Maxim Gorkis Sommergäste schrieb nur ein Theaterstück über die satte und lebensunfähige obere Gesellschaftsschicht im zaristischen Russland. Doch gerade dieses Theaterstück hat ihn weltberühmt gemacht.
Die Sommergäste sind Fremde im eigenen Land, die Sinn und Ziele für ihr Leben verloren haben. Sie sind reich und satt. Ihr Leben ist leer und ohne Aufgaben. Sie leben nur noch ihre Hypochondrien und Schrullen. Und sie versuchen Theater zu spielen, ja, sie spielen das eigene Theater, das man ansonsten Leben genannt hätte; oder Existenz, die es für sie nicht mehr gibt, weil alles, was sie selber ausmacht, sinnlos und ziellos geworden ist. Und wenn sie noch etwas erreichen, dann sind es sinnentleerte Gespräche, eine sinnleere Liebe, ein Salbadern, um zu gefallen oder einfach nur die anderen zu nerven.
Dudakow sagt (S. 53): "Wir sind doch alle schrecklich leere Menschen ... finden Sie nicht?". Warwara sagt einige Seiten später (S. 66): "Ich klatsche wie eine große dumme Fliege gegen die Fensterscheibe ... auf der Suche nach der Freiheit ...".
Aber welche Freiheit sie meint, sagt sie nicht. Es ist die Freiheit der Ziellosigkeit und Beliebigkeit. Denn die Sommergäste spüren, dass es eine Freiheit gibt, aber keinen Weg mehr dorthin. Sie spüren, dass es einerlei ist, ob sie leben oder tot sind. Denn ihr Leben ist schon abgestorben, bevor sie tot sind.
Die Sommergäste Maxim Gorkis sind die modernen hypochondrischen, desonrientierten Menschen in einer Zeit, in der Leben immer weniger spürbar wird, in der der einzelne im eigenen Leben nicht mehr zu Hause ist, es verbringt, als sei er auf einer nichts sagenden Landpartie und Sommerfrische und vom eigenen Leben weit entrückt.
Aber es kommt in diesem Stück eine Gesellschaft am Abgrund zu Wort, eine am Vorabend des Ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution: Es ist eine Gesellschaft mit Menschen, die in ihren eigenen Leben nur Sommergäste sind und ihr Leben als Theaterstück inszenieren. Es ist eine Gesellschaft am Vortag eines reinigenden Stahlgewitters, in dem sie erst wieder zu Verstand kommen werden, zu lebbaren Ideen und Idealen finden.
Gorkis Sommergäste birgt so vieles an Leere und Trägheit auch in unserer Zeit, z.B. einer medialen Kunst- und Traumwelt, in der die Menschen entrückt von ihren wirklichen Lebensbedürfnissen sich selbst aus den Augen verlieren können. So hat Gorkis Stück auch uns vieles zu sagen. Und man darf es deshalb getrost zur Weltliteratur zählen.
Meine Bewertung generell lautet: 5 Sterne = absolut herausragend (Weltliteratur oder Tendenz zu Weltliteratur); 4 Sterne = sehr gut, sehr zu empfehlen; 3 Sterne = wirklich gut, zu empfehlen; 2 Sterne = lesenswert, aber nicht ganz überzeugend; 1 Stern = abzuraten.