Amazon.de
Dass Johann Sebastian Bach ein weithin bekannter, gefragter Orgel- und Cembalovirtuose war, ist bekannt -- Geschichten, wie sein Orgelwettstreit mit dem Franzosen Louis Marchand gehören, wenn auch in größtenteils wenig authentischen Varianten, zum verbreiteten Repertoire der Musiker-Anekdoten. Vergessen wird vor diesem Hintergrund oftmals, dass Bach auf der Violine keinesfalls weniger virtuos gewesen ist: Seine Kompositionen für dieses Instrument, besonders die
Partiten und Sonaten für Violine solo BWV 1001-1006, die in puncto kompositorischer Raffinesse und technischen Anforderungen an der Spitze dieser Gattung stehen, zeigen Bach als meisterhaften Violinisten, der mit den Möglichkeiten dieses Instruments zutiefst vertraut war. Ein wenig esoterisch sind sie zweifellos, diese Violinsoli in Suiten- bzw. Kirchensonatenform: Mehrstimmiges Spiel auf einem Streichinstrument erfordert zwangsläufig das permanente "Brechen", also Nacheinanderspielen von zusammengehörigen Akkordtönen, und es erfordert höchste Kunstfertigkeit des Spielers, trotz dieses Umstands die essenziellen horizontalen Linien hörbar zu machen. Kein Continuoinstrument stützt die Geige, die darum Melodie- und Akkordinstrument gleichzeitig ist, ohne freilich über den Tonvorrat eines Klaviers und dessen Möglichkeiten des simultanen Spielens zu verfügen. Kein Wunder, dass Generationen von Geigenvirtuosen die Bach'schen Stücke als unausweichliche Herausforderung betrachteten.
Erstaunlich ist allerdings, dass der Tonaufnahmenkatalog bisher erst sehr wenige Einspielungen mit historischem Instrument aufweist. Sigiswald Kujikens produzierte in den 80er-Jahren eine erste Version und mit der vorliegenden Neuaufnahme aktualisiert der 1944 geborene Niederländer -- er ist in den Kreisen der historischen Aufführungspraxis ein "Mann der ersten Stunde" -- seine Deutung dieser diffizilen Werke. Zum Vergleich bietet sich Monica Huggetts Einspielung von 1995 an. Beide Aufnahmen setzen sich keineswegs äußere Virtuosität zum Ziel, sondern klare Durchstrukturierung und Transparenz. Kujiken enthält sich zu diesem Zweck jeglicher Schnörkel und spielt ausgesprochen objektiv, beinahe kühl, während sich Huggett größere agogische Freiheiten erlaubt. Aus Kujikens Interpretation spricht die lebenslange Erfahrung mit den Stücken, und er bringt es darüber hinaus bei aller Routine zu einem Tiefgang, der gerade von der äußeren "Sparsamkeit" lebt. Huggett ist in dieser Hinsicht manchmal weniger stringent, passagenweise aber andererseits gefälliger im Bezug auf den äußeren Höreindruck.
Beide Aufnahmen beweisen mühelos, dass die Interpretation auf einem historischen Instrument -- das heißt nicht nur mit anderer Bogenhaltung, sondern auch ohne Schulterstütze, ohne Kinnhalter und möglicherweise sogar ohne "Einklemmen" des Instruments zwischen Kinn und Schulter -- durchaus sinnvoll ist, denn sie macht durch den Verzicht auf eine "stilfremde", sprich erst in der Romantik hinzugekommene Art der Virtuosität, den Blick auf das Wesentliche frei. --Michael Wersin