Sie ist so kurz, die Mitte des Lebens, in der man sich jung und stark fühlt, wo noch alles möglich scheint und doch nur das Meiste verpfuscht wird. Andreas Dresen drehte 2004 nach eine Script von Wolfgang Kohlhaase einen kleinen, aber berührenden Film über die ganz normalen Leute in Berlin.
Nicole (Nadja Uhl, 32) und Katrin (Inka Friedrich, 39) wohnen im gleichen Haus und verbringen gerne mal zusammen mit ein paar Flaschen einen warmen Abend auf dem Balkon. Sie sehen gut aus, haben Verstand und Gefühl, aber das Leben rinnt ihnen durch die Hände. Nicole steht als Altenpflegerin unter gemeinem Druck, Katrin findet keine Job. Doch immerhin haben sie sich.
Das ändert sich, als Nicole Ronald (Andreas Schmidt, 41) ins Bett schleift - den Mann, der ihrem Gefühl nach "einfach alles richtig macht". Nein, nicht im Bett - und auch sonst nicht: Ronald hat "irgendwo" auch noch Frau und Kinder sitzen, abgesehen von einer Handvoll Bratkartoffel-Verhältnissen, er ist wirklich grenzbescheuert, eitel und ein Schmarotzer. Aber auf Frauen wie Nicole wirken eben gerade die übelsten und blödesten Machos unwiderstehlich. Vielleicht, weil manche schon so wahrnehmungsbehindert sind, dass sie sich wirklich für den Größten halten? Vielleicht oft auch, weil diese Sorte peinlicher Versager die Frauen an den Vater erinnern? Frauen wie Nicole und Katrin kommen nicht einmal auf die Idee, es mit einem normalen Mann zu versuchen, wie der Film am Beispiel des Apothekers zeigt. Sie scheitern nicht schicksalhaft, sondern weil sie ihre Eltern kopieren.
Natürlich leidet die Freundschaft der Frauen unter Nicoles Beziehung zu Ronald. Als Katrin mal betrunken einen Kerl mitschleppt, kommt es fast zu einer Gewalttat. Katrin wird wegen ihres Alkoholproblems in einer Klink behandelt. Wieder zuhause, wird sogar Katrin noch von Ronald angebaggert. Das war selbst Nicole zuviel: sie setzt ihn vor die Tür. Der Balkon kann wieder in Betrieb genommen werden.
Diese Geschichte ist natürlich beliebig - es gibt keine Entwicklung, keine Höhepunkte, es kommt auch keine Spannung auf. Gerade darin liegt vielleicht die Botschaft des Films: Alltag folgt Alltag, das Besondere, wie die erste Nacht, das Frühstück mit dem Geliebten, setzt keine Glanzlichter, sondern ähnelt eher einer Katastrophe. Aber auch die kleinen Zärtlichkeiten mit der Freundin wirken eher wie eine Kapitulation an das Bedürfnis nach etwas Nähe als wie ein Feuerwerk der Liebe. Alledem begegnen die Frauen mit einem merkwürdigen Gemisch aus Kapitulation und Würde, aus konkreter Aufgabe und vager Hoffnung - sie bestaunen das Leben der Anderen, das sie nicht erreichen können, als wären sie auf einem Balkon eingesperrt.
Das Besondere an dem Film ist, dass er die Verhältnisse glaubwürdig zeigt, dass die Darsteller echt wirken, dass man das Gefühl hat, ein Stück Wirklichkeit "von nebenan" zu erleben. Aber eine Wirklichkeit ohne Ausweg. So stimmt der Film eher traurig, als dass er das Herz wärmen könnte, wo man lachen könnte, ist es ein Lachen der Hoffnungslosigkeit.
Im Original 107 Minuten, Format 1,66:1 auf 16 mm Film, DD (IMDB)
film-jury 3* A0644 14.6.2011eg 7A