Der in Südafrika in einer Afrikaaner - Familie geborene und heute in Australien lebende Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee gehört spätestens seit seinem Roman "Schande" zu den bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Jetzt erscheint, aus dem Englischen von Reinhild Böhnke übersetzt, mit "Sommer meines Lebens" nach "Eine afrikanische Kindheit" (1998) und "Die jungen Jahre" (2002) der Abschlussband der Trilogie seiner autobiografisch-fiktionalen Erinnerungen, in welchem der Autor Einblick in seine entscheidenden Lehrjahre als Schriftsteller gewährt, die Jahre seiner Rückkehr nach Südafrika 1971/72 bis zu seiner ersten öffentlichen Anerkennung 1977.
Anders, wie in den ersten beiden fiktionalisierten Autobiografien, öffnet diesmal Mister Vincent, ein "zwischengeschalteter Biograf", ein indirektes Porträt des Autors. Coetzee macht so das Verhältnis von Fiktion und Autobiografie zum Kernthema. Es ist also eine Autobiografie die er nicht selber schreibt, sondern schreiben lässt in der Überzeugung, dass man eigentlich von sich selbst gar nicht vorurteilsfrei schreiben kann. Mister Vincent hat den im Buch bereits verstorbenen Coetzee nie kennen gelernt. Coetzee schickt ihn auf Spurensuche. Der Roman nimmt seinen Anfang im Jahre 1972 nach dem Tod der Mutter, als der damals scheinbar völlig mittellose John M. Coetzee aus Amerika kommend zu seinem hinfälligen Vater nach Südafrika zieht. Mister Vincent interviewt vier Frauen und einen Kollegen dieses Sommers, die den Verstorbenen zu Lebzeiten gekannt haben, lässt sie im Rückspiegel über das Leben von Coetzee sprechen und legt die resultierenden Perspektiven übereinander, wobei Coetzee, der ja in Wahrheit hier über sich spricht, einige Ebenen dazwischen einflechtet. In Form einer gnadenlosen, schonungslosen Selbstabrechnung kann Coetzee so geschickt und grandios, je nach Wunsch exhibitionistisch oder diskret, andere über sein Leben sprechen lassen, stellt dabei aber gleichzeitig auch selbstironisch den Wahrheitsgehalt von Autobiografien in Frage.
Coetzee stellt dabei sowohl selbstzweiflerisch und unbestechlich seine Realität auf den Prüfstand, wie auch die mosaikstückartigen Erinnerungen seiner Zeitzeugen. Die interviewten Personen äußern sich über seine Qualitäten als Lehrer oder Liebhaber sehr kritisch, bezeichnen ihn als "vergeistigten Schwächling", unansehnlich, schlecht gekleidet, mager, emotional gehemmt, weder reich noch hübsch, die Zähne in schlechtem Zustand, ohne sexuelle Ausstrahlung und als Einzelgänger für die Ehe vollkommen ungeeignet. Er wohnte in einem kleinen hässlichen Farmhaus mit primitiven Bad und unsauberer Toilette.
Sex mit ihm war nicht weltbewegend, "er war nach besten Kräften bemüht, sein Gegenüber als Sex Ringkämpfer dem eigenen erotischen Willen zu unterwerfen". Dem Sex mit ihm fehlte das Prickelnde, wie er die Liebe betrieb hatte etwas "Autistisches". Frau Dr. Julia Frankl wusste zu berichten, "er verlangte, dass wir unsere erotischen Aktivitäten zum langsamen Satz von Schuberts Streichquartett ausführten. Franz Schubert als Liebesmeister, John der Schüler und die Frau das Instrument auf dem Sex Musik gespielt wurde."
In den Augen der brasilianischen Ballerina Adriana war Coetzee kein sinnlicher Mensch, eher ein "Existentialist, Romantiker und Freigeist", der glaubte "ich sei die Frau, mit der man im Dunkeln im Bett liegt und Gedichte bespricht". Ihre Bekanntschaft bezeichnet sie als eine einseitige "Vernarrtheit von Mr. Coetzee". Dem Biographen mach sie den Vorschlag das Buch "Der hölzerne Mann" zu nennen.
Talent und Begabung zum Schriftsteller sind zwar vorhanden, aber der junge Mann erscheint vielen als komischer Kauz. Übereinstimmend bezeichnen ihn alle als "erotischen Taugenichts". Die daraus resultierende "Verhärtung der Herzen" ist aus den vorhergehenden Autobiografien bekannt, hier ist alles jedoch viel virtuoser angelegt. In all diesen Beschreibungen erhält Selbstironie gegenüber Selbstqual den Vorrang. Die Frauen haben ihr Konzept von einem Mann, der ihnen in Erinnerung vorschwebt und sagen das ist nicht dieser Verstorbene gewesen, weil möglicherweise immer ein "Unschärfe Relativismus" mitspielt.
Der Biograph entwirft ein ambivalentes Bild des jungen Coetzee, der Südafrika als Provisorium betrachtete, die Muttersprache Afrikaans ungern sprach und der Meinung war die Politik bringe das Schlimmste im Menschen in Vorschein. So zog er es vor, antipolitisch zu sein, hielt es jedoch für erstrebenswert die Bergwerke zu schließen, das Auto abzuschaffen, die Weinberge umzupflügen, die Streitkräfte aufzulösen, sich der Poesie auf den Straßen zu verschreiben und anzustreben das sich in der Liebe die Herzen öffnen. Er pflegte zu sagen, dass in Afrika Körper und Seele nicht voneinander zu trennen seien, der Körper sei die Seele". Als Kulturkonservativer war er mit dem Afrika seiner Jugend tief verbunden, mit den alten, "komplexen, feudalen sozialen Strukturen". Zusammengefasst entsteht also ein irrsinnig facettenreiches Bild von einer Figur, die man aber nicht wirklich zu fassen kriegt.
Coetzee weiß, dass er als weißer Südafrikaner hier eigentlich der Eroberer" ist, hier gar keine Heimat hat, doch er liebt dieses Land und darin liegt seine Ambivalenz, der gnadenlose Konflikt den er auch in "Schande" messerscharf beschreibt. Coetzee sucht scharfsinnig und skeptisch nach einem Bild dieser Welt das nicht verkürzt und beschönigt. Dabei erinnert er an Kafkas Maxime "die Literatur muss die Axt sein, die in das gefrorene Meer unserer Seelen schlägt". So reflektiert John gegenüber seiner Cousine Margot "Reiße dich los von dem, was du liebst, und hoffe darauf, dass die Wunde heilt". Er selbst möchte in Karoo, dem "Heiligen Land" begraben sein, so lange "bis er wieder herauskommt".
Leben und Werk werden kritisch gespiegelt, wobei dieser John M. Coetzee, auch bei wie immer gearteter realer biografischer Übereinstimmung, nicht mit dem Autor des Buches identisch ist. Das wirkt zwar uneitel doch eine narzisstische Komponente ist darin zu sehen, dass er hier so viele Figuren auffahren lässt und sich in denen spiegelt, wobei die Geschichten und Interviews auf einer stilistischen Ebene raffiniert gemacht sind und letztendlich darauf hinauslaufen, dass hier eine Existenz ganz zentral gespalten ist und so einfach nicht zu einer harmonische Ganzheit kommen kann.
Das größte literarische Verdienst dieses Romans, in dem sehr ausführlich das Leben in Südafrikas Apartheidgesellschaft zwischen 1971 und 1979 beschrieben wird, ist das bei dem Zusammensetzten eines Ichs Ethos, Feinsinnigkeit und Formvollendung miteinander meisterhaft verwoben werden, wobei jedoch das Erschreckende darin zu sehen ist, dass er mit seinem Körper nicht identisch ist, ständig mit ihm kokettiert. Er findet keine Identität in der Liebe, er findet keine Harmonie mit dem Vater und er leidet unter dem Verlust seiner Urheimat, der wüstenähnlichen südafrikanischen Landschaft. Der Verlust nimmt kein Ende bis zum bewegenden Finale mit dem sterbenden Vater. Die ungeheure Klage über das Schicksal des Landes mündet in der Metapher, dass er für den am Kehlkopf operierten Vater eine Sprache erfinden muss die dessen Sprache ersetzt. Die Sprache wird auch in anderen Büchern von John M. Coetzee immer thematisiert.
In den Beurteilungen all der befragten Frauen heißt es ja immer wieder, dass John M. Coetzee wenig von Liebe versteht. Er ist ein Frosch und kein Prinz". Kann ein solcher Schriftsteller überhaupt über die Liebe schreiben? Natürlich, denn es gibt ja nicht nur die erotische Liebe. Er wird zum Schluss nicht nur wieder Sohn, er wird selbst Vater seines Vaters. Mit herzergreifender Wärme fokussiert er den unendlichen Schmerz zwischen Vater und Sohn. Und so schließt er das letzte undatierte Fragment voller Verzweiflung mit den Worten an seinen Vater "Ich verlasse dich. Auf Wiedersehen: Das eine oder das andere- einen dritten Weg gibt es nicht".
"Sommer des Lebens" ist ein meisterhaft lässiges, selbstironisches Spiel mit Fakten und Fiktionen, ein raffiniert autobiografisches Vexierspiel unter gekonnter zu Hilfenahme einer widerspiegelnden Trickkiste. Ein genialer Roman von großem Unterhaltungswert, ein ganz außerordentlich politischer, der damit letztlich das Ausleben der Keimzelle von "Schande" ist.