Roman von Toni Morrison, erschienen 1977. - Mit ihrem dritten Roman erweitert die Autorin ihre fiktionale Welt beträchtlich: Der amerikanische Süden und die Vergangenheit bis zur Zeit der Sklaverei werden einbezogen, und mehrere Hauptgestalten sind Männer. Zugleich verfolgt Morrison konsequent weiter das Ziel, im gegenwärtigen Leben der Schwarzen das Wirken ihrer volkstümlichen Tradition und Kultur zu ermessen. - Der Roman läßt sich als Geschichte einer Initiation auffassen. Der Protagonist, Macon Dead III, wie die Autorin 1931 geboren, wächst in einer Stadt in Michigan unter Bedingungen auf, die ihm eine normale Entwicklung versagen. Ihm wird der Rufname »Milkman« angehängt, weil seine Mutter ihn noch als Vierjährigen stillt, als Ersatz für eheliche Liebe. Sein Vater hat es durch zähen Fleiß und rücksichtslosen Einsatz zum Wohlstand gebracht, hat standesgemäß geheiratet und sieht sein Lebensziel darin, sein Eigentum und die damit einhergehende Macht über andere zu vermehren. Milkman hingegen lebt plan- und ziellos vor sich hin, egoistisch und eitel, ahnungslos über die menschlichen Nöte der Mutter und zweier älterer Schwestern in dem patriarchalischen Haushalt. Einen Gegenpol stellt seine Tante Pilate dar, die mit Tochter und Enkelin ein primitives, aber harmonisches, von bürgerlichen Konventionen völlig freies, von ihrem Bruder als skandalös gebrandmarktes Dasein führt. Sie bewahrt den Reichtum ihres Volkes an praktischem und magischem Wissen und Lebensweisheit; da sie durch die Umstände ihrer Geburt ohne Bauchnabel ist, gilt sie den Leuten, mit denen sie in nähere Beziehung kommt, als eine Art Hexe, von der sie sich abwenden.
Milkman arbeitet ab seinem siebzehnten Lebensjahr im Büro seines Vaters mit und beginnt eine Liebesbeziehung mit Pilates Enkelin Hagar, in der er freilich auch nicht reift. Erst als er über dreißig ist, reißt er sich aus diesen Verhältnissen und geht auf eine Reise, die durch zahlreiche archetypische Motive als symbolische Initiation gekennzeichnet ist. Auf der Suche nach einem vermeintlichen Goldschatz wird er unversehens auf die Spuren seiner Familiengeschichte geführt. In einem Dorf in Pennsylvania genießt er die Erfahrung, daß sein Großvater, ein vorbildlicher Farmer, als Opfer weißen Verrats in bewundernder Erinnerung geblieben ist. In einem entlegenen Ort in Virginia wird er einer Reihe von Prüfungen unterworfen und so in die urwüchsige Dorfgemeinschaft aufgenommen. Vor allem entdeckt er hier - durch eine von den Kindern zu einem Reigenspiel gesungene Ballade (Song of Solomon) - die Geschichte seines Urgroßvaters, nach dem das Dorf Shalimar heißt und der der folkloristischen Tradition nach zu jenen sagenhaften Männern gehörte, die das Geheimnis des Fliegens beherrschten und aus der Sklaverei in die afrikanische Heimat zurückflogen. Milkman begreift, daß der Blues von dem fliegend heimgekehrten »Sugarman«, den seine Tante Pilate in Grenzsituationen als eine Art Schicksalslied zu singen pflegt, eine Fassung eben dieser Ballade ist. Beglückt wird er sich in dieser Familiensage seiner eigenen Identität inne. Am Schluß des Romans wird auch sein Kindheitstraum vom Fliegenkönnen wahr, als er sich mit einem gewaltigen Sprung über einen Abgrund seinem zum Todfeind gewordenen Freund in die Arme stürzt (wobei offen bleibt, ob er überlebt und die Feindschaft überwindet).
Vor dem Hintergrund von black consciousness und Feminismus zeichnet es diesen Roman aus, daß er niemals in ideologische Klischees abgleitet. So hat die Sage vom fliegenden Ahnen ihre Kehrseite darin, daß die mit einer großen Kinderschar zurückbleibende Frau am Trennungsschmerz stirbt, wie überhaupt das Leitmotiv des Fliegens im Text ambivalent erscheint, weil es neben der Freiheitsverheißung immer auch die Möglichkeit des Absturzes in sich birgt. Und Pilates reiner Frauenhaushalt schließt nicht nur Positives, sondern auch eine Gefährdung ein, die sich besonders deutlich in Hagars Abhängigkeit von materiellen Dingen und in ihrem Tod aus enttäuschter Liebe äußert. Nicht zuletzt diese komplexe Sichtweise rechtfertigt die außerordentlich hohe Wertschätzung, die dieser Roman durchweg erfahren hat.