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Und so liest Grimaud denn auch die jeweils Zweiten Klaviersonaten der beiden Komponisten als "Totenmessen", "aus Liebe zu allen, die lieben". Weichmut und Sentimentalismen liegen der intellektuellen Künstlerin nicht. Ganz im Gegenteil: Musikalisch trotzt sie der Düsterkeit des Sujets mit einer körperlich bis in die letzten Nervenfasern spürbaren Vehemenz, die im hellen Kontrast zu ihrer physischen Zartheit steht. Chopins berühmter Trauermarsch aus seiner zweiten Sonate -- von der es im übrigen auch eine Einspielung von Rachmaninow von 1930 gibt- kommt dennoch ohne schwülstiges Pathos daher. Wunderschön gelingen ihr die lyrischen Episoden des Satzes, die von ihrer innerlichsten Sehnsucht und Hoffnung sprechen. Hier scheint sich der Mensch Grimaud am ehesten zu offenbaren. Das ist sehr bewegend. Teresa Pieschacón Raphael
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Die zweite Klaviersonate von Chopin ist aufgrund ihres Trauermarsches (3. Satz) sicherlich eines der bekanntesten Werke des polnischen Komponisten. An Einspielungen von Pianisten mit Weltrang mangelt es nicht, allein bei der Deutschen Grammophon selbst haben solche Klaviergiganten wie Argerich, Pollini, Pogorelich oder Pletnev ihre Spuren hinterlassen. Rechtfertigt das Spiel Hélène Grimauds eine erneute Einspielung? Sie beginnt nach der Einleitung in einem relativ zügigen Tempo (wenn auch nicht so schnell wie Argerich) und einer starken Betonung der linken Hand. Im Gegensatz etwa zu Katsaris (Sony) oder auch Andsnes (Virgin) mangelt es ihrem Spiel trotz des raschen Tempos an Flüssigkeit, die gerade bei Chopin so wichtig ist. Oft wirkt es, als ob sie zu viel gleichzeitig ausdrücken wollte und dann dabei verkrampft. Dies drückt sich insbesondere in deplazierten Ritardandi (etwa bei 6:33 im 1. Satz) aus, die die Kontinuität des musikalischen Duktus beeinträchtigen. Im Scherzo wird dies besonders deutlich: Dieses klingt geradezu unbeholfen und schwerfällig, wie ausbuchstabiert. Wie federnd-virtuos man dies auch gestalten kann, davon kann man sich etwa bei Argerich oder Andsnes überzeugen. Der nachfolgende Trauermarsch wirkt noch am überzeugendsten, sowohl im Tempo als auch in seiner dynamischen Gestaltung. Das abschließende Presto, von Rubinstein treffend als "Wind über den Gräbern" bezeichnet, nimmt Grimaud mit relativ wenig Pedal und läßt so Konturen und Strukturen hervortreten, die andere mit Pedal zudecken. Leider bleibt dabei aber auch das Geisterhafte und Unheimliche dieses Satzes auf der Strecke.
Die nachfolgende zweite Klaviersonate von Rachmaninov liegt Grimaud offensichtlich wesentlich mehr. Hier ist sie hörbar in ihrem Element und formt den ersten Satz mit Vorwärtsdrang, emotionalem Engagement und großen dynamischen Kontrasten. Auch der Mittelsatz ist klanglicher raffiniert und poetisch ausgestaltet. Lediglich im letzten Satz fehlen Grimaud offensichtlich manuelle Reserven wie etwa beim furios aufspielenden Kocsis (Philips) oder auch Hamelin (Port-Royal). Durch rhythmische Impulse und dramatischer Zuspitzung versucht Grimaud dies zwar wettzumachen, wirkt dadurch aber manchmal so, als ob sie den Atem zu lange anhalten würde; dies klingt dann etwa bei 2:25 etwas zu dick aufgetragen.
Auch die etwas zu trocken und zu wenig anmutig gespielte Berceuse sowie die mit denselben Problemen wie die Sonate behaftete Barcarolle - fehlende Flüssigkeit, Eleganz, Natürlichkeit - belegen, daß Grimaud (noch?) keine Chopin-Spielerin ist. Man höre nur einmal, in welches mitreißende Drama Freire (Decca) oder Argerich (DG) die Barcarolle verwandeln, um zu erfassen, wieviel der Französin hier noch fehlt. Vielleicht sollte sie ihre Stücke vor einer Einspielung erst ausgiebig im Konzert spielen und dadurch die notwendige Souveränität und Nähe zum Komponisten gewinnen - nicht umsonst gehen so fast alle ihrer Kollegen vor. Der gelungene Rachmaninov und die durchweg sehr gute Klangqualität können den wenig überzeugenden Chopin insgesamt nicht wettmachen. Diese Aufnahme kann man daher nur bedingt empfehlen - entweder Fans der Pianistin, oder wenn man noch gar keine Einspielung der Rachmaninov-Sonate besitzen sollte. Anderenfalls sind die genannten Alternativen die deutlich bessere Wahl.
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