnerlichung oder virtuose Durchdringung, sondern ästhetische Abstrahierung stellt einen der Schlüsselbausteine seines Oeuvres dar.
Die letzte Sonate in E-Dur ist wiederum nur einsätzig. Sie steht wohl nicht ohne Grund ganz am Ende des Zyklus', indes diese Komposition die verkappteste ist. Sie lädt zu Nachsinnen ein, woran die nachmalig folgende Ruhe gemahnt.
Die vorliegende Einspielung durch den Jahrhundertgeiger Thomas Zehetmair entstand 2002 und erfreut sich gewohnt brillanter ECM-Klangqualität.
Zehetmair hat sich seinen Zugang zu Ysaÿes Vermächtnis hart erarbeitet. Er durchdringt die Partitur, sein Spiel ist beseelt, espritvoll und intim. Er genießt ganz offensichtlich die Einsamkeit, in die er sich während seines Vortrages gegeben sah. Farbenreichtum, Kontrastreichtum, zahlreiche Nuancen und Pointen zeichnen seine Interpretation aus. Er erkennt sehr wohl, dass es hier nicht um Tempo, sondern um Empfindung, Ausdruck und Stimmung geht. Er spielt durchweg differenziert, flüssig und transparent. Seine Botschaft ist die von der Ästhetik, von der Erhabenheit verinnerlichten Musizierens und - von der Unantastbarkeit des menschlichen Geistes...