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Solar
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56 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 1000 REZENSENTam 9. November 2010
Michael Beard ist alles andere als attraktiv. Er ist dick und klein, neigt zur Fresssucht und zum gepflegten Alkoholismus. Aber Michael Beard ist auch Doktor der Physik und Träger des Nobelpreises in dieser Disziplin. Irgendwann in den Sechzigern hatte er seinen genialen Moment, in den Siebzigern folgte die Ehrung durch die Stockholmer Akademie - und danach setzte die Stagnation ein: Michael Beard hatte keine Ideen mehr, stattdessen absolvierte er fünf Ehen und Dutzende Affären. Im Jahr 2000, in dem der erste Teil des Romans spielt, steht die fünfte Scheidung an, und seltsamerweise fühlt sich Beard plötzlich zu seiner zukünftigen Ex-Ehefrau hingezogen. Aber da ist noch Rodney Tarpin, der geistig etwas verlangsamte Bauhandwerker, mit dem Patrice, Beards Gattin, ein ganz offenes Techtelmechtel hat, nicht zuletzt, um sich an ihrem Ehemann zu rächen.
Beard hat im Rahmen seiner beruflichen Herumwurstelei - wie so oft eher halbherzig - das Angebot angenommen, ein Institut für erneuerbare Energien zu leiten, und obwohl ihm der zwar nervige, aber offenbar recht geniale Institutsmitarbeiter Tom Aldous immer wieder Vorschläge unterbreitet, die sich mit der Photosynthese befassen, steuert Beard den Laden in ein vollkommen absurdes Projekt, bei dem es um Mini-Windmühlen für Hausdächer geht. Anschließend reist er für eine Woche zum Nordpol, um mit Künstlern den Klimawandel zu diskutieren, wenn ihm auch die Rettung des Klimas und des Planeten vollständig egal ist - Beard ist Narzisst, Egoist, wird ganz und gar von Eigeninteressen beherrscht. Bei seiner verfrühten Rückkehr stößt er auf Aldous, der in Beards Bademantel in dessen Wohnzimmer herumlungert. Es kommt zu einem kurzen Streit, bei dem Aldous stolpert und unglücklich - tödlich - fällt. Michael Beard arrangiert die Szene so um, dass es wie ein Mord aussieht - ein Mord an einem Nebenbuhler, ausgeführt durch den anderen. Der ahnungslose Rodney Tarpin wird verurteilt. Und ganz nebenbei findet sich in Aldous' Nachlass noch eine absolut geniale Idee, die durchaus geeignet ist, das Energieproblem der Menschheit zu lösen.

Fünf Jahre später hat sich der Saulus zum Paulus gewandelt, jedenfalls nach außen. Beard verfolgt das Projekt, von dem niemand ahnt, dass es auf Aldous' Ideen basiert, mit großer Verve - und inzwischen in Eigenregie. Er jettet von Vortrag zu Vortrag, um Investoren zu begeistern und für die Rettung des Weltklimas zu kämpfen, aber eigentlich geht es ihm nur um Geld und den eigenen Ruhm. Seine aktuelle Freundin kämpft parallel darum, aus Beard einen Ehemann und Vater zu machen, aber je älter der Nobelpreisträger wird, umso selbstsüchtiger, infantiler wird er in dieser Hinsicht. Und natürlich betrügt er auch diese Frau.

Der Roman endet im Jahr 2009, also praktisch in der Jetztzeit. Michael Beard steht kurz davor, seinen vermeintlichen Lebenstraum zu verwirklichen, aber die Vergangenheit war nicht untätig - und holt ihn rechtzeitig ein.

McEwan erzählt diesen Schelmenroman im Plauderton, aber McEwan wäre nicht McEwan, wenn dies niveaulos geschähe. Wissensreich, extrem intelligent, amüsant-schwarzhumorig und hochironisch skizziert er seine Hauptfigur, diesen langzeitpubertären, egomanen und misanthropen Schlaumeier, der ein großartiger Rhetoriker ist und stets seinen Vorteil zu erkennen weiß, aber leider nie dazu in der Lage ist, den Punkt zu auszumachen, an dem ein Kompromiss - auch im Eigeninteresse - geboten wäre. Lange scheint es so, als würde dieser Michael Beard mit seiner Strategie und seiner egozentrischen Weltsicht die Nase vorn behalten, und am Ende wünscht man sich fast, dass es konsequenterweise auch bis zur letzten Seite so bliebe. Zwischendrin hat das Buch einige Längen, kippt - etwa, als Beards Glied beim Pinkeln im ewigen Eis am Kälteschutzanzug festfriert - manchmal in Slapstick um, unterhält aber meistens vortrefflich. Als Dreingabe wird der geneigte Leser über den aktuellen Stand der Klimaforschung, über physikalische Vorgänge und Gesetzmäßigkeiten und die Funktionsweise des "Fund Raisings" informiert.

Aber es bleibt das Problem, das alle Romane mit Antihelden haben: Obwohl man sich hin und wieder dabei ertappt, den äußerst egoistischen inneren Monologen der Hauptfigur zuzustimmen, verweigert sich der Protagonist meistens der Identifikation, obwohl - oder gerade weil - der intelligente Menschenfeind so glaubhaft dargestellt wird. Mit Verblüffung nimmt man zur Kenntnis, dass auch sehr gebildete, gar nobelpreiswürdige Menschen möglicherweise keine besonders guten sind, wobei wissenschaftskritische Aspekte ohnehin eine wesentliche Rolle im Buch spielen; die Demontage der Laborgötter ist eines der (vielen) Themen. Doch das reicht nicht, um dieses schlaue Psychogramm auf einen vorderen Platz zu hieven. "Solar" ist zweifelsohne klug, augenzwinkernd, zuweilen beeindruckend, unterhaltsam und auf seine Art stimmig, aber es bleibt das Gefühl, einen Roman gelesen zu haben, dem etwas Wesentliches fehlt. Menschlichkeit ist es nicht, denn Michael Beard ist zutiefst menschlich im Wortsinn. Vielleicht aber ist es genau das: Die Art von Menschlichkeit, die meistens nur von Romanen transportiert wird. "Solar" ist, wenn man so will, zutiefst deprimierend, aber das auf rasante und wirklich gut erzählte Weise.
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18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 30. September 2010
Man muss schon ein wenig Interesse an Naturwissenschaften mitbringen, wenn man dieses Buch mit Gewinn lesen möchte. Und man braucht viel Geduld mit einer Hauptperson, die ja deshalb so unerträglich ist, weil sie so realistisch geschildert ist. Insbesondere seine weiblichen Leser, die neben vielen anderen das neue, hier vorliegende Buch von Ian McEwan voller Spannung erwartet haben, werden von dem Roman "Solar" enttäuscht sein. Und das hängt am Protagonisten, dessen Leben und Wirken, dessen Lügen und Selbsttäuschungen, dessen Korruptheit und moralischer Verkommenheit McEwan über 400 Seiten gewidmet hat.

Michael Beard ist Wissenschaftler. In relativ jungen Jahren ist er durch die Lösung eines mathematisch- physikalischen Problems in Fortsetzung der Forschungen Albert Einsteins nicht nur zu großem Ruhm gekommen, sondern auch zu einem Nobelpreis, auf dem er sich sein ganzes weiteres Leben ausruhen wird. Er forscht nicht weiter, lebt von seiner Reputation, verkauft seinen Namen, damit er auf Briefköpfen von Firmen werbewirksam Eindruck schindet, und kaut ein und dieselben Vorträge gegen riesige Honorare immer wieder. In seinem Privatleben ist er innovativer. Insgesamt fünf Ehen hat er hinter sich, und seine aktuelle, fünfte Frau schon so viele Male betrogen, dass er gar nicht mehr mitzählt. Seine Frau allerdings hat genau Buch geführt, und als sie sich rächt und sich einen Liebhaber nimmt, kommen der berufliche und der private Strang zusammen, Denn der Liebhaber ist ein junger, und intelligenter Mitarbeiter seines Instituts für erneuerbare Energien, das er durch eine Menge von Fördergeldern, die er durch seinen Ruf bekommen hat, gegründet hat. Dieser Aldous hat bahnbrechende Erkenntnisse in einer Kladde notiert, an die Beard durch Umstände gerät, die hier nicht verraten werden sollen. Umstände, die das Buch auch zu einem richtigen Krimi machen. Schamlos macht er sich diese Aufzeichnungen zu nutze, gibt sie als eigene Ideen aus und träumt mit seinem Freund von einem genialen und Welt verändernden wissenschaftlichen Coup. Wie der ausgeht, soll hier offen bleiben.

Offen bleiben soll nicht eine persönliche Einschätzung dieses Buches, das sich flott liest. Wenn man es rezipiert als eine überzogene Entlarvung der angeblichen Unabhängigkeit der Wissenschaft, wenn man es liest als ein weiteres trauriges Beispiel eines verlorenen, nicht an seine wirkliche Bestimmung gekommenen männlichen Lebens, dann macht das Buch einen Sinn. Doch: McEwan hat schon weit bessere Romane geschrieben als diesen. Er wird, so wage ich vorauszusagen, nicht sehr lange in Erinnerung bleiben.
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64 von 76 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Nach Franzens "Freiheit" nun McEwans "Solar", zwei Neuerscheinungen, die sich mit Umweltfragen und menschlichen Abgründen beschäftigen. Walter Berglund und Michael Beard, zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Geschichte ihres literarischen Zusammentreffens würde ich mir bestimmt nicht entgehen lassen.

Michael Beard ist verfressen und versoffen, ein Lügner, Betrüger, ein nahezu kahlköpfiger Fettwanst mit unappetitlichen Angewohnheiten, der seine Wohnung verkommen lässt, seine Kleidung auch, und nicht viel von Körperpflege hält. Er ist missgünstig, gierig auf Sex und Geld und auf ein komfortables Leben, außerdem schlampig, asozial und ein zynisches, schlaues Kerlchen. Dieser Mann ist unerträglich, ich mag ihn nicht. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass er nahezu ein Allerweltstyp ist und jeder von uns sich hin und wieder mehr oder weniger in ihm erkennen kann. Das macht den Kerl noch unsympathischer.

Ian McEwan hat diesen abgehalfterten Nobelpreisträger der Physik, der im Windschatten seiner einstigen, einmalig herausragender Leistung segelt und daraus Profit schlägt, in den Mittelpunkt dieses Buches gestellt. Er erzählt uns eine ironische Geschichte vom Raubbau an der Natur, der Endlichkeit der Ressourcen, vom Klimawandel und nicht zuletzt von betrüblichen menschlichen Verhaltensweisen mit einer Leichtigkeit, die nur sehr guten Erzählern gegeben ist. Manche verwechseln das vielleicht mit Oberflächlichkeit. Jedoch seine Besorgnis, sein Engagement und nicht zuletzt seine Wut liegen sorgfältig unter der glatten Oberfläche verpackt.

Am Beispiel von Michael Beard zeigt er auf, dass Intelligenz ohne Verknüpfung mit anderen herausragenden Eigenschaften weder von besonderem Wert ist, noch zu gewünschten Resultaten führt. Die Menschheitsgeschichte lehrt uns immer wieder, dass den größten Schaden selten die "Dummen", aber um so häufiger die "Intelligenten" anrichten. Dieser Mann, ein Egoist ohne nennenswertes Gewissen, schreckt vor wenig zurück, wenn es darum geht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. So gibt er, dessen Ideen schon lange in einer unproduktiven Endlosschlaufe kreisen, die Erkenntnisse eines begabten Nachwuchsphysikers als seine aus. Die bringen ihm etliche lukrative Patente und ein außergewöhnliches und innovatives Projekt im Süden der USA ein. Kurz vor dem Durchbruch holen ihn dennoch die Schatten der Vergangenheit ein, obwohl sich der geistige Eigentümer seines Projekts, der einst mit seiner 5. Ehefrau ein Verhältnis hatte, schon lange nicht mehr wehren kann. Und damit sind wir bei Beards Frauen, die mich immer wieder ratlos machen. Zu gerne würde ich sie in die Schublade "Männerphantasien" ablegen, jedoch zahlreiche Beispiele aus dem Bereich Politik, Showbusiness und vermutlich auch Wissenschaft (letztere nicht so sehr hochglanzmagazinmäßig präsent), sprechen für die Realität. Ja, es gibt sie, diese Frauen, die, um ein wenig im Glanz fremder Reputation zu stehen, für Außenstehende merkwürdig anmutende Verbindungen eingehen. Diese Frauen stehen sehr häufig selbst "ihren Mann", wie beispielsweise Melissa, Beards Langzeitgeliebte und Mutter seiner Tochter. Sie ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, aber betriebsblind, was ihren wankelmütigen Freund angeht, und in hohem Maße leidensfähig. Denn Michael Beard gibt emotional nichts, er nimmt, was nicht für eine tatsächlich existierende Beziehung spricht. Außerdem ist er notorisch untreu, gerne auch deftig, und suhlt sich schon auch einmal mit einer fetten, alkoholabhängigen Kellnerin in deren Wohnwagen und in schäbigen Motels. Auch ein Nobelpreisträger schließt eben hin und wieder seine Türe hinter sich und lässt die Hosen herunter - nein, der Preis wäre mir entschieden zu hoch! Nun, über Geschmack lässt sich nicht streiten, und so sehen wir am Ende des Buches zwei Furien auf Beard losgehen, der vor den Scherben seiner Existenz steht. Ein fulminantes, offenes Ende und ganz zum Schluss gibt es, als Sahnehäubchen, die honorige Nobelpreisrede aus Beards Glanzzeit.

Auch wenn Ihnen vielleicht in diesem Buch alte Versagensängste und das Gefühl der Unzulänglichkeit wieder begegnen werden, die Sie nur allzu gut aus Ihrer Schulzeit kennen, wenn es um Mathematik oder Physik ging (Einstein geistert beunruhigend oft durch diese Geschichte), begleiten Sie Beard in die Arktis, verweilen Sie mit ihm in London oder fliegen Sie in seiner Begleitung nach New Mexico - Sie werden es, wenn Sie sich genügend geärgert und Tränen gelacht haben, vermutlich nicht bereuen. Vielleicht fragen Sie sich anschließend auch, obwohl Ihnen Ihre Kinder und Enkel und deren Zukunft am Herzen liegen, wie sehr Sie dazu bereit sind, liebgewonnene Annehmlichkeiten aufzugeben und Verhaltensweisen zu ändern, wenn es darum geht, einen drohenden Klimawandel abzumildern, den Sie vermutlich in seiner ganzen Kraft gar nicht mehr erleben werden. Keine Frage, dieses Buch unterhält und regt zum Nachdenken an, was will man mehr.

Helga Kurz

1. Oktober 2010
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Ein Nobelpreisträger gilt als Vorbild. Ein Mensch der auf einem bestimmten Gebiet etwas so außergewöhnliches geleistet hat, das er mit dieser Auszeichnung geehrt wird, muss etwas ganz besonders sein. Ein Muster an Integrität und Seriosität. Der gelebte Inbegriff des Genius. Ein Ideal dem nachzueifern als nobles Ziel gilt. Ian McEwan entzaubert in seinem Buch "Solar" diesen Mythos und lässt den Leser nicht nur vor Erleichterung auflachen.

Michael Beard hat als junger Physiker in den 1970er Jahren den Nobelpreis für ein Theorem erhalten, dass die Interaktion zwischen Materie und elektromagnetischer Strahlung erklärt, also die Nutzung der Sonne als Energiequelle beschreibt. Jetzt ist er über fünfzig und ruht sich seit fast dreißig Jahren auf diesen Lorbeeren aus. Gerade scheitert seine fünfte Ehe. Diesmal nicht an einem seiner zahlreichen Seitensprünge, sondern weil seine Frau den Spieß umdreht und er der Betrogene ist. Bevor er sich versieht ist er in einen Strudel privater Katastrophen geraten, die ihn auch beruflich ruinieren können.

Ian McEwan hat mit "Solar" zwei Bereiche verbunden. Er thematisiert die drohende Klima Katastrophe und lässt seinen Protagonisten Wege suchen und finden diese zu verhindern. Gleichzeitig führt er dieses wichtige Thema ad absurdum, weil er die persönlichen Befindlichkeiten der Hauptfigur stets wichtiger nimmt. Was ist schon das Schicksal des Planeten Erde gegen die Midlife Crisis eines alternden, übergewichtigen, genusssüchtigen Mannes!

Der Roman beginnt im Jahr 2000. Beard steht einem Londoner Institut vor, dass Wege zur Nutzung erneuerbarer Energien finden und nutzbar realisieren soll. Er ist umgeben von jungen, motivierten Wissenschaftlern die eine solche Fülle guter Ideen entwickeln, das man eigentlich nur auswählen müsste. Allein, das alternde Genie hat keine Lust bzw. andere Sorgen. Die Methoden seine Frau zurückzugewinnen sind grotesk. Man stelle sich einen Nobelpreisträger vor, der nackt auf Händen und Füße rückwärts die Treppe hinuntersteigt und sich dann mit einer Stimme im Radio unterhält um seiner Frau zu signalisieren er sei ebenfalls nicht allein. Das derselbe Mann der fatalistischen Meinung ist, "dass es der Welt egal sein konnte, ob Bush oder Gore, Tweedledum oder Tweedledee, in den ersten vier oder acht Jahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts Präsident der Vereinigten Staaten war" verwundert nicht.

Der Autor läuft in diesem Roman zur altbekannten erzählerischen Hochform auf. Beard ist auf einer Expedition in der Arktis um sich vor Ort vom Schmelzen der Gletscher zu überzeugen. Die Schilderung seiner ersten Begegnung mit dem ewigen Eis ist eine Abfolge derart skurriler Missgeschicke, dass einem vor Lachen die Luft wegbleibt während man mit schmerzverzerrtem Gesicht die körperliche Pein selber zu spüren scheint. Nur soviel: Bei Minus dreißig Grad in eine Gletscherspalte zu urinieren sollte man tunlichst unterlassen.

An anderen Stellen überzeugen die ironische Spitzfindigkeiten. "Beard beeindruckte auch die Recherchearbeit, der Fleiß, mit dem diese rastlosen Zeitungsfritzen binnen weniger Tage tief in die dunklen Regionen, die Slums seines überbevölkerten Privatlebens eingedrungen waren und dem älteren Bruder seiner dritten Frau, einem nahezu taubstummen Einsiedler, der Beard noch nie ausstehen konnte und der ohne Telefon an einem Feldweg auf einer menschenleeren Halbinsel im Nordwesten von Bruny Island vor der Küste Tasmaniens lebte, im Handumdrehen ein buntes Bouquet boshafter Bemerkungen entlockt hatte.

In Zeitsprüngen folgen wir der Hauptperson in die Jahre 2005 und 2009. Am Ende erinnert die Biographie Beards sehr an Heinrich den Achten von England. Auch dieser ein gichtgeplagter, aufgeschwemmter Fettkloß der ständig Frauen loswerden musste. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen liest sich der Roman sehr gut. Er ist intelligent formuliert, wandlungsreich konzipiert, durchaus lehrreich was die Fakten zum Klima betrifft und von einer bizarren Komik. Einzig der Schluss hat mich enttäuscht. Zu leicht für ein so "gewichtiges" Leben!
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 500 REZENSENTam 21. März 2011
Gute Literatur, so haben wir es an den Universitäten gelernt, verknüpft das gesellschaftlich Relevante mit dem individuell Besonderen. Hört sich gut an. Gute Literatur entfaltet einen formal raffinierten Spannungsbogen in anspruchsvoller Prosa und zurückhaltendem Humor. Prima - aber wo finden wir solche Literatur? Ganz sicher nicht in den gängigen Bestellerlisten - wenngleich es auch bedeutende Literaten gibt, deren Bücher sich ausnehmend gut verkaufen.
Zum kleinen Kreis dieser Gruppe gehört zweifellos der britische Autor Ian McEwan, der es wie nur wenige andere versteht, seine kunstvoll gestalteten literarischen Bühnenbilder mit psychologisch überzeugenden Figuren auszufüllen.
In seinem neuesten Buch "Solar" hat sich McEwan einem Thema verschrieben, das in seinen früheren Werken als Motiv immer schon unterschwellig mitklang, ohne jemals dominant zu werden: einer Kritik der politischen Correctness. Ein heißes Eisen würwahr, riskiert doch jeder Autor, der gegen den linksliberalen "Neusprech" verstößt, sofort das Wutgeheul der Tugendwächter. McEwan versucht sich gegen diese Gefahr so gut es geht zu wappnen, indem er seinen politisch inkorrekte Hauptperson, den fetten Pysiknobelpreisträger Michael Beard, so unsympathisch wie möglich daherkommen lässt. Michael Beard ist ein durch und durch ungenderisierter Mann, er liebt Frauen, die im Bett wie am Herd ihren Herrn und Meister nach allen Regeln der Kunst verwöhnen und besitzt auch keinerlei Skrupel durch raffinierte Lügengespinste sein Leben nach diesem Gusto auszurichten. Die Frauen in dem vorliegenden Buch sind allerdings auch keineswegs nur Opfer, sie wissen sich zu wehren, gehen ihrerseits fremd, und es gelingt ihnen sogar mit den Jahren immer besser den ungenderisierten Beard zu domestizieren.
Auf jeden Fall reist der Leser in dem vorliegenden Buch mit den Augen dieses rösigen Naturwissenschaftlers durch die kuriose Welt moderner Scheuklappen und politisch unkorrekter Todsünden, die ein jeder bei Strafe des öffentlichen Schandprangers tunlichtst vermeiden sollte Eine solche Todsünde besteht etwa darin, einem ahnungslosen Zeitgenossen bestimmte Grundstrukturen der Wirklichkeit zu erklären. Wer so verfährt, handelt "reduktionistisch". Eine fast noch schlimmere Todsünde besteht darin, unwiderlegbare aber offenbar unbekannte Fakten in eine Diskussion einzubringen - wer sich dazu hergibt, handelt "hegemonistisch", d.h. er dominiert unmenschlicherweise einen Gesprächspartner der nur Trotteleien von sich gibt. Und das ist menschenverachtend.
Man sieht: Michael Beard ist dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisideal verpflichtet und es fällt ihm schwer, den Kulturmüll ernst zu nehmen, der im kommunikativen Diskurs der Geisteswissenschaften wie in einer endlos arbeitenden Wideraufbereitungsanlage für Banalitäten durchgeknetet wird. Michael Beards brillante intellektuelle Karriere, die ihn sogar bis zum Nobelpreis führt, bringt es aber mit sich, dass er als Kurator und Vorstand diverser staatlicher Forschungseinrichtungen sein Leben lang mit solchen Geisteswissenschaftlern und Künstlern zu tun haben sollte. Denn wir schreiben das Jahr 2000, der Klimawandel ist in aller Munde, und allenthalben wird das Ende des Planeten verkündet. Merkwürdig ist nur für Beard nur, dass das Ende des Planeten vor allem von denjenigen verkündet wird, die gar nicht recht wissen, wie dieser Planet funktioniert. Auf einer Klimainformationsreise muss Beard feststellen, dass er der einzige Naturwissenschaftler auf der Reise ist, während alle anderen als Künstler oder Literaten den Klimawandel mit Tänzen mit Eisbärskulpturen bekämpfen wollen. Dabei ist dem erotisch hyperaktiven Beard der Klimawandel herzlich schnuppe, ihn verblüfft nur das nahezu erstaunliche Ausmaß an Dilettantismus, mit dem Nichtfachleute über naturwissenschaftliche Themen schwadronieren, und so dauert nicht lange, bis er wegen politisch inkorrekter Äußerungen in den Fadenkreis von Feministinnen und Genderaktivistinnen und damit in den Mittelpunkt eines Skandals gerät.
Doch McEwan wäre nicht der Meister, der er ist, wenn er es mit seinem Roman allein bei einer Kritik der Klima- und Genderreligion bewenden ließe. Über diverse unterhaltsam entfaltete Irrungen und Wirrungen, Ehebrüche und Unglücksfälle, Seitensprünge und Plagiate kommt der alternde Professor, der eigentlich längst den Anschluss an den naturwissenschaftlichen Fortschritt verloren hatte, an das Manuskript eines genialen Studenten, in dem ungeahnte Möglichkeiten der Energiegewinnung aus einer gelenkten Photosynthese aufgezeigt werden. Umstandslos wird aus dem klimatheoretischen Quietisten Beard ein Apostel klimatologisch bedingten Weltunterganges, weil sich auf diese Art mögliche Patente und Geschäfte am ehesten auschlachten lassen. Wie der alternde Nobelpreisträger zwischen all diesen Aktivitäten noch Zeit findet, diverse Geliebte zu beschlafen, eine Tochter zu zeugen und im Übermaß zu futtern und zu saufen, ist nachgerade erstaunlich. Trotzdem trudelt die Klimastory und das turbulente Privatleben schließlich im dritten Teil des vorliegenden Buches einem furioseren Finale entgegen, das leider abrupt abbricht und den Leser dafür mit zwei literarisch ungemein ergiebigen Gefühlen zurück lässt - erstens hat er sich prächtig unterhalten und zweitens sind ihm jede Menge Fragen hochgekommen, über die er weiter nachdenken wird. Was will man von einem zeitgemäßen Roman mehr erwarten?
Alle in allem ist das vorliegende Buch ein echter Kracher, ein Werk der allerhöchsten Güteklasse, würdig für einen potentiellen Nobelpreisträger, wobei ich jedoch die Befürchtung hinzufügen möchte, das Ian McEwan diesen Preis wahrscheinlich niemals erhalten wird, weil eben die Spezies der Geisteswissenschaftler, die in seinem Werk so unvorteilhaft wegkommen, darüber bestimmt, wer diesen Preis erhält.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Bei Ian McEwan kann man eigentlich nichts falsch machen. Ich würde so weit gehen, ihn als einen der geistreichsten und schlicht besten Autoren der Gegenwart zu bezeichnen. Dennoch war ich vor der Lektüre seines neuesten Werkes "Solar" skeptisch. Ein Buch über den Klimawandel? Das kann schnell dröge werden.

Wurde es aber nicht. "Solar" knüpft nahtlos an frühere Werke wie etwa Saturday an und hat mich rundum begeistert. Im Mittelpunkt steht der unsympathische Nobelpreisträger Michael Beard. Der betrügt seine Frauen nach Strich und Faden, sorgt dafür, dass ein ungeliebter Nebenbuhler im Knast verschwindet, und lebt wissenschaftlich lediglich von einer einzigen guten Idee, die er vor 40 Jahren hatte. Neues Gedankengut, das er als seines ausgibt, stammt in Wirklichkeit von einem viel jüngeren Wissenschaftler, der jedoch tödlich verunglückt ist.

Das Schöne an diesem Roman ist neben dem geschliffenen Stil die Vielschichtigkeit. Wir lernen nicht nur diesen Menschen in seiner ganzen Kaltblütigkeit kennen, was ein psychologisch äußerst stimmiges Portrait ergibt, sondern erfahren auch über den Wissenschaftszirkus - zum Beispiel wie man in diesen Kreisen etwas wird und dass es nahezu ausschließlich darum geht, Fördergelder abzuschöpfen. Dass man nebenbei auch noch etwas über moderne Verfahren zur Energiegewinnung lernt, kann man vernachlässigen. Würde mich das interessieren, würde ich ein Sachbuch lesen - aber gut recherchiert wirken auch diese Textstellen allemal. Auch Humor kommt gottseidank vor: zum Beispiel, wenn der tolpatschige Michael Beard versucht, in der Aktis bei minus 30 Grad zu urinieren.

Insgesamt ein tolles Buch, das ich hiermit uneingeschränkt weiterempfehle.
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12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 3. Januar 2011
Ich habe bislang noch kein Buch von McEwan gelesen, das mich auch nur annähernd NICHT gefesselt hat. Am faszinierendsten finde ich, dass man durch seine Romane - neben den menschlichen Abgründen, die er wortgewandt und fesselnd beschreibt - fast nebenbei sehr viel Wissen über Gebiete erlangt, für die man sich sonst gar nicht interessiert hätte.
In "Solar" ist das Solarenergie, künstliche Fotosynthese. Selbst Lesern, die keinen Funken Ahnung von Physik haben, vermag es McEwan, dieses Phänomen näher zu bringen. Aber einige Rezensenten haben Recht: Es geht hier gar nicht hauptsächlich um den Klimawandel und die Erfindung einer neuen, sauberen Energiequelle. Was mich vor dem Lesen zugegeben eher "abgeschreckt" hat - ich interessiere mich zwar für den Klimawandel und lebe so umweltbewusst wie es geht - aber ein "Klimabuch" wollte ich nicht lesen. "Solar" ist das aber gar nicht, sondern ein vielschichtiges, faszinierendes Menschenporträt, über einen - und uns alle. Wie fast immer in seinen Romanen geht es um einen männlichen Protagonisten, der sich vor verschiedenste Probleme gestellt sieht. In "Solar" ist dies zwar tatsächlich eine eher unsympathische Figur - ein bindungsunfähiger, maßloser Nobelpreisträger - doch habe zumindest ich mich beim Lesen sofort auf seine Figur einlassen können, weswegen mich das Ende auch mehr als berührt hat. Obwohl er sich manchmal so ungerecht und verletzend verhält, bleibt Michael Beard doch eine zutiefst menschliche und bemitleidendswerte Figur, der man gern über 400 Seiten folgt.
Die Wendungen sind genial, der Protagonist auch, die Verweise auf den Klimawandel ebenfalls - und sprachlich fesselt McEwan wie gewohnt aufs Vorzüglichste. Ich habe dieses 400 Seiten-Buch wahnsinnig schnell ausgelesen und im Vergleich zum Roman-Vorgänger "Am Strand" (das Libretto-Buch mal ausgelassen), das mich vom Thema her zwar mehr interessiert hat, hat mich "Solar" bedeutend mehr bewegt, unterhalten und berührt. Dieses Buch ist jeden Cent wert und beim Zuklappen nach der letzten Seite hinterlässt es diese traurige, aber intime Gefühl, das der Leser eines McEwan-Romanes hat, wenn er den letzten Satz verschlungen hat.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Seit dem wirklich besten Buch, dass ich von Ian Mc Ewan gelesen habe, Abbitte nun etwas ganz anderes. Eine aktuelle Erzählung über die Photovoltaik und das anscheinende Umfeld oder auch Milieu.

Was als Idee sehr reizvoll ist, eine Hauptfigur als eine Art Erlöser für die Welt, selber jedoch absolut beschränkt auf Egoismus, Esssucht und Sex, ergibt einen interessanten Mix.

Mc Ewan kann gut, richtig sehr gut schreiben: Ein ganzes Leben war vergangen, seit er das letzte Mal beim Orgasmus so hemmungslos gebrüllt hatte. Nie hätte er geglaubt, dass er solche Gipfel der Lust mit einer Frau von einundfünfzig Jahren erklimmen könnte, deren Körper so schlaff und erschöpft und aufgedunsen, so von Krampfadern überzogen war wie sein eigener.

Genau solche Stellen hatten in in mir primär ein Lachen ausgelöst, bis ich dann die eigentliche Realität und Tragik dahinter erkennen konnte. Dies aus meiner Sicht eine Einzigartigkeit dieses Schriftstellers so gezielt, amüsant und doch wahr zu schreiben.

Vielfach musste ich laut lachen, dies zur Verwunderung der Mitpassagiere im öffentlichen Verkehrsmittel, gegenteilig war ich manchmal recht gelangweilt, wenn die Geschichte keine richtige Fahrt aufnehmen wollte. Das ging mir über das ganze Buch so, sonst ist es einfacher, entweder das Buch ist schlecht, oder es ist gut. Hier war ich hin- und hergerissen.
Gegen den Schluss jedenfalls überwog doch das Gute.

Wahrscheinlich ist die ganze Thematik einfach zu trocken und schal, als dass es wirklich spannend sein kann. Trotzdem vier Sterne für die Schreibkunst von Mc Ewan.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Ein klein wenig erinnert mich der neue Roman von Ian McEwan ja an die alte griechische Sage von Dädalus und Ikarus. Letzterer wurde bei der Flucht mit selbstgebauten Flügeln aus Federn und Wachs ja so hochmütig, dass er zu übermütig wurde und die Hitze der Sonne zu seinem Schicksal wurde.

Ähnlich geht es auch dem Nobelpreisträger Michael Beard in „Solar“. Das Licht ist sein zentrales Lebensthema und seit er für seine vor Jahrzehnten gemachte Entdeckung über Photonen einen Nobelpreis erhielt, ist er übermütig geworden. Statt sich weiter seinen Forschungen zu widmen, ruht er sich lieber auf den Lorbeeren aus, und zieht Affären mit Frauen der Publikation oder der Forschung vor. Eigentlich ist dieser Michael Beard ein richtiger Antiheld, der beim Leser nur Ablehnung evoziert. Dennoch schafft es McEwan, dass man über die 400 Seiten das Schicksal des gefallenen Mannes mitverfolgt und die Jahre beobachtet, die ins Feld schreiten, ohne dass sich Beard bessert.

Der englische Bestsellerautor garniert seinen Roman mit Exkursen in die Physik und streut einen sehr subtilen und feinen Humor ein, der aber durchaus mal zum Slapstick changiert. Bitterböse und schwarzhumorig ist „Solar“ ein Lesegenuss, bei dem man dem Niedergang eines ehemaligen Helden beiwohnen kann. Zwar erreicht das Buch nicht die Klasse des phantastischen „Abbitte“, ist dennoch aber definitiv eine Lektüre wert und weiß zu unterhalten!
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20 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 1000 REZENSENTam 31. Oktober 2010
Wie nicht anders zu erwarten scheiden sich die Geister bei McEwan's neuem Roman, wie üblich schafft er so starke Emotionen beim Leser, dass man den Roman entweder verschlingt oder verwünscht. Ich habe mich schier kaputt gelacht.

Nihilist Professor Michael Beard ist ein Widerling der besonderen Klasse, unreflektiert, vollkommen emotionslos, von einer Egomanie gezeichnet, die bestimmt durch seinen frühen Erfolg als Nobelpreisträger für das Beard-Einstein-Theorem für Photovoltaik verstärkt wurde. In seiner unbestrittenen Intelligenz ist er der Welt und seiner Mitmenschen gegenüber abgestumpft, gefühlskalt und absolut ernüchtert. Als fetter, unansehnlicher, kleiner, haarloser Kerl hat er bemerkenswerten Erfolg bei den Frauen, wenn auch nicht von langer Dauer, dennoch bringt er es zu erstaunlichen fünf Ehen (und Scheidungen) und jeder Menge unverbindlichem Sex. Doch auch Beard ist nicht vollends unverwundbar. In einer unachtsamen Situation manövriert er sich in ein chauvinistisches Eck, verstärkt durch die Aussagen liebsamer Kollegen. Doch er kriegt die Kurve und benützt die Idee eines ehemaligen, verstorbenen Mitarbeiters, um aus seiner abgewrackten Situation einen Ausweg zu finden - und es wird ihm gelingen.

"Als sie die Londoner Innenstadt erreichten, war er beim Thema Strahlungsantrieb angelangt, anschließend kam die übliche Litanei über schrumpfende Gletscher, sich ausbreitende Wüsten, vernichtete Korallenriffs, unterbrochene Meeresströmungen, ansteigende Meersspiegel, unwiderruflich dies und das und alles Mögliche, immer mehr, während Beard längst nicht mehr zuhörte, finster und verdrossen, nicht weil der Planet in Gefahr war - wieder dieses schwachsinnige Wort -, sonder weil jemand ihm davon mit solcher Inbrunst vorschwärmte." S55

Ian McEwan ist mit diesem Roman eine "Paradesatire" par excellence gelungen. Er parodiert jedoch nicht nur den Egozentriker und Blender Beard, sondern lässt auch an den vermeintlichen "Gutmenschen" und "Weltverbesserern" kein gutes Haar. Seine Klasse bestätigt er ein ums andere Mal mit bestechenden Recherchen - kann man sich nun für Quantenphysik erwärmen oder nicht, stellt er selbst diese Materie für den Laien in ein fassbares Licht. Über beinahe ein Jahrzehnt beschreibt er die Entwicklungen und Machenschaften des Unliebsamen, gleitet von einem Erzählstrang behände zum nächsten, früheren oder parallelen, ohne in seinem fein geknüpften Netz jemals auch nur eine Masche zu verlieren. Fantastisch!
Doch hinter all der Konzentration auf das "Beard'sche Universum" und seine Unordnung, zeigt McEwan auch Tatsachen auf, die nicht zu leugnen sind - unsere Ignoranz gegenüber der Erderwärmung und der Zerstörung unseres Planeten.

Entweder man liebt diesen Roman, oder man tut es nicht! Wie erwähnt, ich habe mich köstlich amüsiert (am meisten bei der herrlichen !Chips-Tüten-Szene! im zweiten Teil)
Machen Sie sich Ihr Bild von Beard!
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