Solstice ist ein richtiger Wurf von einer faszinierenden Jazzplatte. Dieses Album heimste auch ganz sicher nicht umsonst den Deutschen Schallplattenpreis von 1976 ein. Auch wenn ich persönlich solchen Auszeichnungen skeptisch gegenüberstehe - hier kam man nicht aneinander vorbei.
Auch die Zusammenkunft dieser vier enormen Charaktere, von denen jeder eine ausserordentliche Karriere hinlegte, steigert sowohl Reiz als auch Gewicht dieses Meetings noch einmal zusätzlich.
Was gleich zu Beginn besonders auffällig, aber auch unwiderstehlich ist, ist die Tatsache, dass keiner der Beteiligten seine persönliche Ausdrucksform nur im geringsten unterdrückt oder zurückhält. Soviel individuelle Basisdemokratie hört man nicht oft. Und bei solch extrem unterschiedlichen Charakteren verwundert das stimmige Ergebnis umso mehr.
Eberhard Weber bohrt sich mit seinem klagenden Elektrofretless regelrecht manisch durch das Klangbild, aber mit einer tief empfundenen Leidenschaft, die das klassische ECM Format fast schon zu sprengen droht. Selten wurde beseeltes Spiel plastischer abgebildet als hier. Es ist fast schon erschreckend intensiv, wie er sich in die Kompositionen hineinwirft.
Ebenso sein Interplay mit Jon Christensen. Frei, hochlebendig und dennoch eng miteinander verzahnt. Manches wirkt regelrecht telepathisch.
Jan Garbarek spielt auf dem Album für mein Empfinden eher untypisch. Sein Ton ist für mich organisch und konkret. Eher progressiv als in irgendwelchem Weltmusikkontext. Diese Unvoreingenommenheit mag ich persönlich lieber, als manche seiner späteren Trademarks. Sein Ton ist hier musikdienlich und relativ pur. Er widmet sich ganz der Musik und dem Moment. Es mag für viele Künstler ein hehres Ziel sein, ihre Persönlichkeit auszubilden. Mich reizt er als "reiner" Musiker mehr. Seine verschiedenen Klangfarben hier sind natürlich auch bestechend.
Sehr auffallend ist die fast schon kontemplative Zurückhaltung von Ralph Towner, der hier ja eigentlich als Leader aufgeführt wird. So klingt das aber in keiner Sekunde.
Mit buddhistischer Genügsamkeit läßt er den anderen allen erdenklichen Freiraum, mit den Stücken zu tun, was sie wollen. Dabei stammen alle Kompositionen (bis auf eine) aus seiner Feder und wenn man dies nicht wüßte, man könnte es glatt für eine Gruppenarbeit, wenn nicht, teils, sogar -improvisation halten.
Natürlich glänzt auch Towner ausgiebigst auf seine etwas stillere aber gnadenlos brilliante Art und Weise. Seine Gitarrenklänge sind einfach überirdisch.
Aber wie ich schon sagte: Die wahre Größe dieses Zusammentreffens liegt wirklich darin, dass hier alle Klischees irgendwie umgedreht wurden. Das Resultat ist nichts weniger, als pure Magie und eine atemberaubende Atmosphäre. Hier verschmolzen vier Individualisten wahrlich zu einer Einheit.
Ich finde dieses Album verdient die volle Aufmerksamkeit und ich würde mir wünschen es irgendwann im Olymp der großen Meisterwerke wiederzufinden. Aber irgendwie drängt es sich nicht einmal darum. ;-)
Wünsche ganz viel Genuss damit!