Der Held dieses Werks mit dem vielversprechenden Namen Anton Wohlfahrt ist und verhält sich von Seite 1 bis Seite 859 des Buches edel, wahrhaftig, ritterlich und zugleich kraftvoll, mannhaft und jeder Situation physisch, intellektuell und moralisch gewachsen. Dagegen sind die anderen: die Schacherer (zumeist Juden, allen voran "Veitel Itzig"), der degenierte deutsche Landadel, die polnischen Aufrührer lügnerisch, gierig, ehrlos oder feige, selbst die anderen Guten sind bestenfalls schwach, lebenssatt oder skurril. Das ist so schwarzweiß gezeichnet, wie es wohl in einem Roman sein muss, der im 19. Jahrhundert ein Bestseller wurde, weil sich jeder aus ihm (das ist bei heutigen Bestsellern nicht viel anders) je nach Gusto mit seinen höchstpersönlichen, aber auch zeitgemäßen Idealen, Vorurteilen oder Zwangsvorstellungen bedienen konnte. Gleichzeitig ist es aber auch etwas öde, wenn man es aus belletristischem, nicht aus soziologischem Interesse liest, denn diese Schwarzweißmalerei ist doch zu schnell durchschaut und man muss sich durch sie ebenso hindurchquälen wie durch die schwärmerischen, oft seitenlangen Natur- und Gesellschaftsschilderungen und -reflexionen. Der Handlungsbogen ist schwerfällig konstruiert und ächzt oft sehr unter seiner eigenen Last. Die einzige Frage, bei der der Autor den Leser angesichts des durchweg unangefochtenen Protagonisten mitzittern lässt, ist die, ob nicht irgendwann sein Heiligenschein anfängt zu drücken. Aber das ist wohl eher unbeabsichtigt. Schließlich hat man den Eindruck, dass der Autor vom Handel und Unternehmertum, von "Soll und Haben" nicht wirklich viel versteht, dazu erscheinen die Beschreibungen der Geschäfte insgesamt doch recht wolkig und naiv.
Das ist das, was ich gegen den Roman einzuwenden habe. Was andere vorgebracht haben: nämlich den Vorwurf des Antisemitismus, den sie Freytag wegen dieses Romans und des jüdischen Bösewichts Veitel Itzig gemacht haben und machen, lässt sich aus dem Roman jedoch ebensowenig erschließen wie aus Freytags Äußerungen und Verhalten außerhalb dieses Werks. Im Gegenteil macht Freytag an mehreren Stellen des Romans klar, welche Wurzeln der schlechte Charakter Itzigs hat (nämlich keine, die in seiner jüdischen Herkunft liegen) und es werden neben Itzig auch sympathsiche Gestalten jüdischer und abstoßende deutscher Herkunft geschildert. Obwohl Freytag an vielen Stellen seines Romans theoretische Reflexionen einflicht, findet sich nichts, dem sich eine grundsätzliche antisemitische Tendenz entnehmen ließe. Außerhalb dieses Romans hat sich Freytag darüberhinaus ausdrücklich gegen den Antisemitismus gestellt und war am Ende seines Lebens mit einer Jüdin verheiratet. Wer Freytag Antisemitismus unterstellt, muss sehr flüchtig gelesen haben. Dass die Nazis das Werk für ihre Zwecke glaubten missbrauchen zu können, kann man Freytag nicht vorwerfen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass er ein erklärter Gegner Hitlers gewesen wäre.
Literaturhistorisch und -soziologisch ist dieser Text interessant; ein wirkliches Lese- oder intellektuelles Vergnügen hat er mir darüber hinaus nicht bereitet . Wer Romane des 19. Jahrhunderts mag, ist bei der englischen, französischen und russischen Literatur besser bedient.