Jon Kalman Stefansson hat sich mit seinen beiden letzten Romanen "Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit" und "Das Knistern in den Sternen" in die Herzen einer kleinen Fangemeinde von Lesern geschrieben, die die leisen, mehrstimmigen, aber nicht weniger wohlklingenden Töne mögen und sich gerne entführen lassen in das Leben und die Lebensumstände von Menschen, die in Island, am Rande des Polarkreises ein einfaches, aber dennoch nicht gerade ereignisarmes Leben führen.
Der Erzähler dieser wunderbaren Geschichten nimmt dabei eine liebevolle und wertschätzende Haltung gegenüber den Menschen ein, über deren Leben er schreibt und ihre zum Teil hintersinnig lustigen und ungewöhnlichen Versuche, es zu gestalten und zu bewältigen.
Die Geschichten in dem neuen Roman "Sommerlicht, und dann kommt die Nacht" drehen sich alle um Menschen aus einem kleinen 400-Seelen-Ort im äußersten Westen von Island. So hoch oben im Norden dauert der helle Sommer nicht lange und dann bricht wieder das lange, schwarze Dunkel hervor, das die Menschen gerne in seiner schweren Lethargie gefangen nehmen würde.
Und so müssen sie immer wieder selbst dafür sorgen, dass ihr Leben gegen den Rhythmus der Natur aufregend bleibt.
Jon Kalman Stefanssson versteht es auch in seinem neuen Buch, einen bunten und lebendigen Reigen von verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen zu knüpfen. Wieder einmal, wie schon in den früheren Büchern, gelingt es ihm einfach meisterhaft, mit kleinen, zutiefst menschlichen Geschichten, alltäglichen Begebenheiten, die doch einzigartig sind, große Fragen aufzuwerfen nach Sinn und Bedeutung bestimmter Erfahrungen und Ereignisse und sympathische, lebensfähige Antworten darauf zu geben.
Das Lachen und der tiefe Schmerz sind bei Stefanssson nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt, und seine Geschichten sind für unerwartete Lösungen immer offen. Die Menschen, die in den in sich doch recht abgeschlossenen Geschichten auftauchen, haben eine tiefe Verbindung miteinander, und so entfaltet sich auf dem Boden der erzählten Gegenwart des Jahres 1992 ein buntes und dichtes Geflecht von vielen Geschichten und Begebenheiten aus der Vergangenheit, die deutlich und nachvollziehbar machen, warum sich die Menschen so verhalten und nicht anders, warum sie zu dem geworden sind, was sie darstellen, wie sie Erfahrungen, auch schmerzliche, der Vergangenheit für ihre Gegenwart transformiert haben.
Ein wunderbares Buch eines sensiblen Menschenkenners, der wohl leider auf Dauer nur einer relativ kleinen Leserschaft direkt ins Herz schreibt.