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Undine Gruenters Erzählungen «Sommergäste in Trouville» Von Andrea Köhler Trouville ist ein kleiner Küstenort in der Normandie, ein altes Seebad, in dem die reichen Pariser im Juli oder August ihre Sommerhäuser beziehen; ein kleines Städtchen mit einer grossen Vergangenheit und dem diskreten Charme einer unter gestreiften Markisen verlorenen Zeit. Es ist nicht so mondän wie Deauville, das auch jetzt noch den noblen Tourismus anzieht, der an Trouville vorbeigeht wie die Busladungen von Honfleur und die nostalgischen Proust-Pilger von Cabourg. In Trouville ist der Alltag geblieben, auch wenn die Impressionisten seine Promenaden und Strände und sein Licht berühmt gemacht haben und Schriftsteller wie Marguerite Duras dem Ort seine literarische Aura verliehen. Zu diesem Ort gehört der Anblick verrammelter Häuser und leerer Strände ausserhalb der Saison, gehören der silbern glänzende Streifen über dem grüngrau verdüsterten Meer, der ewige Regen, das Aufbäumen eines Sommertags, Kinderstimmen und bunte Drachen, der klagende Schrei der Möwen im Wind und die lautlose Spur des Sands in den Ritzen der Häuser, die Melancholie der wandernden Zeit. Trouville ist der Ort von Undine Gruenters Erzählungen, ein Kaleidoskop des Kommens und Gehens, ein Topos für mehr als eine Saison. Undine Gruenter, geboren 1952 in Köln, gestorben im letzten Herbst in Paris, verbrachte einige Wochen im Jahr in Trouville, in einem kleinen Haus am Hang überm Meer. Das muss man nicht wissen, doch wenn man es weiss, empfindet man doppelt den atmosphärischen Zauber dieser Geschichten, der von der konkreten Topographie losgelöst scheint und doch in den Sätzen atmet wie salzige Luft und der Wind, der mit der Flut vom Wasser herweht. Undine Gruenters Trouville ist ein imaginärer Ort, er existiert zunächst in den Köpfen der Sommergäste, durch die die Erzählerin mit jener Neugierde streift, welche man Menschen entgegenbringt, die man achtet und schätzt und deren geheime Schwächen man sofort durchschaut. SEHNSÜCHTE, EPIPHANIEN Sommergäste gehören eigentlich einer andren Epoche an, der Belle Epoque aristokratischer Liebeleien, der Dekadenz von Gorkis Jahrhundertwende oder allenfalls noch der Schaubühnen-Ära von Peter Stein. Sommergäste sind immer ein bisschen zu spät dran in ihrem Lebensgefühl und ihren postexistenzialistischen Traurigkeiten, in ihren leicht exaltierten Ansichten oder bizarren Sehnsüchten, den aufgekratzten Champagner-Launen und ihrem Heimweh nach altem Leinen, Familiengeheimnissen, Nelkenseife und silbernen Lüstern im grossen Salon. Doch der Blick auf den Strand ist in diesen Geschichten verstellt von Kinderspielplätzen, Plasticmülleimern und Badekabinen, man isst Muscheln und Frites unter Infrarotheizern und diskutiert über Rinderwahn; die alten Paläste und Residenzen sind in Parzellen für den Sommertourismus umgebaut worden, mit Tennisplätzen und Crêpes-Buden gleich nebenan. Und doch scheint vor ihren Fenstern die Zeit stillzustehen, und manch einer der Gäste stellt sich die Frage, «ob man seine Epoche überlebt hatte oder nie in sie hineingewachsen war, ob man aus der Zeit gefallen war oder nicht in die Gegenwart passte». Und wenn man die Gläser klingen hört, wenn die Schatten über den Garten fallen und der weisse Holunder aufglüht im Dunkel, dann liegt über der Szene die Flüchtigkeit einer Epiphanie. «Epiphanien, abgeblendet» heisst ein schmaler Prosaband Undine Gruenters mit 56 kurzen Prosastücken. Er enthält 56 magische Augenblicke zwischen dem Mann und der Frau, dem Tod und der Liebe, poetische Miniaturen, in denen die Liebe lautlos ins Zimmer tritt und über den Hügel geht in einem zerschnittenen Kleid, auf- und abgeblendete Szenen, in denen Mann und Frau einander wechselseitig verfehlen. «Epiphanien» könnte auch über diesen Erzählungen stehen, in denen Figuren wie Sternschnuppen auftauchen und verschwinden. Doch im Gedächtnis des Lesers irrlichtern sie noch lange wie Nachbilder auf der Netzhaut oder ein irritierender Traum. Ihre Wege kreuzen sich nicht, sie leben in unterschiedlichen Häusern, sozialen Schichten oder Epochen. Ihnen gemeinsam sind nur der Ort, Trouville, und eine Einsamkeit, die einem mitunter mit kalten Fingern ums Herz fasst. Und manch ein Sommergast ist lange schon angekommen im Winter des Lebens. Sommergäste sind Gäste auf Zeit. Und nicht ausgemacht, aber wahrscheinlich ist, dass sie Jahr für Jahr wiederkommen wie die in den Abend stürzenden Schwalben. Einige kehren jedes Mal in derselben Pension ein, manche empfangen selber Besucher in ihren prächtigen Residenzen, renovierten Fischerhäuschen oder nach Eau de Javel riechenden Hotels. Und wenn der Sommergast beispielsweise ein Kind ist, das in den Ferien zur Tante ans Meer geschickt wird, dann kann es sein, dass dieses Kind eines Tages zu gross ist, um noch mit den anderen Kindern am Strand spielen zu wollen, und stattdessen aus einem «vagen Gefühl von Öde und Langeweile und Einsamkeit» im Dämmer der Wohnung heimlich und halbnackt Posen probiert Agonie, Geheimnis, Stillstand, Erotik. Dann kann es passieren, dass sich in einem Sekundenbruchteil die Optik verschiebt und wir die Szene mit den Augen des Knaben sehen, der hinter dem Vorhang steht, den Kopf an die Falten gelehnt. Und mit diesem Blick kippt die Erzählung in eine Gegenzeit, in der nichts mehr gesichert ist und alles offen für Heimlichkeiten, verbotene Wünsche, frivole Spiele. Erotik im Wartestand, Etüden der Einsamkeit. Mit dem Sekundenbruchteil, in dem die altvertraute Wirklichkeit aus den Angeln gehoben wird, spielen alle diese Geschichten. Manchmal genügt ein einziger Satz, und es ist, als öffnete man eine Tapetentür und befände sich unverhofft auf der anderen Seite des Spiegels. «Wer sich in Europa verlassenen Küstenstädten aussetzt, muss ein Symbolist sein, wenn er die Atmosphäre geniesst, und ein Existenzialist, wenn sie ihm Spiegel menschlicher Verödung ist.» Der da so abgeklärt spricht, ist vielleicht beides, zumindest aber ein Schriftsteller, abgestiegen in einer kleinen Pension, die «so abschreckend und anheimelnd ist wie das Haus einer alten Tante, die fällige Reparaturen mit liebevoll gehäkelten Kissenbezügen vermeidet». Allabendlich geht er die Impasse de Bon Secours entlang, eine Strasse mit leeren Häusern und morschen Fensterläden, bis er vor jenes eiserne Gittertor kommt, hinter dem sich ein Garten voll Schatten und Treppen den Hang hinaufzieht. Oben am Hügel leuchtet die Fensterfront eines vollkommen leeren, lang gestreckten Gebäudes, «als hätte jemand in einem Anfall von Wahnsinn das Haus in eine Galerie von brennenden Fackeln verwandelt». Jeden Abend kommt der Dichter hierher, nicht wissend, was er hier will, gerufen von etwas, das ihn eigentlich nicht betrifft. Es ist Nachsaison, Trouville eine gespenstische Stadt, in der «sich der Sand als zeitlose Spur in allen Ritzen abgelagert hat». Und so, zwischen fackelndem Wahnsinn und dem lautlos rieselnden Sand der Zeit, zwischen Spitzendeckchen und surrealen Visionen, treibt sich der Dichter in den nächtlichen Gassen des kleinen Seebads herum und begegnet Gespenstern einer Vergangenheit, von der wir nicht wissen, zu wem sie gehört. Undine Gruenters Erzählungen sind Geschichten im Stadium der Latenz, Erzählungen, in denen es untergründig rumort und von innen leise gegen die Schale klopft, bis der letzte Satz sie häufig mit einem kleinen Knall zerbricht. Es sind Visionen in der Beleuchtung eines von Bäumen gefilterten Nachmittagslichts, das müssige Sommertage erhellt und lange Schatten aus andren Epochen wirft; Nachtgedanken von heute, festlich illuminiert. Es sind Liebesgeschichten, auch wo die Liebe lange zu Ende gegangen ist, weil der Mann tot oder die Frau verschwunden ist oder einer von beiden sich ständig entzieht. Geschichten über die Liebe, die vor vielen Jahren vor Anker ging oder entzündet wird mit einem einzigen Satz, der verwegen und schief in den Abend fällt. Und oft ist es so, dass sich die Zweideutigkeit der Situation an einer mokanten Beobachtung oder sarkastischen Äusserung bricht. UNRUHE IN DEN HERZKAMMERN «Du bist nichts anderes als eine dieser reichen Frauen, die ihre Sonnenbrillen von Dior und ihre Fusskettchen von Chanel mit ihren Zinsen und Einkünften aus Mieten und Bankkonten bezahlen können und sich linke Ideen anstecken wie Nadeln und sich bei den Jüngeren anbiedern mit dieser Attitüde von selbstgedrehten Zigaretten und billigem Tabak.» So redet der Stiefsohn zur zweiten Frau seines Vaters, die zehn Jahre älter ist als der Sohn. Und dann ist da wieder ein ungehöriger Satz, und die Geschichte zwischen den beiden fängt an, wenn die Erzählung endet. Bilder spielen eine besondere Rolle in diesen Erzählungen, denn «seit es Bilder gibt Les Planches de Trouville, La Plage de Trouville , ist Trouville lebendig, im Sommer, seit die Maler ihre Staffelei unter offenen Himmel stellten». Die Bilder in diesen Erzählungen sind eher wie Interieurs, Tableaux vivantes oder auch Stillleben, manche wirken wie magische Einschlüsse oder surreale Momente. Und immer sind diese Geschichten, die sich um etwas Vages zu drehen scheinen, um die Leere, die Angst oder die Einsamkeit, von einem Detailreichtum unterfüttert, der «das Phantastische der Realität» in den Belanglosigkeiten des Alltags spiegelt, so dass keine falsche Romantik aufkommt und keine verschleierte Nostalgie. Die Unruhe in den Herzkammern ist genährt von einem Picknick mit kleinen Kuchen, foie gras und einem Glas Haute Sauternes , geschützt von Fettcrème gegen den Wind, begleitet von langen Abenden mit Diskussionen über Untergrundfilme, Hunde-Impfungen und die Revolten in der Pariser Banlieue. Undine Gruenter erzählt mit jenem stilistischen Takt, der Menschenkenntnis und Lebensklugheit bezeugt. Sie erzählt Geschichten, in denen der Leser sich selber als Sommergast wiedererkennt, als Besucher der kurzen Saison, die man gemeinhin das Leben nennt. Es sind Geschichten, in denen Sinnlichkeit und Melancholie, Kunstfertigkeit und ästhetischer Eigensinn eine Balance eingehen, die selten ist in der deutschen Literatur. Was bleibt, ist die Trauer um eine besondere Schriftstellerin und das Glück, das durch diese schwebende Prosa huscht, wie der Schatten eines Vogelflugs auf dem Asphalt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Geheimnisvoll und melancholisch oder gar poetisch ist daran gar nichts, anstrengend und öde umso mehr. Durch sämtliche 20 Erzählungen tapern Snobs aus Paris und normannischer Altadel in ausführlich gepflegter Langeweile durch die Sommerfrische an der Küste, wenn zu zweit, dann über Kunstgeschichte schwafelnd, wenn allein, dann über Architektur oder Zimmereinrichtungen sinnierend. Die Atmosphäre bleibt in sämtlichen Erzählungen gleich, egal ob Ferienkind, Journalist oder Kunstprofessor die Hauptfiguren sind; jede Story endet mit einer Schlußpointe, die sich pünktlich eine halbe Seite vorher ankündigt. Die Frage bleibt, was Frau Gruenter dem Leser eigentlich sagen will.
Fazit: Gequirlter versponnener Intellektuellen-Mist für Feuilleton-Leser, die sich ähnlich gehaben wie die Gestalten dieses Buches.
Nur wenige Autoren haben ein Buch wie dieses geschrieben, daß von Melancholie strotzt, daß man einfach nur da sitzt nach jeder Geschichte und über das Leben grübelt.
15 Erzählungen, wo man das Gefühl hat, ein Zeitfenster zu erleben, daß Trouville ein Ort sein muss, der abseits der restlichen Welt und abseits jeglicher Zeit existieren muss, wie in einem Science-fiction-Film.
Und wenn man bei jeder dieser Geschichten daran denkt, daß die Autorin im Oktober letzten Jahres gestorben ist, wird es gleich noch unheimlicher.
Lesen Sie das Buch nie, wenn sie gute Laune haben wollen. Lesen Sie es an einem grauen Regen-Tag bei einer Tasse Tee.
Ich möchte Undine Gruenter für mich auf eine Ebene mit Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard heben.
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