Was ist nicht alles kritisiert worden an diesem Buch, von ganz schön vielen Mitrezensenten. Dabei ist Autor Hellmuth Karasek mit all seinen Stärken zu bewundern, zugegeben auch mit ein paar kleinen Schwächen. Er schreibt locker und leicht, nicht seicht. Man ahnt, dass ihm das Buch flott von der Hand gegangen ist - aber es ist ihm dabei nicht aus der Hand geglitten! Zwar gibt es in der Tat ein paar altbekannte Witze und ein paar Erklärungen, die Pointen eher zerstören als zu einem Mehrwert führen. Aber von den Kritikern ist noch keinem gelungen, einmal die Alternative zu nennen. Mario Barth? Dann doch lieber ein paar Karasek-Bärte, wenn wenigstens er es ist, der die Bartwickelmaschine im Keller bedient. Vor allem: Seine Führung durch den Keller ist keine durch den Keller des deutschen Humors, sondern öffnet uns Kammern und Türen, die viele gar nicht oder nicht mehr kennen. Karasek sind dabei Kenntnisse der jüdischen Kultur genauso hilfreiche wie solche der Literatur-, Theater- und Satirikerszene - von Karl Kraus und Ringelnatz über Tucholsky und Karl Valentin bis hin zu Monty Python, Mel Brooks und Loriot. Seine engen Kontakte zu Billy Wilder und Woody Allen sind ein weiteres Plus; hier verbindet Karasek Humor und Zeitgeschichte ("Darf jemand, der in der SA war, den Jesus in Oberammergau spielen?" "Nur, wenn Sie echte Nägel benutzen", so Wilders Antwort als Mitglied des Alliierten Kontrollrats).
Ähnlich wie bei dem Buch "Kleine Stilkunde für Juristen" von Tonio Walter bringt Karasek auch schöne Beispiele dafür, wie man es NICHT machen sollte. Während der eine zähe Gerichts- und Wissenschaftssprache genüsslich aufspießt (und sein Buch in den Originalzitaten deshalb arg zäh zu lesen ist), leistet sich Karasek das eine oder andere Negativbeispiel des Witzeerzählens. Der Witz, in dem "Ostjuden" noch nicht wissen, was fließend Wasser ist, funktioniert nur, wenn der Hotelwirt fragt: "Ein Zimmer mit fließend Wasser?", und der Jude fragt: "Bin ich eine Forelle?" Bei "Wollen Sie ein Zimmer mit Bad?" funktioniert der Witz nicht. Im Übrigen ist die Erklärung interessant, dass die Forelle damals eine edle und teure Speise war; dass also unterschwellig das Zurückschrecken des "rückständigen" Ostankömmlings vor dem "noblen" Angebot zum Ausdruck kommt (S. 116 f.). Wer weiß das heute noch? Ähnlich, wie "bin weder Fräulein, weder schön" nur komplett verstanden werden kann, wenn man weiß, dass "Fräulein" zu Goethes Zeiten eine Bezeichnung für einen höheren Stand war, als Gretchen ihn hatte.
Karaseks Witze sind aber auch Zeitzeugen der jüngeren Jahrzehnte; man ist gelegentlich erschrocken, wie viel davon bereits verloren gegangen ist. Ein paar Witzkategorien sterben geradezu aus. "Sitzen zwei im Zugabteil...". Okay, es gibt noch wenige Abteile in den Zügen. Aber auch dort treffen wir Smartphones und Laptops an, und die Gegend rauscht so schnell vorbei, dass sich nicht mehr die Gespräche und Beobachtungen ergeben, die den Humus der Zugabteil-Witze bildeten. Karasek ist selbst im anscheinend Banalen ein aufmerksamer Chronist und Bewahrer! Aber er greift auch höher bei den zeitgeschichtlichen Zusammenhängen, ein Beispiel: Nach dem Mauerfall Geborene wissen vielleicht gar nicht mehr, dass die DDR 17 Millionen Einwohner hatte, was die Basis für den einen oder anderen politischen Witz ist. Zugegeben, zu Karaseks Nostalgie gehört auch die Zote, die in Zeiten der fehlenden political correctness noch ein bißchen beliebter war. Ein Zeitdokument oder ein Vorwand, mal unter Niveau zu lachen? Letztlich ein bißchen von beidem, aber Karasek spielt mit offenen Karten. Und ein Buch, bei dem man ab und an den Kopf schüttelt, oft aber Erkenntnisgewinne hat oder auch schlicht ungehemmt ablacht, ist nicht verkehrt. Karaseks Freund Marcel Reich-Ranicki sagte: "Ich weine selten unter meinem Niveau." Mit Karasek können wir sagen: Ab und an unter Niveau zu lachen ist keine Sünde.
Neben dem Spaßmacher, Witzarchivar, Chronisten und Dokumentaristen der begleitenden zeitgeschichtlichen und kulturellen Umstände ist Karasek auch der Analytiker des Witzes selbst und seiner Funktionsweise. Dies perfektioniert er vor allem mit seinem Partner Eckart von Hirschhausen, mit dem er gemeinsam auftritt und der ein Vorwort beigesteuert hat. Beide ergänzen sich hervorragend. Und mann kann diese Ergänzungen im Kopf weiterspinnen. Beispielsweise berichtet von Hirschhausen von einem Psychiater, der auf einen Suizidwunsch immer fragte: "Warum haben Sie es denn bisher nicht getan?" Das ist klasse, dem Patienten zu verdeutlichen, was bisher sein Leben lebenswert gemacht hat. Da hätte von Karasek als Fan des klassischen Kinos die Assoziation zu dem Engel gepasst, der dem Suizidkandidaten vorführt, wie das Leben seiner kleinen Stadt und seiner Mitmenschen verlaufen wäre, wenn er nie gelebt hätte. Jeder ist wertvoll, jeder ist wichtig. Passenderweise heißt der wunderschöne und nur scheinbar kitschige Weihnachtsklassiker "Ist das Leben nicht schön?" Soweit zum Weiterspinnen, zurück zum Buch. Während von Hirschhausen die medizinische Wirkung des Witzes überzeugend und gleichzeitig selbst sehr humorvoll erläutert, hängt Karasek mehr der freudianischen Theorie an - Freud hatte sogar eine Abhandlung über den Witz veröffentlicht. Der Witz als Überdruckventil, wenn das Über-Ich und das Es auf das Ich einströmen, bis das Ich es kaum noch aushalten kann. Doch nicht nur das "Warum", sondern das "Wie" ist entscheidend. Wie funktioniert ein Witz? Wie denken wir? Wie werden wir gezielt auf eine falsche Fährte gelockt? Wie können wir vielleicht auch im ernsteren Leben erkennen, dass ein Weg von A über B nicht immer nach C führen muss? "Du bist mein Sohn, aber ich nicht Dein Vater", wer sagt das? Erstaunlich immer wieder, dass viele in eingefahrenen Kategorien denken und nicht das Nächstliegende sagen: die Mutter. Vater-Sohn, Mutter-Tochter, eine immer noch eingefahrene Denkkategorie (man gucke sich nur einmal den Eltern-Kinder-Buchmarkt an - "Ich habe Jungs!" stöhnte eine Freundin von mir einmal entnervt auf). "Heißt es 6+7 ist 12 oder 6+7 sind 12"? Jeder denkt: Deutschtest. Ich weiß die Lösung auch nicht, aber es ist oder sind 13. Probieren Sie es mal, damit legt man erstaunlich viele Leute herein. Das ist eine ähnliche falsche Fährte wie in dem etwas zotigen Witz, in dem der Chef drei Chefsekretärinnenanwärterinnen getestet hat und dann ungeachtet der Antworten sagt: "Ich nehme die Blondine mit den großen ******."
So zeigt uns Karasek, dass es auch im realen Leben hilfreich sein kann, um die Ecke zu denken, bzw. schädlich, dies nicht zu tun. Treffen sich zwei Schnorrer. Sagt der eine: "Au weia, es gibt jetzt das 'Gesetz zur Beschleunigung fälliger Zahlungen', man kommt nicht mehr per Mahnung in Zahlungsverzug, sondern automatisch 30 Tage nach Fälligkeit der Schuld." "Schön", entgegnet der andere, "hab ich einen Monat länger Zeit, um die Knete zusammenzukratzen." Ist nicht aus Karaseks Buch, ist nicht mal besonders witzig - aber entspricht der Realität, sozusagen einem Treppenwitz der jüngeren Rechtsgeschichte. Vor ca. 10 Jahren gab es dieses Gesetz tatsächlich, es hieß sogar wie angegeben. Aber der Gesetzgeber hatte wie der erste, nicht schlau wie der zweite Schnorrer gedacht. Humor im Bundestag wäre besser gewesen (mittlerweile ist alles bereinigt und man kommt auf Mahnung UND nach 30 Tagen ohne Mahnung in Verzug).
Am Schluss noch ein Wort zu gewissen Ungenauigkeiten und einem angeblich miesen Lektorat, was dem Buch in so harscher Weise von Mitrezensenten vorgeworfen wird. Ja, ein bißchen was gibt es. Karasek hat Loriot nicht ganz genau zitiert. Es gibt einen Witz doppelt (der "freudian slip" zweier Männer im Pub). Karasek ist zumindest missverständlich, wenn er den Spruch "Es gibt nichts Gutes / Außer: Man tut es!" in einen Zusammenhang mit den 1968ern rückt, denn der Aphorismus ist einige Jahrzehnte älter und stammt von Erich Kästner. Das weiß Karasek natürlich auch, aber hier wäre eine Klarstellung schön gewesen. Caesar und Cicero mag er verwechselt haben, dort bin ich selbst nicht sattelfest. Und ein berühmtes Augustinus-Zitat kannte ich persönlich immer als "Credo avia absurdum", das heißt bei ihm etwas anders. Letztlich fallen bei mir diese Dinge nicht ganz so arg ins Gewicht, wenn wenigstens die Quintessenz stimmt, und dies lässt sich ohne Weiteres bejahen. Vielleicht nur noch eines, da ich mit Karasek eine Liebe für den klassischen Hollywoodfilm teile. Dass der große Marilyn-Monroe-Experte fälschlich behauptet, MM trage in "Blondinen bevorzugt" aus Eitelkeit keine Brille und steige ins falsche Flugzeug, ist schade. Doch wer sagt: "Es KANN vorkommen, es DARF aber nicht vorkommen", der hat eine Nudel im Gesicht, bringt keinen Heiratsantrag über die Bühne, protzt stattdessen mit seiner geschäftlichen Stellung und motzt den Ober herablassend an: "An meiner Tasse ist Lippenstift. Das können Sie ihren Gästen in Neapel vorsetzen." Sowas hat Karasek bestimmt nicht getan, als er mit von Hirschhausen in einer Sylter Kneipe über Witze palaverte und die Idee für Buch und Show geboren ward. Er hat es auch nicht nötig. Hier nun die Auflösung: Die Szene kommt nicht in "Blondinen bevorzugt" vor, sondern in "Wie angelt man sich einen Millionär?".
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