Die Pyramide von Streetz (Autor: Alexander Wallasch)
Fünf Kilometer vor Streetz geht es nicht weiter. Als hätten die Bewohner dieses verschlafenen Nestes in Sachsen-Anhalt versucht, sich vor der Außenwelt zu schützen. Aber natürlich gibt es eine Umleitung über noch weltvergessenere Straßen. Die weiten Wiesen und dichten Wälder liegen schön und sehr friedlich.
In dieser Gegend möchte man dennoch nicht begraben sein.
Warum denn eigentlich nicht, fragt Ingo Niermann. Der Journalist und Autor von Minusvisionen, einer Chronik gescheiterter Unternehmensgründungen und von Umbauland, zehn Vorschlägen und Visionen zur radikalen Reform Deutschlands, der Wirtschaftswissenschaftler Jens Thiel, Diplom-Ingenieur der Bauhaus Universität Weimar Heiko Holzberger und die Popliteraturikone Christian Kracht haben zur Pressekonferenz geladen.
Die Hummelstube. Hort der Gemütlichkeit. Jens Thiel bläst Rauchringe Richtung Geweihleuchter und weil keiner am 15-Ender hängen bleiben möchte, versucht er es eben immer wieder. Der energiegeladene Platzhirsch aus Erfurt braucht dafür keine Sondererlaubnis. Neue Gesetze erreichen Streetz mit gewohnter Verspätung und die ungefähre Nähe zu Berlin bleibt hier eine geographische Option.
Mut zusammen nehmen muss der schlanke kopfrasierte Erfurter allerdings für seine Rolle als Sprecher eines Projektes, das ebenso skurril wie maßlos, ebenso visionär wie verblüffend verständlich und ebenso astronomisch teuer wie lukrativ erscheint: Die Vision vom Bau einer Großen Pyramide, dem größten Bauwerk der Menschheitsgeschichte auf einem Acker bei Streetz ? erstmals formuliert von Ingo Niermann in Umbauland (Suhrkamp, Oktober 2006).
Das Ungewöhnliche an diesem eigentlich ganz gewöhnlichen mitteldeutschen ersten Sonntag im September 2007 ist eine, auf die dreihundert Streetzer Seelen ganz offensichtlich verstörend wirkende, Medienpräsenz. Überregionale und überseeische Zeitungen sandten ihre Reporter ebenso, wie die großen Fernsehsender ihre zuverlässigsten Kamerateams ? die Vertreter der modernen Internetmedien kamen persönlich vorbei: junge geschäftige Menschen in legerer Markenbekleidung.
Kabel, Stative, metallisch glänzende Stahlkoffer und symphonisch klingelnde Handys auf Bürgersteigen, Vorhöfen und in verbacksteinten Zufahrten ? Ingo Niermann umarmt einen Bekannten, der für keine Zeitung schreibt, aber infiziert ist von den Visionen des lächelnden 38-jährigen Bielefelder Wahlberliners. Ingo drückt und herzt ihn gerne an seinem rosafarbenen Nickipullover. Noch im Oktober 2006 schien es so als hätte seine Vision von einer großen Pyramide als Begräbnisstätte für die gesamte Menschheit mit der Veröffentlichung von Umbauland ihren Zenit erreicht. Was sich dann allerdings aus Niermanns sicherlich persönlichster Vision, einer Auseinandersetzung mit dem Tod, entwickelte, wird selbst den Metan-erprobten Hasardeur überrascht haben: Nur zehn Monate später findet er sich gemeinsam mit alten Weggefährten zur Pressekonferenz in der Streetzer Hummelstube wieder und hört sich stolz vor laufenden Kameras den wenige Stunden zählenden Countdown verkünden. Den Countdown zur symbolische Grundsteinlegung für die ersten fünf Pyramidensteine, im Eilverfahren nur für diesen besonderen Anlass gegossen von einer Leipziger Betonfirma, die bei einer tatsächlichen Realisierung der Niermannschen Vision sicherlich führendes Dax-Unternehmen werden würde. Fünf Millionen urneneinhüllende Betonquader wollen nicht so schnell gegossen sein.
Die Pressekonferenz läuft heiß. Zuviele Menschen auf zu wenigen Quadratmetern. ?Wir bauen hier eine Pyramide als Grabmal für Menschen aller Konfessionen. Hier in Streetz.? Jens Thiel möchte es am liebsten noch lauter hinausschreien. Aber das gibt der kleine butzige Raum einfach nicht her. Die Kameras schwenken auf Christian Kracht, den großen jungen Mann der Popliteratur. Er lächelt und nickt unmerklich. Erleichterung bei allen, die die sparsame Geste im Kasten haben. Ideales Schnittbild. Die mutig dekolletierte Wirtin der Himmelstube lächelt auch. Aber selbst wenn sie noch einmal zwanzig Jahre jünger wäre, die TV Kameras kleben heute an Niermann, Thiel, Holzberger und Kracht. Die Zubereitung der Streetzer Wellknödel entgeht ihnen so allerdings ebenso wie das Anheizen der mattgrünen Feldküche, die den versammelten Pyramidjanern diese Spezialität am Abend erwärmen möchte. Die Verpflegung der Massen könnte hier in Streetz zukünftig ein Problem werden, für heute scheinen aber ausreichend Portionen vorbereitet.
Die Kameras werden eingepackt. Die Karawane zieht, familienweise misstrauisch beäugt, mitten durch den Ort Richtung Festwiese. Die angekündigten Shuttlebusse aus Berlin, Weimar und Erfurt lassen auf sich warten. Wahrscheinlich ein Problem mit der Navigation. Niermann sagt: ?In wenigen Jahrzehnten weist uns allen die Pyramidenspitze den Weg. In Ihrem Schatten werden alle Religionen der Welt friedlich nebeneinander existieren. Deutschland wird zum Wahlfahrtsort für eine ganz neue Sterbekultur.? Möglicherweise aufkommende mulmige Gefühle klärt ein schneller Blick in die ungetrübt optimistischen blauen Augen Niermanns.
Die schwarz-weiß kopierten Wegweiser ?Pyramidenfest? enden im Nirgendwo.
Hier ist sonst um diese Zeit nichts zu holen. Die Felder sind abgeerntet, die Gülle versickert im morastigen Nichts und die Tannen in den Schonungen stehen hier offensichtlich noch braver in Reih und Glied als anderswo. ?Fünfzehn Jahre? erzählt ein Anwohner den staunenden Großstädtern, ?müssen die schon noch wachsen, die haben noch nicht genug Ringe angesammelt. Mal immer schön der Reihe nach.?
Ein hochglanzpolierter Late-Macciato-Verkaufstruck mit Berliner Nummernschild bringt den trägen Presselindwurm zum Stehen. Hochprozentiges gibt?s auch. Weiter hinten steht eine zehn mal fünf Meter große, hohe, verplante Bühne. Zum Abrocken sicher selbst im naheliegenden Dessau noch ein Ereignis, hier im Nichts eine Sensation, so zumindest spricht es aus den Augenpaaren einiger Streetzer, die mit Hund und Kind das Treiben aus sicherer Entfernung im Blick behalten.
Die Steine des Anstoßes werden notdürftig von zwei weißen Tüchern abgedeckt. Laut Thiel sind die Steine individuell zu gestalten. Kracht, der Gefeierte, der Verehrte, die Lichtgestalt, der sprachvoll Sprachlose sucht Klebeband. Die Tücher rutschen gefährlich der Enthüllung entgegen.
Der Fanfarenzug Blau-Weiß spielt auf. So etwas kennt man auch in Berlin. Der Reporter der Süddeutschen, Eckhart Nickel erkennt richtig ?The Final Countdown,? ballt die Fäuste zum Sieg und landet bei Rocky 4: Die Streetzer hätten damals korrekterweise noch in Dragos Ecke die Arme hochreißen müssen, heute sind die Fronten klarer. Später wird Niermann für die RTL Kameras mit ähnlich theatralischer Geste seine Betonquader umarmen ? weniger sportlich, dafür mehr liebäugelnd mit der offensichtlichen Aufmerksamkeit. Ingo Niermann ist ein Meister des Einzelgesprächs. Das weiß der Dessau-Roßlauer OB Clemens Koschig mit unechtem Brilli im Ohr ebenso zu schätzen wie der weißhaarig pomadisierte Streetzer Ortsbürgermeister Grünheidt im Trachtenjunker denen Niermann in den letzten Tagen, Wochen und Monaten sein tollkühnes Projekt ans Herz gelegt hat. Jens Thiel schmeißt den Laden nach vorne raus. Dafür hat nur er die nötige Aggressivität. Kracht bedient nebenher vorzüglich die Kameras: Sein beinahe flüchtiges Fluidum eilt ihm von Linse zu Linse voraus. Jeder sucht den Blick des kleinen großen Mannes.
Hinter ?Carla lost her mind? steht auf der Bühne die Tochter des Ingenieurs Holzberger. Und was sie da singt klingt am Anfang beinahe nach Anne Clark, verflüchtigt sich dann aber bald Richtung Blümchen. Tanzen braucht sie nicht, die meisten sind eh mit sich und der Inhalation des krachtschen Fluidums beschäftigt. Fotografen suchen Motive. Neue Motive werden angeboten als endlich die Shuttle Busse im weichen Parkplatzmorast versinken und fast zeitgleich eine neue Delegation Streetzer den Festplatz erreicht. Es dämmert. ?Keine 5 000 000 Tote in Streetz!? Der verlorene Haufen Demonstranten steht ruhig und gefasst. Die Berliner Neuankömmlinge wittern eine Inszenierung. Niermann erklärt im Einzelgespräch: ?Selbst wenn alle Toten der Menschheitsgeschichte in einer Pyramide bestattet worden wären wäre die Kantenlänge lediglich 1,5 Kilometer lang.? Das beruhigt noch jeden Gesprächspartner.
Die Sonne versinkt hinter den Tannen und die Streetzer Jugend hat ihre Unschuld verloren. So ein Ereignis bleibt in Erinnerung. Berlin ist näher gerückt. Erreichbarkeit kündigt sich mit jedem weiteren B-Fahrzeug an. Neue Träume füllen jetzt den Hohlraum der Dessauer-Bier-Plastikbecher und plötzlich ist alles ein bisschen Berlin.
Und auch wenn die Pyramide am Ende gar nicht oder ganz woanders gebaut wird, für Streetz war es Aufregung genug für viele Jahre und der örtliche Friedhof grenzt sicher an irgendein ungenutztes Areal. Da könnte man anbauen. Wenn man die Genehmigung erhält. Genehmigungen sind wichtig.
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