Regisseur Stefan Krohmer und Autor Daniel Nocke haben sich mit dem laut IMDB merkwürdigerweise 2006 veröffentlichten Ferien-Beziehungsgeflecht "Sommer '04 (an der Schlei)" extrem viel vorgenommen, aber bei kritischer Wertung nicht viel mehr erreicht, als dass die 97 Minuten wie Wolken am blauen Himmel im Flug vorübersegeln. Doch das ist ja auch schon eine Menge, oder?
Die Faszination liefert die 2006 tatsächlich erst 14-jährige Svea Lohde - oder fanden die Aufnahmen wie im Titel behauptet bereits 2004 statt und sind erst zwei Jahre später veröffentlicht worden? Ich unterstelle hier hinsichtlich der Altersangaben mal ein Dreh-Jahr 2006. Svea Lohde spielt jedenfalls das 12-jährige Mädchen Livia, das Miriam (Martina Gedeck, 45), Miriams Lebensgefährten André (Peter Davor, 43) und Miriams Sohn Nils (Lucas Kotaranin, 15) in ein Ferienhaus an der Schlei zum Segelurlaub begleiten darf.
Livia mag Nils, möchte aber gerne (zusätzlich) Erfahrungen mit Männern sammeln. Da kommt der zufällig beim Segeln getroffene Bill (Robert Seeliger, damals 40) gerade recht. Bill ist dreimal so alt und hundertmal so erfahren, er sieht fantastisch aus, fährt ein schickes Cabrio, ist sportlich, hat geschickte Hände und verfügt über vorzügliche Umgangsformen - aber S*x mit Kindern passt logischerweise nicht zu seinem Selbstverständnis.
Livia biegt sich die Abfuhr zurecht und tröstet sich mit Nils, während Miriam zeigt, dass es sich bei der übereifrig vorgespielten mütterlichen Fürsorge doch mehr um weibliche Eifersucht gehandelt hat - sie mogelt beharrlich Bill einige Trostrunden ab, bevor der realisiert, dass sein Herz doch der kleinen Lolita gehört, und dies Miriam unmissverständlich zu verstehen gibt.
André schaut bei alledem ziemlich ratlos zu, wenn man von ein paar gefeilten Kommentaren absieht, die Menschen im wirklichen Leben niemals einfallen würden. Miriam möchte behalten, was sie sich schon genommen hat, und sucht bei einem Segelausflug das Gespräch mit Livia. Doch es kommt zu einem Unfall...
Das Ganze läuft mit einer Nonchalance ab, die man sonst eher von französischen Filmen gewohnt ist - ohne sich groß aufzuregen, zeigt man die Dinge halt so, wie sie sind, mit großer Leichtigkeit und Gelassenheit. Verherrlichende Kritiken wie "tiefgründige Reflexion über das S*xuelle als treibende Kraft im menschlichen und sozialen Leben" (Lexikon des internationalen Films) hängen das schlichte "lass mich rein, lass mich raus" aber doch etwas zu hoch.
Leider fällt es gelegentlich schwer, die Akteure und die Handlungen stimmig zusammen zu bringen. Dass Bill und Livia "in 6 Jahren ein Traumpaar" abgeben könnten, sollte ein 26 oder 28 Jahre älterer und reifer(!) Mann keineswegs als naturgegeben einschätzen. Das, was ansonsten angeblich zwischen den Protagonisten abläuft, überzeugt noch weniger. Ich bin ein ausgesprochener Fan von Frau Gedeck (Bella Martha) - aber die in diesem Film recht stramme Mutti Miriam passt nun wirklich besser in die Küche als auf den Tisch. Man nimmt ihr das großartig gespielte "Spätgeile" gerne ab, kann aber nicht nachvollziehen, dass Bill irgendwann doch ihrem Gedrängele nachgibt. Aus André werde ich gar nicht klug. Vor allem aber die Auflösung läuft den vorher aufgebauten Figuren völlig zwerch. Immerhin wirken die Darsteller in den Grenzen des Buchs glaubwürdig, wobei es Martina Gedeck trotz ihrem großen Können für meinen Geschmack nur mühsam gelingt, aus der inkonsequenten Figur Miriam noch etwas halbwegs Nachvollziehbares zu stricken. Das mag aber auch mit an der blassen Rolle liegen, die man ihrem Lebensgefährten zugebilligt hat.
Nicht nur der Plot hakelt, sondern auch die Umsetzung. Beim Schnitt ist da ganz offensichtlich schon mal häufiger die Maus ausgerutscht. Mal sind Einstellungen amateurhaft breit, mal hektiken die Szenen ineinander, so dass man sich als Zuschauer gelegentlich erst mal wieder sortieren muss.
Spannend ist das Ganze, gerade weil es so konstruiert und damit unerwartet läuft, und die Bilderbuch-Szenerie Wasser/Segeln/Freizeit mögen wir wohl alle gern. Aber damit sind wir unter dem Strich doch auf Soap-Niveau gelandet, wo bekanntlich auch nach einigen Folgen jeder mal mit jeder agiert hat, ohne dass sich das eigentlich aufgedrängt hätte. Um mehr daraus zu machen, hätte es einer sorgfältigeren Abstimmung der Figuren und der Darsteller bedurft. Aber was soll's? Soaps sind beliebt, Segeln ist schön, Svea Lohde kommt schlicht umwerfend rüber. Insofern gilt meine Überschrift für die junge Hauptdarstellerin wie für die Produktion insgesamt gleichermaßen: Irgendwie unfertig, und doch schon faszinierend.
Im Original 97 Minuten, Format 1,85:1 auf 35 mm Film, DTS (IMDB)
film-jury 4* A0233 30.7.2010e 9A Genre: Drama