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Sommer vor den Mauern. Gedichte
 
 
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Sommer vor den Mauern. Gedichte [Gebundene Ausgabe]

Nora Bossong

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Lyrik ist kein Mittel, sich der Welt zu versichern, gute Lyrik hält die Welt in der Schwebe, auf dass sie neu gewogen werde. Für solch einen Kraftakt aber braucht es 'leichtes Gefieder'. Nora Bossong ist es gegeben." Tobias Lehmkuhl, Die Zeit, 17.03.11 "Bossongs Gedichte sind vollgesogen mit Geschichte, und sie versteht es grandios, binnen weniger Verse jahrzehnte- oder auch jahrhundertealte Vergangenheit und Gegenwart ineinanderlaufen zu lassen. " Andreas Wirthensohn, die tageszeitung, 27.08.11 "Um die Autorin mit ihren eigenen Versen zu loben: Es ist tatsächlich "unfassbar/ wie weit man bisweilen mit Worten reicht". Katrin Schuster, Stuttgarter Zeitung, 18.11.11

Kurzbeschreibung

Nora Bossong hat mit zwei hintergründigen Romanen und einem Gedichtband bravourös bewiesen, wie gut Intellektualität, höchste Sinnlichkeit und Wahrnehmungsschärfe zusammenpassen. Ihre Gedichte, allesamt schräge Idyllen und märchenhafte Ausflüge in die Welt und die Geschichte, bieten für vieles Platz: Die norddeutsche Kindheit, vorgetäuschte Paradiese, heilige Geschichten, die nicht immer heilig enden. Ihre Lyrik zeigt: Man muss nur die Augen aufmachen und Worte finden, um die Welt neu zu entdecken.

Über den Autor

Nora Bossong, geboren1982, lebt in Berlin und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Stipendium der Stiftung Niedersachsen und dem Bremer Autorenstipendium. Für ihren Debütroman "Gegend" erhielt sie das Leipziger Literaturstipendium und das Prosawerk-Stipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung.

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

ARKADIEN

Leichtes Gefieder
Vielleicht zu spät, als eine Krähe
unsern Morgen kappt. Ein Schlag.
Und ob sie fällt und ob sie weiterfliegt -
Ich frag zu laut, ob du noch Kaffee magst.
Dein Blick ist schroff, wie aus dem Tag gebrochen.
Es riecht nach Sand. Du fragst mich, ob ich wisse,
dass Krähen einmal weiß gefiedert waren.
Ich lösch die Zigarette aus, ich wünsch mich
weg von hier, ich möchte niemanden,
ich möchte höchstens einen andern sehen.
Du nennst mich: Koronis. Ich zeig zum Fenster:
Sieh doch, die Aussicht hat sich nicht verändert!
Was gehen dich die Stunden an, die du nicht kennst?
Ich will nur Mädchen sein, nicht in Arkadien leben.
Dein Nagel scharrt noch in der Asche,
doch du bist still, als wärst du fort.
Ich bin zu leicht für deine Mythen.

Ararat
In diesem Sommer brach der Regen
über ganz Europa tropisch oder
wie manche sagten, sintflutartig herein.
Ich sah Wassermassen in den Straßen,
sah vergessene Tiere, phantastische Insekten,
all diese nichtüberlieferten Träumer
hinabwirbeln in Gullyschächte.
Menschen irrten durch die Fluten.
Am Ararat zerschellte eine Arche.
Ich blieb ungerührt und glaubte nicht
an den Sog der Gezeiten, stand
auf meinem Hausdach, genügte mir selbst.
Tauben flogen um mich. Es wurde Herbst.

Wanda
Im Haar Gezweig. Aus einem Strauch
rast eine Ratte. Rüstung, rosa Anorak
trägt eine Frau, die auf der Brücke steht.
Über den Kragen fallen ihre Strähnen
wie Federn, wie -
und drüben die Hügel, die Hügel.
Bist du kaputt? Eine Puppe im Arm,
sieht ein Mädchen sie an, aschblond
eine Plastikkrone rutscht ihm in die Stirn.
Hau ab! Ein Hund nagt am Reifen
eines verrosteten Wagens, alles gestrig,
lang her. Und drüben -
Ein Drache hauste in Höhlen, wo er
auf Gold und Schätzen Schlaf fand,
sein Heulen hallt noch übers Land.
Es singen drei Kinder mit Ranzen,
die laufen gebückt Hand in Hand.
Von fern ein Knacken, auch Krachen.
Dann Rauch. Geruch von Feuer.
Das Mädchen zupft am Anorak. Du,
ins Wasser ging Wanda hier.
Strähnen fallen, wie - Ach,
erzähl mir doch nichts von Wanda!

Nachricht
Die Handschuhe waren das erste,
was sie sah. Dann sah sie ihn,
einen Mann mit Handschuhen.
Sie zog und zerrte an ihren Kleidern,
als könnte sie ein Ballkleid
aus den Lumpen reißen.
Er schielte aufs Fenster, dahinter
schmorte ein Hase im Ofen, ein falscher.
Im Vorgarten, um sie herum, lagen Trümmer,
was sich noch nutzen ließ für irgendwas.
Er knallte mit den Handschuhen,
sie wich zurück. Er gab ihr den Brief.
Der Rand war von Hand gezogen,
eine Spur schwarzer Tinte lief ins Blatt.
Die Handschuhe sah sie nicht mehr, als er ging.
Und wie sie dann ganz alleine da stand,
einen Hasen im Ofen, einen falschen, sie sagt:
Nein, das war ja nicht mehr ich,
ich kam erst später nach Hause.
Es gab falschen Hasen, vorzüglich,
aber das Gas war so teuer.
Mein Gott!

Eins zu Null
Ein Schlager dröhnt aus einem Kinderwagen.
Die Frau, verpackt in Arktiskleidung,
schiebt ihr in rosa Deckchen eingemummtes Radio
durch einen Julitag. Das Kleine knistert,
als sie durch ein Funkloch geht. Sie beugt sich vor,
sie redet leise auf es ein: Ganz ruhig, sch - sch -
und dreht sich zu uns um: Immer Ärger
mit dem Kleinen. Keine Nacht schlaf ich durch,
ich weiß ja nicht mehr, welcher Tag heut ist.
Sie ruckelt am Wagen, das Kleine plärrt
das Eins-zu-Null aus einem Länderspiel.
Sie lächelt, streicht das Deckchen glatt.
Man hat so viel Arbeit, aber sehen Sie,
so hübsch ist der Kleine,
so hübsch.

Gegenüber
Das blonde Mädchen lernt Vokabeln,
Schwedisch, ein Bruch in der Stimme.
Zigaretten? Ich höre die Münzen
durch den Automatenschacht fallen,
ein metallenes Klopfen im Kopf.
Ihr Haar auf dem Tisch.
Sie lässt ihre Zähne knacken,
zerspringendes Eis. Ich weiß,
sie stolzierte, würde sie gehen.
Sie blickt auf und alles steht
ihr gegenüber. Sieh mal, ist Abend.
Ihre Geste fast Kind und zwischen uns
eine so zarte Müdigkeit, wir sitzen
plötzlich hinter den Dingen, unvorstellbar,
dass nichts seine Richtung ändert.

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