Mit den Geschichten des räumlich getrennt lebenden, harmonisch zusammenschreibenden Duos Borger & Straub geht es mir immer gleich. Sie haben eine ähnliche Wirkung wie der Umgang mit einem latent schmerzenden Zahn, den die Zunge nicht in Ruhe lassen will. Zu lustvoll ist der Schmerz! Diese beiden Ladies gehen im Gleichklang gnadenlos mit ihren Figuren um.
Ambivalenz hängt von Anfang an über "Sommer mit Emma", und sicher ist es für den Blickwinkel nicht gleichgültig, ob der Leser ein Mann, ein Teenager oder eben eine Frau ist. Vielleicht eine mit einem fordernden Beruf und anstrengender Familie; eine, die jeden Tag ihren immer schmerzlicheren Spagat zu machen hat und nur bei kleinen Fluchten durchatmet. In dieser Lebenssituation befindet sich Luisa, eine tüchtige "Familienernährerin", deren durch einen großen Verrat belastete Ehe in die Jahre gekommen ist. Der Lack ist ab, das Alter rückt ihr zunehmend auf die Pelle, und die Kinder im Teenageralter sind für gemütliche Kuschelmomente nicht mehr zu begeistern. Kein Trost, nirgendwo. Ein gemeinsamer Urlaub soll die Ehe aufmöbeln und die Familie wieder enger zusammenschweißen. Hausbootferien in England sind angesagt, die traute Familie auf engstem Raum. Einer für alle, alle für einen. Oh je.
Das sich vor uns auffächernde Szenario hat mit den Hochglanzprospekten der Reisebüros kaum etwas zu tun. Das versiffte Hausboot mit lautem, stinkendem Dieselmotor ist zu klein für 2 Erwachsene und 4 Teenager. Außer den Eltern und ihren beiden Kindern ist Can, der beste Freund des Sohnes Jaspers, beide fast 18 Jahre alt, mit von der Partie und Emma, die Tochter von Luisas Ehemann Daniel, aus einem Seitensprung resultierend, der 15 Jahre zurückliegt und alles andere als vergessen oder vergeben ist. Das vorläufig noch kleine, hübsche Miststück teilt das Stockbett mit der ehelichen Tochter Lea, ein intelligentes, liebes, etwas unscheinbares Mädchen, das als einzige aus dem Teenagerkleeblatt Lust auf Kinder wecken kann. Sie ist auch die einzige, die keine Probleme hat, die sie nicht lösen kann, eine Leserin und Schreiberin, die sich selbst zu beschäftigen weiß, auch wenn sie sich in den attraktiven Can verliebt hat. Emma dagegen ist ein hochexplosiver Mix aus Genen und Lebensumständen und auch die Jungs, besonders Can, haben nicht nur Schulprobleme, die sie wegzukiffen versuchen. Daniel schließlich, schlecht organisierter Ehemann, Vater und einkommensloser Künstler, begreift wenig, sieht wenig und träumt vom großen, finanziell erfolgreichen Durchbruch, aber auch vom Leben als perfekter Vater seiner fotogenen Tochter Emma, die künftig näher bei ihm leben wird und nicht mehr als Californian Girl in San Diego.
Während die Pubs am Ufer weder skurril noch romantisch sind, die Supermärkte teuer, ein Regentag zum Alptraum mutiert und die sanitären Anlagen immer mehr versagen, treten die Abgründe innerhalb der Hausbootgruppe immer mehr zu Tage. Jeder lebt eingesponnen in seinem eigenen Mikrokosmos, Berührungspunkte gibt es kaum und auch das soziale Talent des "Versöhnungskindes" Lea wird total überfordert. Es wird eng, sehr eng auf dem Boot, aber zum tragischen Showdown, der das Leben aller Beteiligten verändern wird, kommt es erst nach der Besichtigung einer vor sich hinbröselnden Burgruine.
Warum tappen ausgerechnet intelligente, nette Frauen, die ihr Leben eigentlich im Griff haben, nur immer wieder in so tiefe emotionale Fallen, wie sie in diesem Buch geschildert werden? Angst vor Veränderungen, vor dem Alleinsein? Die Unfähigkeit, erloschene Träume aufzugeben? Die Familie zusammenzuhalten, um fast jeden Preis? Warum gehen Frauen mittleren Alters so schonungslos mit sich selbst um? Warum jagen sie einem äußeren Ideal der Jugend nach, einer Hatz, die sie niemals gewinnen können? Warum ist das unerreichbare Ziel wichtiger als der Genuss der Vorteile, der das zunehmende Alter zu bieten hat, wenn man sie nur zur Kenntnis nehmen will? Antworten bieten die Autorinnen nicht an. Aber eine gute, durch und durch schlüssige Geschichte, die zu fesseln versteht und dennoch nicht als leichte Urlaubslektüre geeignet ist. Trotzdem liest man dieses Buch am besten auf einer luxuriösen Liege ruhend, den Schatten genießend, umgeben von einer Traumkulisse, während ein perfekter dienstbarer Geist geräuschlos von Zeit zu Zeit den Lieblingsdrink im beschlagenen Glas kredenzt. Die eigenen Lieben dürfen sich unterdessen gerne (für eine Weile) wohlbehalten etliche hundert Kilometer entfernt aufhalten. Alleinsein kann sich mitunter sehr gut anfühlen.
Helga Kurz
19. Juli 2009