Insanity und insane - zwei Begriffe, für die der Autor anscheinend eine besondere Vorliebe hat. Wahnsinn und geistesgestört - genau dieser Eindruck vom Autor befiel mich ganz schnell beim Lesen dieses Buches. Vieles spricht dafür.
Erstens, weil der Autor es offen von sich selbst behauptet. Zweitens, weil er sich brüstet, der gefährlichste Gefängnisinsasse Englands zu sein. Elf Geiselnahmen scheinen dies auch eindrücklich zu belegen. Wegen seiner Gewalttätigkeit und Unberechenbarkeit sitzt er jetzt lebenslang in Hochsicherheitsgefängnissen und Einzelhaft ein. Sollte dieser Mann tatsächlich wie behauptet mit blosser Faust eine Panzerglasscheibe eingeschlagen haben, so vermute ich allerdings nicht sein Fitnessprogramm als Hintergrund, sondern die sogenannte Berserker-Kraft, die als Begleiterscheinung diverser Formen von Wahnsinn oder Drogenrausch auftritt. Bei der Jagd verletzte oder angeschossene Tiere oder auch Haie im Fressrausch werden deshalb so gefährlich. Die Fotografien und Zeichnungen in diesem Buch zeigen den Autoren jedenfalls vorzugsweise mit weit aufgerissenen Augen, irren Blick und beinahe schon diabolischen Grinsen. Da verwundert es denn auch fast nicht mehr, wenn uns der Autor mitteilt, dass er an manchen Tagen (angeblich) 3000-6000 (!) Liegestütze absolviert. Dass er (angeblich) 132 Liegestütze in 60 (!) Sekunden absolvieren konnte. Dass er darüber "philosophiert", Kühe mit einem einzigen Schlag nieder zu strecken. Dass er Gewichte mit dem Bart hebt und dabei seinen halben Bart aus der Gesichtshaut reisst. Oder dass er ein Seil, an dem mehrere Männer ziehen, mit den Zähnen hält und dabei mehrere Zähne verliert.
Gewiss, in diesem Buch finden sich etliche interessante und wohl auch zutreffende Ideen und Anregungen. Ich stimme zu, dass ein hocheffizientes Kraft - und Fitnesstraining gänzlich ohne Studio, Maschinen, Gewichte, jegliches Zubehör, spezielle Nahrungsergänzungen, Drogen und schicke Trainingsbekleidung möglich ist. Nur mit dem eigenen Körper und dem dafür erforderlichen konsequenten Willen und Durchhaltevermögen. So wie es der Autor ja in dem äusserst beschränkten Lebensraum seiner Gefängniszellen praktizieren will. Aber das kann man in anderen Büchern viel anschaulicher fotografiert und verständlicher erklärt nachlesen.
Ich stimme zu, dass Porridge ( Haferbrei ) eine sehr wertvolle Nahrung ist und dass Fasten unserem Körper und unserer Gesundheit sehr zuträglich ist und dass statt überteuerter und gesundsheitsschädigender Eiweisspulver die Öl-Eiweiss-Kost nach Budwig eine sinnvolle Alternative sein kann. Kurios und reichlich deplaziert wirken dagegen seine Beiträge zum Thema Penisvergrösserung, PC-Muskeltraining und Sexualität (schon faszinierend, womit sich Gefängnisinsassen beschäftigen).
Auch über Fettstoffwechsel und Fettabbau will der Autor uns aufklären. Hier fällt besonders deutlich auf, dass die Ausführungen des Buches ganz allgemein nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind. Allerdings - unabhängig von Sinn oder Unsinn seiner Ausführungen - schon ziemlich am Anfang des Buches erleidet die Glaubwürdigkeit des Autors erheblichen Schaden. Nämlich dort, wo die Fotografien des Autors zu sehen sind. Diese zeigen einen korpulenten Mittfünfziger mit reichlich Unterhaut-Fettgewebe, gewölbten Bauch und wenig definierten Muskelkonturen. Wer einmal Fotografien von dem etwa gleichaltrigen John E. Peterson gesehen hat, der sehr empfehlenswerte Bücher zum gleichen Thema veröffentlicht hat, wird sicher ebenso wie ich tief beeindruckt über die erheblichen Unterschiede sein. Ich habe mich sofort gefragt, ob der Autor tatsächlich das lebt, was er uns in diesem Buch so eindringlich nahe legt.
Auch sonst hinterlässt das Buch einen eher negativen Eindruck. Viel zu dunkle Schwarzweiss-Fotografien, die die ziemlich unklaren Erklärungen der Übungen ( hauptsächlich Übungen mit dem eigenen Körpergewicht und Übungen mit dem Widerstand der eigenen Muskeln ) nicht wirklich anschaulich machen können. Rätselhaft bleibt auch, warum trotz der vehementen Kritik des Autors an klassischem Bodybuilding, Supplementekonsum und Steroidmissbrauch als Fotomodell ausgerechnet eine Frau ausgewählt wurde, die ganz offensichtlich durch exzessive Anwendung genau dieser Praktiken derart muskelbepackt und in der ganzen Erscheinung so massiv vermännlicht ist, dass die Unappetitlichkeit ihrer Bilder einem durchschnittlichen Verehrer weiblicher Attribute schlichtweg den Atem verschlägt. Dazu kommt noch ein ungepflegtes, rudimentäres Englisch, das vielleicht in der britischen Gefängnisszene verbreitet sein mag, aber einem deutschen Leser des Buches das Verständnis erschwert und die korrekte englische Sprache kaum näher zu bringen vermag. Auch dass die ersten fünfzig Seiten des Buches für Lobhudeleien von Fans des Autors verwendet wurden, bringt dem Leser wenig Nutzen.
Fazit:
Insgesamt erscheint mir das Buch als seriöse Trainingsanleitung unbrauchbar. Auch wenn ich anerkennen muss, dass der Autor sich in seinem Thema gut auskennt - dieses Buch ist einfach misslungen. Als Alternativen verweise ich auf die sehr empfehlenswerten Bücher von John E. Peterson
Pushing Yourself to Power und
The Miracle Seven oder auch von
Mark Lauren. Diese sind im Gegensatz zum rezensierten Buch in ihrer Aufmachung übersichtlich und klar gestaltet, ordentlich fotografiert, verständlich erklärt und als Trainingsanleitung absolut tauglich.