Die sechs letzten Klaviersonaten Ludwig van Beethovens sind der Gipfelpunkt seines Schaffens in der Klaviermusik. In diesen intimen Selbstgesprächen offenbart er uns - ähnlich wie in seinen späten Streichquartetten - seine Ideen- und Fantasiewelt. Nicht umsonst sind diese Werke bis heute modern - und bereichern zudem jeden gemütlichen Abend zu jeder Jahreszeit.
a) Die Klaviersonaten aus op. 90 und 101
Die Zuordnung von op. 90 e moll fällt durchaus schwer, denn sowohl Stil wie Ausdruck sind stark dem Spätstil zuzuordnen. Die zu frühe Entstehungszeit - 1814 - lässt aber statistische Probleme entstehen.
Der erste Satz erscheint hart und transzendent. Sein Charme liegt, wie so oft beim Meister Beethoven, in der unverwechselbar zeitlosen Melodie. Das Lied des zweiten Satzes ist nichts weiter als ein leises Backfischlied, und doch wird die tiefe Eindringlichkeit und Leidenschaft auch dem unerfahrenen Hörer bewusst. Eine schon allein deswegen wundervolle Sonate!
Eine der sonderbarsten und merkwürdigsten Sonaten ist ohne Frage die 29. op. 101 in A Dur. Komponiert wurde die Sonate, die gelegentlich den Beinamen "kleine Sonate für das Hammerklavier" - in Anbetracht von op. 106, der "großen Sonate für das Hammerklavier" - trägt, 1816.
Unwirsch und abgehackt erörtert der erste Satz eine scheinbar nicht ganz ernst gemeinte Diskussion. Der Marsch des zweiten Satzes zeugt von der Ideenfülle des späten Beethoven. Seine aparte Schönheit eröffnet sich freilich nicht gleich, aber muss sie das?
Ein tiefsinniges Adagio weist voraus auf das der Schwestersonate op. 106. Es schwelgt in vollen Gedanken einer längst vergangenen Emotion.
Attacca schließt sich das Finale inniglich an, es verkündet Freude und Liebe, Anerkennung und Gutmütigkeit. Die Konstruktion innert dieser Sonate erschließt sich niemals gleich, vor allem da die Sätze untereinander so verschieden sind, ähnlich den späten Streichquartetten.
b) Die Klaviersonate op. 106
Die "Hammerklavier" Sonate steht in B Dur und wurde 1817/ 1818 komponiert und. "Hammerklavier" ist hierbei nichts weiter als die Übersetzung für das italienische Pianoforte. In Kennerkreisen gilt die mit etwa 45 Minuten Spielzeit längste aller Beethoven Sonaten - sie zählt zu seinen titanischen Werken - als die großartigste Sonate überhaupt.
Das majestätische, orchestrale Allegro des ersten Satz kommt mit solcher Wucht hereingeprescht, dass selbst modernen Klavieren noch alles abverlangt wird. Ein brachialer Akkord wird durch volksliedhafte Melodien abgewechselt. Zusammen ergibt das eine explosive Mischung, deren Majestät enorm ist.
Das Scherzo, obschon an Wuchs ein Zwerg, blüht vor Lebensfreude. Es lädt zwar nicht so weit aus, wie der erste Satz, geht aber durch gekonnte Modulationen tief in die Materie.
Nun folgt Beethovens intensivstes, großartigstes Selbstgespräch: Der längste von Beethoven je komponierte Satz für Klavier solo erinnert in seiner Ausdruckskraft, Vielfalt und Heilsamkeit nicht umsonst an den "heiligen Dankgesang" des Streichquartetts op. 132 oder das Adagio der neunten Sinfonie. Viele verschiedene Themen werden ineinander derart verwoben, dass es Beethoven gelingt, scheinbar ununterbrochen neues Material zu liefern.
Auch das Finale beginnt mit einer tiefsinnigen Einleitung, deren Sinn es aber mehr sein dürfte, den im Taumel des vorherigen Satzes Entschlummerten aufzuwecken, um voll und ganz der Pracht des Schlussallegros teilhaftig zu werden. Dieser volle, resolute Satz schneidet jeden Selbstzweifel wuchtig und rabiat ab. Wohlklingend und transzendierend endet diese fabelhafte Sonate.
c) Die Klaviersonaten opp. 109 und 110
Op. 109 in E Dur fristet innert des Reigens der späten Klaviersonaten eher ein Schattendasein. Das gut viertelstündige Stück wurde 1820 komponiert.
Das leiernde, flüssige erste Thema bietet wenig Raum für Denkanstöße, wohingegen das stürmische Prestissimo tiefe Wut und Verzweiflung ausdrückt.
Von schier endloser Gütigkeit ist das Lied des letzten Satzes. Hier wird erneut deutlich, wie sehr Beethoven die konventionelle Form der Klaviersonate aufgeweicht hat. Eine Sonate mit einem derart langsamen, impressiven Satz zu beenden, wäre für Haydn zum Beispiel ein unverzeihlicher Fauxpas gewesen. Dennoch vermisst der Hörer nach diesem Lied nichts mehr.
Die intimste aller Sonaten ist freilich op. 110 in As Dur. Dies dürfte auch der Grund dafür sein, weshalb eben diese Sonate als einzige ohne Widmung blieb. Das 1821/ 1822 komponierte, knapp 20minütige Stück ist von grandioser Architektur.
Ein wunderbares, zart fühlendes Lied eröffnet diese Sonate. Es singt von Freude, von Anmut, aber auch von Verlust und Schmerz. Das burleske Scherzo des zweiten Satzes unterbricht das Schwelgen.
Denn nun folgt der Teil, der der Transzendenz unendlich nahe zu stehen scheint. Ein unfassbar religiöses Adagio eröffnet das Finale. Geradezu wie ein Pulsschlag, der wiederzukommen dünkt, finden feine und zarte Melodien Anklang. Die vollkommene, äußerst virtuose und perfekt gearbeitete Fuge stellt gleichsam wiedererwachende Lebensfreude dar. Und alles endet im brillanten, alles überleuchtenden Finale. Zuvor allerdings werden wundervoll die letzten, inwendig keimenden Zweifel ausgeräumt. Eine mehr als vollkommene Sonate!
d) Die Sonate op. 111
Die letzte Klaviersonate op. 111 c moll wurde 1821/ 1822 geschrieben.
Ein vollgriffiges, tiefes Maestoso eröffnet diesen Satz und durchstrickt ihn ähnlich dem Maestoso aus dem Streichquartett op. 127. Das eigentliche Allegro wird folglich immer wieder gehemmt. Es wirkt geradezu wie ein Schmerz, den der Leidende mit erhobenem Haupte zu tragen trachtet.
Den Abschluss bildet erneut ein markiges, kerniges Lied, das aber diesmal zarter und gebrechlicher zu sein scheint, wie ein Friede, den man mit sich selbst macht, der aber noch jung und deswegen fragil ist. Fremd und neuartig sind die jazzartigen Ausbrüche, die hier die Grenze zwischen den Genres verschwimmen lassen. Welch ein trefflicher Beweis für Beethovens unendliche Modernität und Zeitlosigkeit!
Solomons Karriere wurde jäh beendet, als er sich gerade auf dem Zenit seines Erfolgs befand. Die spärlichen Dokumente aber, die er uns hinterließ, sind von stupender Qualität.
Insbesondere durch seine Einspielung der letzten sechs Sonaten Beethovens hat er sich in die Herzen etlicher Fans gespielt. Zwar lässt die Tonqualität etwas zu wünschen übrig, dennoch überzeugt Solomon in seinem feinen Anschlag, seiner scharfen Akzentuierung und vor allem seiner Angst einflößenden Interpretation der "Hammerklavier" Sonate. Ein zeitloses Dokument von unantastbarem Rang!