Mit "Somewhere" präsentiert Sofia Coppola, Tochter von Regie-Legende Francis Ford, nach "The Virgin Suicides", "Lost in Translation" und "Marie Antoinette" ihren vierten, stark autobiografisch angehauchten Spielfilm. Wie schon in ihren vorigen Filmen wird sowohl thematisch als auch stilistisch eine ganz klare Handschrift erkennbar. Coppola behandelt auch hier hauptsächlich Themen wie Einsamkeit und Showbusiness. Zweiteres kennt sie durch die Erfahrungen mit ihrem Vater nur zu gut und nach "Lost in Translation" nimmt sie sich erneut einen fiktiven Hollywoodstar vor, der durch eine Lebenskrise geht.
Dieser Star ist Johnny Marco (Stephen Dorff), "Somewhere" ist eine Momentaufnahme seines Lebensalltags: Wir folgen ihm durch sein sinnentleertes Leben in Los Angeles, wo er die meiste Zeit im legendären Charteau Marmont residiert. Er fährt mit seinem Ferrari durch die Gegend, geht auf Partys, lädt sich Tänzerin auf sein Zimmer ein, hat bedeutungslose Liebeleien, muss Make-Up- und Pressetermine wahrnehmen. All dies tut er mit einer enormen Gleichgültigkeit, nichts scheint irgendeine Bedeutung für ihn zu haben. Dann erhält er Besuch von seiner elfjährigen Tochter Cleo (Elle Fanning), deren Mutter und Marcos Ex-Frau eine Zeit lang weg muss. Durch sie kommt Licht in Marcos Leben.
"Somewhere" ist ganz klar etwas Besonderes und höchst Eigenwilliges, das sicher nicht jedem gefällt. Der Film strahlt eine enorme Ruhe aus, er wirkt praktisch wie eine Art Blick hinter die Kulissen eines traurigen, leeren Hollywoodstars. Coppola verwendet von Beginn an extrem lange, meist völlig statische Einstellungen, die die die einen Zuschauer abstoßen und andere, so ist wohl die Intention, die Situation Marcos spürbar macht und in den Film aufsaugt. Alles wirkt sehr realistisch und lebensnah, Dialoge sind nur sehr sparsam verteilt und oft nur improvisiert. Musik läuft in diesen Szenen immer nur über den Originalton, was das Ganze sehr authentisch und uninszeniert wirken lässt.
Coppola zeigt unter anderem zwei Besuche zweier Pole-Tänzerinnen in Marcos Zimmer im Chateau Marmont, die minutenlang die etwas unbeholfene Tanz-Routine zeigen. Die Eröffnungsszene zeigt eine kleine Rundrennstrecke in sehr begrenztem Bildabschnitt, auf dem Marco einige Runden dreht. In einer anderen Szene sitzt Marco einfach nur an seinem Wohnzimmertisch und raucht. Diese Art von Inszenierung ist gewöhnungsbedürftig und reine Geschmackssache, sie kann für die einen entspannend und subtil humorvoll sein, für andere vielleicht einfach nur nervtötend.
Ganz klar, wer "Lost in Translation" kennt, wird hier wahnsinnig viele Parallelen erkennen, sowohl stilistisch, als auch inhaltlich, ganze Szenen wirken wie kopiert, u.a. gibt es eine übertriebene Preisverleihung in Italien, die sehr an den Auftritt von Bob Harris (Bill Murray) im japanischen Fernsehen in Coppolas Oscar-Gewinner erinnert. Das ganze Hotel-Setting und die dazugehörende Atmosphäre, die peinlichen und absurden Aufeinandertreffen mit der Presse erinnern sehr an den vorangegangen Film. Das stört aber auch nicht wirklich, das ist nun mal scheinbar Coppolas Interessens- und Erfahrungsgebiet.
Wie bereits gesagt ist der Film ganz langsam erzählt, es gibt keine wirkliche Handlung (eher viele Situationen, die einem diese Lebenssituation realistisch nahebringen) und auch keine aufgesetzten Konflikte und Dramatik. "Somewhere" ist eine meditative Charakterstudie, die die Personen größtenteils nicht über Dialoge, sondern über Verhalten und Lebensumstände definiert. Leider ist der Schlussmoment übertrieben symbolisch geraten und passt nicht wirklich zur unaufdringlichen Art des Films.
Es ist aber nicht so, als gäbe es keine Entwicklungen bei den Charakteren, sie ist nur sehr subtil. Stephen Dorff macht hier eine großartige Figur in der Hauptrolle, er spielt scheinbar mühelos und scheint den Charakter gut zu kennen, wodurch er komplett mit der Rolle verschmilzt. Besonders stark ist aber Elle Fanning, die in einer schwierigen Rolle alles überstrahlt. Ohne sie kann es gut sein, dass der Film verloren wäre. Das Zusammenspiel mit Dorff (und Chris Pontius, der einen Freund von Johnny Marco spielt) wirkt enorm natürlich und ist sehr gelungen.
Sofia Coppola- und Arthouse-Fans dürften sicher Gefallen an "Somewhere" finden, alle anderen sollten besser vorsichtig sein, denn der Gewinner der Filmfestspiele von Vendig 2010 ist eine sehr eigenwillige und minimalistische Kreation.