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Peter Handkes fortgesetzte «Winterreise»
Der Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben kann derzeit studiert werden in Srebrenica, Gorazde, Vukovar und wie die Schreckensorte heissen, in denen während des bosnischen Bürgerkriegs Tausende von Menschen Massenexekutionen zum Opfer gefallen sind. Da graben sie nun mit der Akribie von Archäologen, Gerichtsmediziner aus aller Welt, um im Auftrag des Internationalen Kriegsverbrechertribunals in Den Haag Beweise dafür zu finden, was mit Hilfe von Satellitenaufnahmen und Zeugenaussagen bald zu vermuten war und mittlerweile evident ist: dass die bosnisch-serbische Führung die ethnischen Säuberungen des von ihr beanspruchten Territoriums nicht nur als Heimatvertreibung, sondern als Genozid betrieb.
Gerechtigkeit für die Toten, gewiss den Lebenden allerdings hatte man «Schutzzonen» versprochen. Die Mühlen der Justiz, der Historie mahlen langsam. Die Aufklärung der Massaker kann nur ein Anfang sein: wer will ernsthaft bezweifeln, dass auch Kroaten und Muslime Kriegsverbrechen zu verantworten haben? Peter Handke, berühmt geworden als Dichter der Dauer, mag da nicht abwarten. Die allein Schuldigen, die bosnischen Serben, wähnt er längst ausgemacht durch ein Spiel der internationalen Presse, der es in ihrer Berichterstattung nicht um die Wahrheit, sondern stets nur um die «Story» gegangen sei. Statt nach der «Vor-Geschichte» der Ereignisse zu fragen, habe man «dem gedächtnislosen Moloch Aktualität» gehuldigt; statt «weiterführender, auf ein Problem sich einlassender Erklärungs- und Aufklärungsarbeit» pflege man die «Sage vom [serbischen] Volke als einem von Vergewaltigern, Schlächtern und uneuropäischen Barbaren»; statt «die wortlosen Haltungen und die stummen Dinge, das Beiwerk» sprechen zu lassen, publiziere man gestellte Bilder, die es, «trefflich ausgeleuchtet, hochglanzbereit und farbraffiniert», doch nur auf den nächsten Photopreis abgesehen hätten.
Vorwürfe, wie man sie aus Handkes Traktat «Gerechtigkeit für Serbien» vom Januar dieses Jahres kennt, eben erneuert in einem « Sommerlichen Nachtrag zu einer winterlichen Reise» einer Art Klarstellung, zu der sich der Dichter angesichts der fast durchweg scharf ablehnenden Reaktionen auf seine Serbien-Verteidigung genötigt sah. Wer hier freilich substantielle Antworten auf Einwände oder gar Beweise für haltlose Behauptungen zu finden hofft, sieht sich enttäuscht. Handke ist erneut als «Tourist» losgezogen, diesmal über die Drina hinaus nach Bosnien in zwei Städte, die einst mehrheitlich von Muslimen bewohnt waren. Heute leben in Viegrad und Srebrenica nur noch Serben.
Mit Naturbetrachtungen und geographischen Belehrungen geizt Handkes «Nachtrag» nicht. Der hohe Ton zielt auf tiefere Bedeutung: In geplünderten Häusern sieht der Schriftsteller «das Haus an sich, das Haus Haus» vernichtet; Srebrenica, dieser «Weltbrand in einem schmalen Talschluss» «was den Schauplatz betraf ein Winz- oder Miniatur- oder Millimeter- oder Fingernagel-Krieg» , ist ihm «der Krieg Krieg, die Essenz gleichsam allen Krieges». Für einen Besuch der «mutmasslichen Massakerstätten» will die Zeit nicht reichen.
Fragen stellen ist Handke zuwider, und so bleibt er auf Beobachtungen angewiesen. Ihm fällt auf, dass die serbisch-orthodoxe Kirche von Srebrenica unversehrt, die Moschee dagegen so gut wie dem Erdboden gleichgemacht ist. Nicht anders in Viegrad, wo die Zerstörung der beiden islamischen Gotteshäuser gemäss Angaben der Bewohner unumgänglich war seien hier doch schwere Waffen und Munition gelagert gewesen. Dem Dichter erscheint solches nicht unplausibel, Zweifel, die ihm kommen, lässt er Zweifel sein: «Die Ortsbewohner schienen bei all ihrer Offenheit noch ein Geheimnis zu haben, und ein für niemanden schönes.» Andererseits will ihm das vielfach bezeugte Morden serbischer Banden zu Beginn des Krieges angesichts der zahlenmässigen Überlegenheit einer «längst schon gut gerüsteten» muslimischen Bevölkerung nicht einleuchten.
Wie der erste Reisebericht sendet auch der vorliegende Text widersprüchliche Signale aus. Der subjektive Anspruch unterläuft den Willen zum objektiven Wissen, so dass Handke an einer Stelle sogar seine Unzuständigkeit vermelden kann. Die Untaten der bosnischen Serben möchte er als «Rache» für die «Unterdrückung durch Türken vor Jahrhunderten und die mörderische Verfolgung durch die muslimischen Nazi-Verbündeten vor Jahrzehnten» verstanden wissen, ohne einem Relativismus das Wort reden zu wollen. Das eingeforderte historische Bewusstsein ist ihm zum Begreifen des Geschehenen unabdingbar, führt aber doch nur in ein «Labyrinth». In der Geisterstadt Srebrenica angekommen, hat der Dichter «ein Problem des Weitererzählens», bekräftigt gar das orientalische Bilderverbot; zurück in Paris, vergleicht er in befremdlicher Weise die von den Bergen herab um ihre «Freiheit» kämpfenden bosnischen Serben mit «bösen Indianern» und die muslimischen «Zwangsherren in den Tälern» mit «friedlichen Ami-Karawanen» die vermeintlichen Täter als Opfer, ganz wie im Wilden Westen.
Gern würde man Handkes Zerrissenheit nachvollziehen können. Die Stunde der Wahrheitsfindung im Bosnien-Krieg mag noch nicht gekommen sein. Man hüte sich vor einseitigen Schuldzuweisungen; nichts auch gegen qualifizierte Medienkritik. Zu viele Fakten aber liegen auf dem Tisch, als dass man sich einfach begriffsloser Anschauung hingeben dürfte. Wenn heute etwas den Schmerz Bosniens löst, wie Handke dies anstrebt, dann ist es die Politik, nicht die Poesie.
Andreas Breitenstein
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