Die Prognosen sagen der globale Energiehunger steigt zwischen 1990 und 2010 auf 50%. Innerhalb solcher Rahmenbedingungen ist es völlig illusorisch an so etwas wie Klimaschutz auch nur zu denken. Der statistisch erfaßte Weltenergieverbrauch basiert zu 32 % auf Erdöl, zu 25% auf Kohle, zu 17% auf Erdgas, zu 5% auf Atombrennstoff und zu 14 % auf Biomasse. Das sei ein Spiel mit dem Feuer, meint Hermann Scheer. Es ginge darum in den nächsten Jahrzehnten die fossilen Energieträger voll-ständig abzulösen. Die Energie müsse aus Sonnenkollektoren, Wasserkraft, Biomasse und Windkraft gewonnen werden. Auf einen sinnvollen Mix komme es an. Scheer gelangt zu dem Schluß, die Nutzungsketten erneuerbarer Energien sind kürzer als im fossil-atomaren Bereich. Damit meint er, die materiell-technischen Aufwendungen in der Gesamtbilanz für die Energiebereitstellung sind bei den solaren Energien geringer. Der Weg von der Kohleförderung bis zum Strom aus der Steckdose und allen dabei vorausgesetzten industriellen Zulieferungen ist sehr viel länger und unökologischer als der Weg von der Photovoltaikanlage auf dem eigenen Dach bis zur Glühlampe im darunterliegenden Zimmer. Es ist also gegenüber der fossilen Energieproduktion nicht nur der unmittelbar wegfallende Kohlendioxidausstoß von Vorteil. Erneuerbare Energien haben zudem den Vorzug auf eine dezentrale Weise zum Einsatz zu kommen. Hermann Scheer spricht davon, die solaren Energiesysteme seien in aller Regel wirt-schaftlicher als die herkömmlichen, insbesondere wenn solare und fossile Energieketten nicht mehr in Konkurrenz zueinander stünden. Das ist sehr gut möglich, insbesondere wenn man einbezieht, daß die konventionellen Energiesysteme mit weltweit jährlich 300 Mrd. Dollar subventioniert werden. Dabei berücksichtigt diese Zahl der Ent-wicklungshilfeorganisation der UN viele versteckte Subventionen nicht einmal. Dennoch muß man auch nach dem derzeitigen Stand der Dinge fragen. Während sich die Solarthermie bei der Aufbereitung von Warmwasser bereits rechnet, ist man bei der Stromerzeugung mit Solarzellen noch nicht soweit. Mit Preisen ab 1,60 DM pro kWh ist die Photovoltaik unter den gegenwärtigen Wirtschaftsbedingungen nicht kon-kurrenzfähig. Um das zu ändern, müssen die hohen Produktionskosten abgebaut werden. Dies kann durch die Großserienfertigung, staatliche Subventionen und Forschungsgelder geschehen. Eine wirksame ökologische Steuerreform würde die veralteten Methoden zur Energieerzeugung deutlich verteuern und damit erneuerbare Energien verbilligen. Allein durch die Massenfertigung der Solarmodule könnte binnen weniger Jahre der Preis auf bis zu 0,23 DM pro kWh auch unter den deutschen Klimabedingungen gesenkt werden. Wenn man von einer vollständigen Umstellung der Energieproduktion auf solare Alternativen spricht, sollte man allerdings immer mitbedenken: Jede neue technische Generation, die eingeführt wird, treibt in der Bilanz die stoffliche Verbrauchsspirale des Industriesystems noch mal auf Hochtouren, also der weltzerstörerische Apparat läuft im Hintergrund weiter. Hier hakt Ernst Ullrich von Weizsäcker auch mit seiner Kritik an der Konzeption einer solaren Energiewende ein. Er gibt der Ressourcenproduktivität den Vorzug, also einer Dematerialisierung unserer Produktionsweise. Mit weniger Energie und Rohstoffen sollen alle Produkte hergestellt werden. Friedrich Schmidt-Bleek geht dabei sogar soweit, von einem Faktor 10 zu sprechen für die nächsten 50 Jahre, der erreicht werden müßte. Die Anforderungen schließen sich nicht gegenseitig aus, wenn man das Thema gesellschaftliche Selbstbegrenzung mit ins Spiel bringt. Davor fürchtet sich allerdings Scheer wie der Teufel das Weihwasser. Wir brauchen eine Reduktion der heutigen Stoffströme, die wir mit unser Produktions- und Lebensweise in Beschlag nehmen und eine solare Energiewende. Beide Strategien müssen miteinander verwoben werden. Allerdings sollten wir uns auf ein viel geringeres globales Wirtschaftvolumen einrichten, bei Berücksichtigung einer gerechten sozialen Weltinnenpolitik. Die ganze Konzeption der „ökologischen Moderne", die Hermann Scheer uns vorlegt, ist gegründet auf der Flucht vor der Frage gesellschaftlicher Selbstbegrenzung. Um nicht die eigene Position zu gefährden, weil man mit den Wohlstandsinteressen der Bevölkerungsmehrheiten in Konflikt kommen könnte, gibt er sich mit ökologischen Teilwahrheiten zufrieden. Zudem ist man auch so in diese scheinbare Reichtumsgesellschaft integriert, daß es unvorstellbar erscheint, diese könnte nur der besondere Spleen von drei, vier Generationen sein, die meinen sie wären das Maß aller Menschengeschlechter. Deutschland müßte flächenmäßig mindestens doppelt so groß sein, als es in Wirklichkeit ist, um all die Dinge anzubauen und zu produzieren, die in Deutschland konsumiert werden. So okkupiert es die Fläche und den Umweltraum anderer Länder. Das ist ein sehr parasitärer Zustand. Indirekt verzehrt das Viertel der Menschheit, daß sich von Fleisch ernährt, etwa 40 Prozent der Welternte an Getreide. Mexiko verfüttert z.B. knapp ein Drittel seines Getreides an das Vieh, z.B. für Hamburgerfleisch zum Verzehr in den USA, und mehr als ein Fünftel der eigenen Bevölkerung ist unterernährt. Wenn wir jetzt auf diese Situation draufsetzen, wie Hermann Scheer meint, wir wollen einen umfassenden Teil unserer Rohstoffbasis mit nachwachsenden Rohstoffen decken, dann fragt sich natürlich mit wieviel zusätzlichen Hungertoten dies zu bezahlen sein wird? Es ist nicht redlich bei der Betrachtung dieser Frage, die realen gesellschaftlichen Weltstrukturen außen vor zu lassen und mit dem Gesamtumfang an Biomasse, die sich anbauen ließe zu argumentieren. Ohnehin ist es kaum im Sinne des Schutzes der Artenvielfalt auch noch den letzten Quadratkilometer ursprünglicher Natur umzupflügen, die nächste Schneise in den Regenwald zu schlagen. Nichts desto trotz ist aber festzuhalten: Wir müssen eine sehr weitgehende Umstellung auf solare Rohstoffe von Hanf über Flachs u.a. hinbekommen. Z.B. kann künftig aus Brennesselfasern Kleidung hergestellt werden oder Farbstoffe wieder aus Pflanzen gewonnen werden usw. Ein große Palette an Möglichkeiten ist vorhanden und sie sollte genutzt werden. Aber wir können nicht die halbe Republik mit Raps und anderen nachwachsenden Rohstoffen zupflanzen inklusive der EU-stillgelegten Flächen, selbst wenn wir alle zu Vegetariern konvertieren würden. Bekanntlich ist mit hohem Fleischkonsum auch ein stark erhöhter Flächenverbrauch verbunden. Globale ökologische Stabilität ist nicht allein durch einen Wechsel der Energiesysteme und der Rohstoffbasis zu erreichen. Auch bei allen kritischen Anmerkungen zu dem Buch „Solare Weltwirtschaft" sei jedoch unbenommen: Das nach Michael Succow im Herbst vergangenen Jahres Hermann Scheer der Alternative Nobelpreis verliehen worden ist, kann nur begrüßt werden. Wie kaum ein anderer setzte sich Hermann Scheer in unermüdlicher Arbeit für die weltweite Förderung der Sonnenenergie ein. Konsequent entlarvte er die blockierenden Aktivitäten der Energiekonzerne und machte auf politische Hemmnisse aufmerksam.
Literaturempfehlungen: Das Solarbuch; DIETER SEIFRIED u.a./ Die Sonne schickt uns keine Rechnung; FRANZ ALT/ Wege zur ökologischen Zeitenwende; RUDOLF BAHRO u.a.