Das Buch liest sich locker-leicht in typischer Frank Goosen-Sprache, mit Kraftausdrücken und sentimentalerem Heimatgeflüster. "Sommerfest" springt nicht zu sehr zwischen einzelnen Anekdoten, sondern greift immer wieder den Handlungsfaden auf, der sich an der innerdeutschen Brücke zwischen München und Bochum orientiert. Nach Bayern hat es nämlich den Schauspieler Stefan vor zehn Jahren verschlagen, wo er in einer Beziehung ohne Kinder lebt und gerade auf dem Sprung ist, sich wieder mit einem neuen beruflichen Engagement an München zu binden. Doch kurz vorher muss er noch das geerbte Haus verkaufen. Und so macht er sich auf in den Westen und begegnet hier einem Sammelsurium an skurrilen Gestalten, die wie aus dem Nichts auftauchen und sich scheinbar kaum verändert haben in all den Jahren. Das Wochenende mit dem Makler-Termin wird mehr und mehr zu einem Sich-treiben-Lassen zwischen "alle Zelte in Bayern abreissen wollen" und "nach einem Abstecher in die Vergangenheit es sich wieder gemütlich einrichten in der Ferne". Dieses Hin- und Hergerissensein, stellt Frank Goosen nicht nur anhand seiner Leitfigur Stefan, sondern auch mit Hilfe einer Vielzahl von Figuren markant dar. Hier treten die Ruhrpott-Gewächse Toto, Diggo, Frank, Tante Änne und Omma Luise witzig-spritzig und tragisch auf, so als ob Stefan sich sein ganz persönliches Schauspiel zusammengestellt hätte. Dieses Theater wird zugleich von Charlie, seiner Jugendliebe, geprägt.
Dieser Rundgang durchs Ruhrgebiet ist sehr dynamisch und von einer Vielzahl dieser so typischen Ruhrpott-Ausdrücke und Redewendungen geprägt.
Diese sprachlichen Erklärungen sind humorvoll eingefügt in das Geschehen, wenn zum Beispiel sich Stefan sagt: "DRINNE haben sie früher immer gesagt. Das sind so Heimat-Wörter, wie es auch Heimat-Zeitformen gibt, und die typische Heimat-ZEitform in dieser GEgend ist immer das Plusquamperfekt gewesen. DA WAR ICH DRINNE GEWESEN.KANNZE VERGESSEN." (S. 173).
Frank Goosen gelingt es hier ausgezeichnet, dieses Lebensgefühl prägnant in Szene zu setzen und in kleinen Miniaturskizzen bei der Leserschaft Aha-Erlebnisse hervorzurufen nach dem Motto "Jenau, datt un soo iss ess!".
Ungewöhnlich ist hier der Rahmen des Romans, der sich rund um das Wochenende bewegt, als es eine Sperrung der A 40 im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 gegeben hat und ein kulturelles Großereignis Land und Leute zusammengebracht hat.
Und dies ist vielleicht die Finesse von Frank Goosen: Er porträtiert hier eine Hauptfigur nicht so sehr durch die eigene Darstellung, sondern durch das Drumherum an Menschen in deren Bezügen zu ihm. Und so passt auch Goosens Zitat auf dem eingelegten Lesezeichen: "Woanders weiß er selber, wer er ist, hier wissen es die anderen. Das ist Heimat."
"Sommerfest" ist ein gelungenes Geschenk, ein fabelhaftes Porträt eines deutschen Landstrich-Balkens und ein wunderbares Stück Heimat für alle, die aus Nordrhein-Westfalen weggezogen sind und am Fest für jeden "innerdeutschen Migrationshintergründigen" teilnehmen wollen, den die Sehnsucht immer wieder packt.