Es ist Sommer. Von einem ehemaligen Observatorium einer alten Villa sieht man unten im Park einen Mann und eine Frau Tennis spielen. Ein anderer, älterer Mann sitzt unter einer Trauerweide und ist in die Lektüre seines Buches vertieft. Eine junge Frau sonnt sich nackt im Gras. Doch die Idylle spiegelt nur den äußeren Schein wider und der Beobachter auf dem Observatorium weiß es. Er ist selbst ein Teil dieser Gemeinschaft, deren Freundschaft durch die Triebkraft der Begierde zerstört wurde. In der Einleitung zu Paolo Maurensigs Geschichte „Sommerspiel" stellen die Personen sich gegenseitig vor, ganz so als ob sie in eine imaginäre Kamera sprächen. Dabei wird deutlich, daß, wie beim Tennis, der Andere jenseits des Netzes mit einer gewissen optischen Verzerrung wahrgenommen wird und sich die Frage stellt: handelt es sich bei diesem Spiel um Partner oder um Gegner? So erzählt der ältere Herr, Professor Ermes Deravine, daß seine erheblich jüngere Frau Angèle sich damals als hilflose 18jährige in seine ruhige und väterliche Ausstrahlung verliebt habe. Angèle hingegen spricht davon, daß er es war, der sie anflehte zu bleiben und sie nichts besseres vorgehabt habe. Auf ähnliche Art und Weise lernt der Leser auch Giulio, den Besitzer des Anwesens und seine junge Frau Flora kennen:Sie freut sich auf die bevorstehende Hochzeit und haßt seine Mutter, er nimmt die Hochzeit als notwendiges Übel hin und liebt seine Mutter. Durch diese Art der Präsentation wird der Leser in die Rolle eines objektiven Beobachters versetzt, der nicht zur Parteinahme für eine der Seiten gezwungen wird, da die Personen gegenseitig ihre Schwächen aufdecken und die Stärken in den Hintergrund treten. Nach dieser Einleitung wird die Geschichte wieder in der Retrospektive des Beobachters erzählt, dem fünften im Bunde dieser Schicksalsgemeinschaft. Er berichtet von dem Sommer, in dem sie sich kennen lernen und an dessen Ende sie einander fremder sind als zuvor. Denn Giulios fast inzestuöse Mutterbindung, Angèles unterdrückter Entfaltungswille, Ermes' uneingestandene Eifersucht und Floras mangelnde Selbstdisziplin resultieren in einem ständig wechselnden Beziehungsgeflecht untereinander , welches am Ende jede emotionale Bindungsfähigkeit zerstört hat. Wie schon in seinem Buch „Spiegelkanon", verwendet Paolo Maurensig für diese Vergänglichkeit die Metapher der Musik, einer Kunst, die nur im Augenblick des Spielens existiert und danach unwiederbringlich vergangen ist. Er beschreibt mit einem ruhigem und klaren Sprachduktus nicht so sehr die äußeren als vielmehr die inneren Konflikte, die sich auf der Bewußtseinsebene abspielen. Es zeichnet sein Buch aus, daß er sich nicht der Abgeschmacktheit hinlänglich bekannter Assoziationen aus dem kleinen Einmaleins der Hobbypsychologen bedient, sondern stattdessen ausdrucksvolle Sprachbilder kreiert. So vergleicht der Erzähler seine Selbstmordgedanken mit denen eines Seiltänzers, der, obwohl mit der festen Absicht sich vom Seil zu stürzen, sich mit der Unmöglichkeit konfrontiert sieht, seinen Fuß bewußt daneben zu setzen. Oder er beschreibt seine Gefühle nach einem Streit mit seiner Frau: „Tief in meinem Inneren wohnt ein Dämon, der mir bei jedem dramatischen Ereignis kameradschaftlich seinen Arm um die Schulter legt und in ein lautes, schamloses Lachen ausbricht. Dieser Dämon zwang mich plötzlich, kurzen Prozess zu machen und ohne jegliche Reue zu verschwinden. Du wirst frei sein schrie er mir ins Ohr, und ich schenkte ihm Gehör." Der Übersetzerin Irmela Arnsperger ist es gelungen, nicht nur die Handlung und die Atmosphäre des italienischen Originals einzufangen, sondern auch die Gratwanderung der Erzählhaltung wiederzugeben, die der Beobachter vollzieht. Man spürt, daß auch Er sich nur zum Teil von den Ereignissen distanzieren kann und ihm bewußt wird, daß seiner angestrebten Objektivität Grenzen gesetzt sind. Klar aber zu spät erkennt er: „Flora, Angèle, Ermes,Giulio... Ich sehe, wie sie sich auf der Lichtung haschen. Der Schatten zerteilt sie, die Sonne durchbohrt sie... Das Licht des Begehrens ist - wenn wir darin nicht verwickelt sind oder wenn wir es aus einem anderen Winkel als dem der direkten Spiegelfläche erblicken - ein so weit von der Liebe entfernter Reflex, wie es nur dem Intellekt gegenüber der Geistesblitz in den Augen eines Idioten sein kann." Das Dilemma in dem sich alle Beteiligten befinden ist, daß sie Liebe mit Lust verwechselt haben und sie nicht mehr aus dem „Sommerspiel" aussteigen können, ebensowenig wie sich der Leser ihm zu entziehen vermag.