Nach "Wicked" ist dies meine zweite Begegnung mit Gregory Maguire, und "Wicked" zählt nach wie vor zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Mich reizt die Subversion und die Dekonstruktion, die das Nacherzählen von Klassikern bietet; es zeigt, dass Wahrheit und Gerechtigkeit sehr relative Größen sind. Wie in anderen Büchern dieser Kategorie (z.B. Christa Wolf/"Kassandra", oder Jean Rhys/"Wide Sargasso Sea"), wird man nach der Lektüre von "Wicked" die Figuren und Ereignisse des Originals nach Frank L. Baum nie wieder im selben Licht sehen. So viel zu "Wicked".
Leider blieb "Son of a Witch" sehr hinter meinen Erwartungen zurück.
Die Fragen und Handlungsfäden, die in "Wicked" offen blieben, werden hier leider nicht geschlossen. Ich hätte mir gewünscht, Antworten zu erhalten auf die vielen Rätsel, die offen geblieben waren. Jedoch ist die Erzählstruktur von "Son of a Witch" noch brüchiger und offener, neue Erzählstränge tun sich auf, ohne je eine Abrundung zu erhalten.
Leider bestätigt sich, dass Maguire viele gute Ideen hat, die er jedoch zu keinem Ende führt. Dies ist sehr enttäuschend, es sei denn seine Strategie wäre der große Wurf, bei dem am Ende von Teil 7 (oder so...) alle Handlungsfäden wieder zusammengebracht würden. Aber so wie die Dinge stehen, scheint es als ob Maguire keinen Abschluss für seine vielen offenen Handlungsstränge hat oder kein Interesse daran. So bleibt er seinen Lesern viele Antworten schuldig.
Die Handlung in "Son of a Witch" ist reich an blinden Motiven, die im Nirgendwo enden: Nor, Nastoya, Shell, Scarecrow, Kiamo Ko, the Grimmerie, Yackle, Candle. Was wird aus ihnen, welche Funktion haben sie im Verlauf der Erzählung? Und da die meisten keine zu haben scheinen, wozu werden sie überhaupt erwähnt?
Selbst die Erwähnung von Lurline und Kumbricia bieten Potenzial für zahllose weitere Geschichten, aber Maguire scheint kein Interesse zu haben, dieses Potenzial auszuschöpfen. Schade. Hier sind es nur Namen, die erwähnt werden und vorbeizischen. Kein Ort, keine Figur ist tiefgründig oder bedeutsam, zu vieles wirkt beliebig. Es böten sich zahllose Möglichkeiten, die Handlung zu vertiefen und plastisch zu machen, doch stattdessen läßt der Autor Liir immer weiter zum nächsten Punkt weiterziehen, an dem ebenfalls nichts passieren wird, was einer Lösung dienlich wäre.
So bleibt "Son of a Witch" leider eine oberflächliche Geschichte über einen Jungen, der auf die Reise geht, um sich selbst zu finden - was grundsätzlich kein schlechtes Erzählmotiv ist. Doch während Liir durch Oz zieht, bleibt seine Suche unmotiviert, seine Stationen bedeutungslos, die Ereignisse wirken zufällig, die Handlung bleibt seicht, die Figuren huschen schattenhaft durch die Erzählung. Was Liir ursprünglich herausfinden wollte, versandet, und ihm scheint dies egal zu sein, mir als Leser jedoch nicht. Es gibt keine Lösung, aber auch kein merkliches Streben danach. Die Spannung geht abhanden, und darum empfand ich das Buch als sehr unbefriedigend.
Am Ende des Buchs - sofern man es einen Abschluss nennen kann - ist Liir nicht viel weiter gekommen, und ich fragte mich: wozu habe ich dieses Buch gelesen? Exemplarisch dafür ist die Stelle auf S. 325: "The accomplishments of the last six months had been irrelevant, he decided" - ich dachte mir dabei: "just like the accomplishments of the last 200 pages!" Echt schade.
Nach wie vor gefällt mir Maguires Stil, der humorvoll und reich an großartigen Wortspielen und Bildern ist. Sein Land Oz ist ein faszinierender Ort, über den ich liebend gerne mehr erfahren würde. Nur: der Autor läßt dies nicht zu. Vielleicht ist dies von ihm intendiert, vielleicht wollte er ein zutiefst existenzialistisches Werk verfassen. Seine Fans sind dafür tendenziell eher das falsche Klientel.