„Sommerdiebe" ist tatsächlich der erste Roman von Truman Capote, der im Moment ja so berühmt ist, durch den wunderbaren Film. Er hat immer gesagt, ich habe zehn Jahre an diesem Roman herum geschrieben, ihn zur Seite gelegt, wieder zur Hand genommen und dann habe ich ihn zerrissen, weil ich einfach nicht klar damit kam. Das stimmt aber gar nicht, wie wir seit einem Jahr wissen. Das Manuskript lag in einer Kiste vor seinem Haus, abholbereit für die Müllabfuhr. Jemand hat es gefunden, wollte es bei Sotheby versteigern, war zu teuer und ist dann irgendwo gelandet. Vor einem Jahr wurde das Buch in Amerika veröffentlicht.
Zum Plot: Es geht um ein Mädchen, eine richtig verwöhnte Göre, Grady McNeil. Sie ist siebzehn Jahre alt und das Kind reicher Eltern aus New York, Upper Eastside. Die Eltern fahren, wie jedes Jahr, den Sommer über nach Europa, wollen die Tochter mitnehmen, weil sie ihr eine Selbstständigkeit noch nicht zutrauen. Sie möchte jedoch allein in New York bleiben, sieht die große Gelegenheit, einmal das tun zu können, was sie möchte. Schweren Herzens lassen die Eltern sie in New York zurück. Und in diesem einzigen Sommer setzt sie, sprichwörtlich, ihr ganzes Leben in den Sand.
Eigentlich sollte sie im Herbst als Debütantin in die bessere Gesellschaft eingeführt werden, aber das behagt ihr gar nicht. Eine Liebe hat sie schon hinter sich. Sie hat einem verheirateten Mann, dessen Frau gerade ein Kind bekam, gehörig den Kopf verdreht. Aber seit kurzem ist sie in einen jungen Mann verliebt. Diesen Clyde sucht sie nach der Abreise der Eltern sofort auf. Er ist ein smarter, jüdischer Junge aus einer Großfamilie in Brooklyn, hat schwarze Locken und ist aufreizend tätowiert. Seine proletarische Ausstrahlung wirkt anziehend auf Grady. Clyde, aus dem Krieg zurück, arbeitet als Parkwächter in Brooklyn und ist mit allen Wassern Brooklyns gewaschen, arbeitet mit allen Tricks, um das Leben zu meistern. Grady verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Es kommt zur Blitzhochzeit, sie wird schwanger, sie nehmen Drogen. Es passiert eine ganze Menge.
Die Eltern beharren zunächst auf eine standesgemäße, Existenz sichernde Verbindung. Sie haben in Peter auch einen besseren Schwiegersohn in den Startlöchern, Peter würde sie liebend gerne nehmen. Er steht immer ein bisschen im Hintergrund. Dieser versnobte, junge Mann liebt Grady. In Peter ist für den findigen Leser, unschwer Capote zu erkennen.
Eigentlich sollte mehr hier nicht verraten werden. Nur so viel. Als der Sommer vorbei ist, da ist Grady McNeil' s Zukunft eigentlich schon gelaufen.
Das Buch endet dann plötzlich, bricht leicht und hauchzart ab. Am Ende könnte ein neues Leben beginnen dem Wunsch der Eltern entsprechend, es könnte das „falsche" Leben fortgesetzt werden, es könnte aber auch der Tod eintreten.
Das Buch wurde von Capote nicht veröffentlicht weil es so böse, so traurig ausgeht. Diese Aussage von ihm ist bekannt, und deshalb kann man davon ausgehen, dass noch etwas Schreckliches passieren muss.
Capote ist wirklich ein böser, aber grandioser Autor. Das Buch ist glänzend geschrieben und es lebt von den tollen Bildern die Truman Capote entwirft. Besonders beeindruckend sind die vielen unterschiedlichen Reflexionsebenen und die Milieuschilderungen; auf der einen Seite diese jüdische Familie in Brooklyn, auf der andern Seite die superreiche, feine Gesellschaft des Bankers von der Wall Street.
Am Anfang des Buches sagt die Mutter über Grady „ Du bist ein Rätsel, mein liebes Kind". Und als Grady bewusst wird, was sie in diesem einen Sommer alles angerichtet hat, dass auf der Suche nach dem Glück in einer neuen Welt, nach der Aufgabe eines angenehmen, behüteten Lebens, ihr junges Leben schon verglüht ist, da schreibt der Autor die brillante, fabelhafte, artikulatorische Formulierung :" Sie empfindet in diesem Moment eine zusammengestürzte, eingeebnete Gleichgültigkeit"
Es ist ein Buch das ausgesprochen atmosphärisch arbeitet, rasant geschrieben, ganz spannend mit einer perfekten, Meisterschaft, die geradezu phantastisch ist. Ich empfehle dieses Buch mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielen Gründen.