Ich muss vorwegschicken: Ich bin ein großer Frank-Goosen-Fan. Ich kenne ihn schon seit der Zeit von "Tresenlesen" mit Jochen Malmsheimer, mit dem er seit Anfang der 90'iger durch diverse Lokalitäten zog. Auch nach der Auflösung von "Tresenlesen" habe ich die Lesungen und Auftritte von Herrn Goosen oft besucht. Natürlich habe ich auch fast alle Bücher -auch gelesen;-).
Selbst Kind des Potts, empfinde ich da eine große Seelenverwandtschaft, weil fast alle seiner beschriebenen Figuren und Alltagseindrücke (egal, ob fiktionär oder durch seine Biographie inspiriert) in meinem Leben eine Entsprechung finden. Sei es die kleinbürgerlichen Erwachsenen, die Schrebergärten mit den Bollerwagen und Bierkästen, die Eckkneipen mit Brauereieinrichtung, die "Seltersbude" mit darin hockenden weissfleischigen ,mürrischen Grottenolmen, die "Thyssensonne", die Rotzblagen aus der Sozialsiedlung (wie "Mücke" oder "Diggo Decker"), die ja -den Eltern nach- kein guter Umgang waren ("Halt dich mal an den Martin, der ist Meßdiener!"), und natürlich meine "Omma Else" (eigentlich Elisabeth, sagte aber keiner).
Eine herzensgute, aber bestimmende Lady, die das volle Abenteuerprogramm ihrer Zeit gebucht hat (Ruhrgebietsbesetzung, Inflation, Arbeitslosigkeit, Nazis, Krieg, ausgebombt, Schlange stehen, hungrige Blagen alleine großziehen, weil Opa in russischer Gefangenschaft....usw,usw) und die ihre unendliche gesammelte Lebensweisheit gerne in Sprüchen wie "Lerne, leiste, spare was, dann kannste, biste, haste was!" weitergab.
Dieses Lokalkolorit, diese Geschichten und "Zoten", die beim geneigten Leser -wie mir- ein Feuerwerk an Assoziationen abbrennen, sind der wesentliche Erfolgsfaktor dieses Buchs. Die Rahmenhandlung ist es -leider-nicht.
Die ist ähnlich unglaubwürdig wie die Hauptperson Stefan Zöllner, die wie die anderen auch, in ihrer Wesensbeschreibung zu wenig ausdifferenziert sind. Dieses eher introvertierte, wenig zielorientierte Einzelkind und Mitläufer soll sich für eine Schauspielerkarriere entschieden haben? (Muss wohl, denn ohne seine drohende Arbeitslosigkeit würde die Geschichte nicht funktionieren. So ein Typ hätte "in Echt" aber eher Informatik in Dortmund studiert und würde jetzt in München ordentlich Geld verdienen, einen Firmen-A6 fahren , und mit einer blonden Frau wie Karin zwei süsse Mädchen haben.)
Warum erfährt man nicht mehr über sein Leben in München? Wo ist er da engagiert? Am Residenztheater oder doch am Prinzregententheater? Wie ist er denn dahin gekommen? Sein Leben in München ist unglaubwürdig farblos.
(Kleiner Einschub: Ich habe selbst mal längere Zeit -für ein Softwareprojekt- in München gearbeitet und gelebt, und -als Single zugegebenermaßen- so gut wie alles "mitgenommen". Als ich wieder zurück in den Pott musste, wäre ich ob der kleinbürgerlichen Enge und "Kulturlosigkeit" fast depressiv geworden. So farblos kann das Leben eines Kulturschaffenden m. E. daher in München nicht sein.)
So geht es auch den anderen Protagonisten: Warum macht Charlotte Abromeit "in Webdesign"? Was war davor? Wozu wurde die Figur Thomas Jacobi eigentlich geschaffen?
Mir drängt sich der Eindruck auf, die Charaktere und deren Beziehung wurden so weit wie nötig ausgestaltet, dass sich möglichst viele "Dönekes" (kleine Geschichten) platzieren lassen. Da leidet ein bisschen der Tiefgang der Rahmenhandlung, viele Fragen bleiben offen.Da habe ich schon Tiefgründigeres von Frank Goosen gelesen, wie z. B. "So viel Zeit", das m. E. beste Buch von ihm.
Für weitere literarische Projekte würde ich Herrn Goosen empfehlen, sich mehr auf die Rahmenhandlung und die Charaktere zu konzentrieren, dieses Aneinanderreihen von -sehr gut beobachteten und blühend ausgestalteten- Ruhrpottstories (die man ja nur aufheben muss) könnte sich bald überleben. (zumal es ausserhalb des Potts wenig verstanden wird)
Fazit: Kann man (als Ruhrpottler) lesen. Muss man aber nicht.